Kultur : Kommt ins Offene, Freunde

Sir Simon Rattle schenkt den Berliner Philharmonikern neue Kraft. Ein erster Monat - und ein erstes Resümee

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Von Christiane Peitz

Manchmal spannt sich seine Gestalt von den Füßen bis in die Fingerspitzen. Simon Rattle hat sich den zweiten Geigen zugewandt, die rechts außen sitzen, und beschwört sie mit dem Taktstock, während er mit der durchgestreckten Linken und flatternden Fingern gleichsam hinterrücks die Violinen in Schach hält. Dann tritt er ganz nach vorne ans Pult, beugt sich in Richtung Bratschen und Celli, bis er um ein Haar ins Orchester zu fallen droht. Keine Distanz, sagt diese Körpersprache: Ich, der Chef, bin einer von euch.

Rattle, der Anfeuerungs – und Entfesselungskünstler. Für nichts ist er sich zu fein. Dirigiert mit sperrangelweit offenem Mund, gibt den Clown, markiert das Monster, den Tänzer, den Charmeur. Gelegentlich erstarrt er wie in Trance, um elektrisiert aufzufahren und die Philharmoniker mit offenen Armen erneut zu empfangen. Leonard Bernstein auf britisch. Ein Provokateur: Schlusstakte winkt er mit geballter Faust ab, Solo-Passagen sticht er mit dem Zeigefinger an, die Kantilenen trägt er im Handballen, behutsam, wie feines Porzellan. Oder er schüttelt eine Melodie mal eben aus dem Handgelenk.

Seit einem Monat ist Sir Simon als Nachfolger von Claudio Abbado bei den Berliner Philharmonikern. Sechs sinfonische Programme gab er zum Einstand, und schon haben wir uns an seinen Anblick gewöhnt. An die Vitalität seiner Erscheinung, sein überbordendes Temperament. Das Aufregende daran: Nicht nur die Augen der Zuhörer bekommen etwas geboten. Rattles Vitaminspritze befreit den Philharmoniker-Klang aus der Schwindel erregenden Höhenluft der letzten Abbado-Konzerte und verleiht ihm neue Bodenhaftung. Den trancehaften Abschiedsgesängen des Puristen folgt zum Saisonbeginn die Ouvertüre des Hedonisten, der Transzendenz die Transparenz.

Zum Eröffnungskonzert mit Mahlers Fünfter beschrieb die „FAZ“ den Paradigmenwechsel trefflich als Unterschied zwischen „Stil und Charakter“. Wer die soeben erschienene CD mit dem Live-Mitschnitt hört, kann diesen Unterschied mit Händen greifen: Mahlers Ländler, sein Volkston, sein Sentiment, seine Katastrophen-Stimmung, kurz: seine Sinnenfreude kommen Rattles Konzentration auf den Augenblick entgegen. Und der zweite Rattle-Abend mit Schuberts Großer C-Dur-Sinfonie huldigte dem Ursprung des Orchesterspiels aus dem dialogischen Prinzip. Ob Mozarts „Gran Partita“, eine filigran konturierte Haydn-Sinfonie oder der Bläser-Kraftakt in Magnus Lindbergs „Gran Duo“: Eine Art Basisdemokratie ist da am Werk: Action, ja bitte, aber aus dem Geist des Teamgedankens. Keiner spielt für sich allein, und jeder bleibt eine Persönlichkeit. Rattle fördert die individuelle Handschrift genauso wie die Gesprächsbereitschaft. Dass die Philharmoniker sich nach dem Konzert die Hand reichen, dass der Chefdirigent beim Applaus einzelne Musiker beglückwünscht, oder dass Solisten – wie der Hornist Stefan Dohr in Mahlers Scherzo – an die Rampe treten, sind dabei nur äußerliche Rituale einer neuen Lust an der Kommunikation.

Übermut und Finesse

Nach Abbado, dem Metaphysiker, nun also der Showmaster des Physischen: Rattle liebt scharfe Punktierungen und Synkopen, das Sforzando, die extreme Dynamik, den jähen Wechsel. Ob es swingt oder walzert, ob Sekundintervalle schmerzhaft ausgekostet oder Generalpausen – wie bei Bruckners Neunter zum Tag der Deutschen Einheit – durch ein vorangestelltes Accelerando wirkungsvoller in Szene gesetzt werden: Bei ihm entsteht der Affekt aus dem präzise gesetzten Effekt. Auf die „Körperlichkeit“, das „Südländische“ der Philharmoniker hat Rattle, der seit Ende der Achtziger mit dem Spitzenensemble musiziert, bereits in seinen Antrittsinterviews aufmerksam gemacht. Dabei tut der 47-jährige Brite nicht mehr und nicht weniger, als eine Tradition wiederzubeleben. Wie schon Furtwängler mit den Berlinern Brahms frontal anpackte, wie Karajan im Scharoun-Bau Mozart zum Tanzen brachte, so vereint Rattle erneut Übermut und Finesse, Sinn und Sinnlichkeit.

Musik ist für Sir Simon eine Feier der Gegenwart: die Kunst der Ausdrucksextreme bis zur Ekstase. Folglich ist das Konzert der Moment, in dem das Publikum Einblick in die Werkstatt erhält. Jede Aufführung ein work in progress, die riskante Probe aufs Exempel. Wer sich an Rattles Johannespassion vom Februar erinnert oder an Beethovens Neunte im April, weiß, wie hoch das Wagnis ist. Bei der versuchsweisen Umwandlung von Bachs Affekten- in die Rattle’sche Effektenlehre blieb das expressive Pathos des Oratoriums mitunter auf der Strecke. Und die Beethoven-Zertrümmerung förderte zwar funkelnde Scherben zu Tage, nicht aber ein überzeugendes Ganzes. Da kämpften sie noch miteinander, das Orchester und sein künftiger Chef.

„Er ist lebendig, er ist gegenwärtig“, heißt es in Olivier Messiaens „Trois Petites Liturgies“, die nun im September zu Beginn des französischen Abends erklangen. Erst Messiaens hauchzart-kindliche Frömmigkeit, dann Maurice Ravels derber musikalischer Spaß, die Kinderoper „L’Enfant et les Sortilèges“ mit singenden, klingenden Teekannen, mit Miau-Duett und keckerndem Rundfunk-Chor. Eine Therapiestunde, möglicherweise: Es darf auch gelacht werden.

Ein bisschen kontrollierte Regression, eine Prise Dada kann dem Präzisionsapparat der Philharmoniker nämlich nicht schaden. Und auch der Jazz, den Anthony Turnage in sein Drogen-Drama „Blood on the Floor“ hineinflicht, die harten Beats, die an den Fesseln der klassischen Kompositionsweise zerren, sorgen für Adrenalinstöße. Zehn Tage nach dem musikalischen Kampf um die Überlebenslust im Angesicht des Drogentodes klingt sogar Bruckner verdammt modern. Rattle, der Großstadtneurotiker. Bloß keine Angst vor Eklektizismus. Das Profunde und das Profane liegen millimeterdicht beieinander.

Dass Rattle zum Amtsantritt nicht nur Hochkultur bietet, hat gewiss didaktische Gründe. Wenn er gemäßigte britische Neutöner wie Thomas Adès oder Turnage aufs Programm setzt und zum Jazzkonzert lädt, oder wenn die Orchestermusiker mit Zukunft@Bphil in die Schulen gehen, sind dies nicht nur Lockerungsübungen. Kommt ins Offene, Freunde: Nicht nur das Orchester möchte der Sunny Boy aus Liverpool mitreißen, sondern auch das Berliner Publikum. Wer neue Hörerschichten erschließen will, darf Neugierige nicht verschrecken. Rattle, der Verführer, bereitet den Boden: In drei Jahren möchte er Kompositionsaufträge vergeben und ein Spektrum von der Barockmusik bis zum Zeitgenössischen vorweisen können.

Kante und Kontur

Simon Rattle aber ist nicht der einzige. Berlins vielfältige Musiklandschaft mit drei Opern- und sechs Konzertorchestern lädt zum Vergleich. Christian Thielemanns Wagner-Sound an der Deutschen Oper. Der Schmelzklang der Staatskapelle unter Daniel Barenboim. Und nun, seit der Ankunft Sir Simons, der Wettstreit zwischen zwei Liebhabern der klaren, schroffen Kontur: Kent Nagano ist gewiss Rattles ebenbürtigster Sparringspartner. Der jüngste Bruckner-Abend seines Deutschen Symphonie Orchesters beweist einmal mehr: Auch Naganos Bruckner ist hochmodern – und weist dazu mit seiner Kunst der Auf- und Aussparung mehr innere Spannung auf als der von Rattle. Und auch Nagano unterzieht sein Ensemble einer Verjüngungskur, emanzipiert die Einzelstimme. Er probiert dies aber nicht mit Jazz-Einlagen, sondern wie vor wenigen Tagen mit Bachs Kunst der Fuge. Nagano, der Analytiker und Visionär, tuscht Aquarelle, fördert Grundrisse zu Tage – aus dem Ganzen entwickelt er die Details. Rattle trägt kräftige Farben auf, dringt von der Oberfläche in die Tiefenstrukturen vor – im Detail entdeckt er das Ganze. Beim gleißenden Glück einer Schubert-Sinfonie ist Rattle überlegen, beim langen Atem, den Architekturen Bruckners gewinnt Nagano. Noch.

Die Philharmoniker gehen nun auf Tournee. Sie spielen in München und Frankfurt am Main, in Amsterdam, London und Paris. Nach der Rückkehrt werden sie anders klingen. Der Wettstreit geht weiter.

Soeben erschienen: Simon Rattle und die Berliner Philharmoniker, Mahlers 5. Sinfonie (Live-Mitschnitt des Konzerts vom 7. 9.). Die Berliner Philharmoniker in Aufnahmen mit ihren Chefdirigenten Nikisch, Furtwängler, Karajan, Abbado, Rattle, 6 CDs. (beide EMI)

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