Kongress Kulturinvest : Am digitalen Lagerfeuer

Wie Bühnen, Museen und Festivals Publikum gewinnen – und an sich binden können. Notizen vom Kulturinvestkongress im Berliner Tagesspiegel-Verlagshaus.  

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Stadtmarketing. Das Ensemble der Nibelungenfestspiele von Worms im vergangenen Sommer. Im Hintergrund steht der berühmte Dom.
Stadtmarketing. Das Ensemble der Nibelungenfestspiele von Worms im vergangenen Sommer. Im Hintergrund steht der berühmte Dom.Foto: picture alliance / Uwe Anspach/d

„Multisensorische Inszenierung von Kulturmarken“ – das hört sich so richtig schön fachmännisch-kompliziert an. Und meint doch nur, dass Veranstalter alles daran setzen sollten, ihrem Publikum den Besuch so angenehm wie möglich zu machen. Denn nur so sichern sie sich dessen Gunst dauerhaft. Die neue Pariser Philharmonie beispielsweise, entworfen vom Architektenstar Jean Nouvel, sieht von außen faszinierend aus, mit ihren amorphen Formen und vielfältigen Oberflächen. Neugierig betritt der Konzertbesucher das Innere, lässt sich durch die avantgardistisch-futuristischen Foyers treiben – bis er zum Pausenbuffet kommt: Dort liegen nur Sandwiches in Frischhaltefolie, das Plastikflaschen-Mineralwasser ist ein Italien-Import. Als ob die französische Nation keinen kulinarischen Ruf zu verteidigen hätte! Hier wurde die unternehmerische Strategie des Hauses nicht konsequent umgesetzt.

Beim Berliner Kulturinvestkongress im Tagesspiegel-Verlagshaus stellt der PR-Mann Henry C. Brinker dem Pariser Negativbeispiel die New Yorker Metropolitan Oper gegenüber. Dort, schwärmt er, sei alles stimmig: Weil dort auch die außermusikalischen Faktoren bedacht sind, die aus einem Musiktheaterabend ein unvergessliches Gesamterlebnis machen. Im größten Musiktheater der Welt liegt zwar eine große Distanz zwischen der Bühne und den Rängen, dafür aber können die Besucher in den Foyers historischen Kostümen ganz nahe kommen. Wer von der Klimaanlagenluft durstig wird, bekommt kostenlos Wasser, im Shop wird die Magie der Kunstgattung raffiniert beschworen, und wer sich einmal als VIP fühlen will, kommt sonntags zum Brunch, der im Grand Tier stattfindet, in der Beletage also, wo die sündhaft teuren Plätze sind. Der Gast, erklärt Henry C. Brinker, werde in der Met nicht als nötiges Übel angesehen, sondern als Kunde. Was natürlich auch daran liegt, dass amerikanische Kulturinstitutionen fast ohne Subventionen wirtschaften müssen. Und darum alles tun, damit die Leute wiederkommen.

„Digital. Und mit allen Sinnen“ lautet das diesjährige Kongress-Motto. Und benennt damit die beiden großen Herausforderungen, denen sich die Kulturinstitutionen stellen müssen. Je mehr der Alltag von Smartphones und Computern dominiert wird, desto größer wird das Bedürfnis der Menschen nach Live-Erlebnissen. Doch die potenziellen Besucher lassen sich immer schwerer erreichen. Den massenkompatiblen Großevents macht der Rückgang des Reisebustourismus zu schaffen, den Hochkultur-Häusern das Verschwinden des klassischen Bildungsbürgertums.

„Storytelling“, Geschichten erzählen, heißt darum das Zauberwort der Branche, wenn es darum geht, Neugier zu wecken, sei es in den Weiten des Internets oder konkret vor Ort. Bei der Entscheidung, wohin er sich wenden soll, ist der moderne Individualreisende stets von einer derartigen Informationsflut umspült, dass es Kulturveranstalter schon besonders geschickt anstellen müssen, um die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken.

Kreativ sein und authentisch bleiben, lautet das Credo der Stadtmarketingmenschen 2017

Die Mannheimer Reiss-Engelhorn-Museen bieten passend zu ihren kulturhistorischen Ausstellungen jeweils zeittypische Spezialitäten an, zum Beispiel Barock-Bier oder Päpste-Wein. Die Sache mit dem Leberkäs hat ihnen jüngst sogar nationale Aufmerksamkeit beschert: Im Rahmen einer Ausstellung über den Kurfürsten Carl Theodor enthüllten sie etwas Unglaubliches: Als der Adlige 1777 von Mannheim nach München umziehen musste, um dort sein Erbe anzutreten, war es Carl Theodors mitgebrachter Pfälzer Leibkoch, der im Exil die urbayerische Kalorienbombe erfand! Die nun mit Hilfe einer Mannheimer Metzgerei nun als „Lewwerkas“ medienwirksam in die Heimat zurückgeholt wurde.

Kreativ sein und authentisch bleiben, lautet das Credo der Stadtmarketingmenschen 2017, das in den Vorträgen und Präsentationen immer wieder auftaucht. Egal, ob es darum geht, ein Theaterstück zu verkaufen, ein Museumsprojekt oder eine ganze Stadt. Denn auch Gemeinden brauchen heute ein klar definiertes Leitbild und möglichst auch noch ein Alleinstellungsmerkmal, um das herum sie ihre Aktivitäten gruppieren können. Vom touristischen Selbstläufer Berlin vielleicht einmal abgesehen.

Mit packender lokalpatriotischer Leidenschaft präsentieren sich die Stadtmarketing-Manager aus Worms und Krefeld beim Kongress – wobei ihre Ansätze absolut konträr sind. In Worms fokussiert sich alles auf die Nibelungen – weil ein Großteil des mittelalterlichen Thrillers in der Stadt spielt. Ganzjährig wird das Thema in einem Museum gewürdigt, es gibt populäre Vergnügungen wie Ritterspiele und als Highlight die Nibelungenfestspiele, bei denen in jedem Sommer eine Uraufführung vor dem mächtigen Dom stattfindet.

In Krefeld dagegen zielt man realistischerweise gar nicht erst auf Besucher von außerhalb, sondern versucht zunächst, bei den eigenen Einwohnern eine Zuneigung zu ihrer von Kriegsschäden und Strukturwandel gebeutelten Stadt aufkeimen zu lassen. Indem gerade die besonders hässlichen Ecken zur urbanen Bühne erklärt werden, mit den Krefeldern als Akteuren. Ein ruinöser Industriekomplex am Rhein, der von Street Art Künstlern großflächig besprüht wird, ein paar Zentner Strandsand über den Schutt gekippt, dazu zwei Dutzend Bierbänke – auch so kann Eventkultur aussehen. Gedacht und gemacht für die Einheimischen.

Und weil sich weltgewandte Zeitgenossen bei ihren Trips in fremde Städte am liebsten selber wie Locals fühlen wollen, könnte es sogar sein, dass sich bei der Krefelder Freiluftfeierei im Sommer unbemerkt ein paar Hipster aus der Hauptstadt unters Volk gemischt haben.

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