Konono No.1 im HAU : Schrott schafft Spiritualität

Auf dem Energielevel von Punkrock: Das großartige Berliner Konzert der aus der Demokratischen Republik Kongo stammenden Band Konono No.1

Volker Lüke
Die aus der Demokratischen Republik Kongo stammende Band Konono No. 1
Die aus der Demokratischen Republik Kongo stammende Band Konono No. 1Foto: promo

Afrika boomt! Der Kontinent beheimatet eine Vielzahl musikalischer Stile, die in Europa Konzertsäle und Tanzflächen füllen, seit Popstars wie Paul Simon, Peter Gabriel oder Damon Albarn afrikanische Musiker fördern. Eine der aufregendsten Entdeckungen sind Konono No.1 aus der Demokratischen Republik Kongo. Bereits in den sechziger Jahren, als Konono No. 1 von Mingiedi Mawangu gegründet wurde, entwickelte das Orchester einen speziellen Sound, der das traditionelle Daumenklavier als erhabene Lärmmaschine ausweist. Die Musiker aus Kinshasa verstärken ihre Instrumente mit Bastelelektronik und Schrott und bringen so die traditionelle Bazomba-Trance-Musik auf das Energielevel von Punkrock und Acid-House. Beinahe dreißig Jahre lang war die einzige Aufnahme von Konono No. 1, die man außerhalb des Kongos hören konnte, ein 1978 aufgenommener Track, der 1987 auf einem "Zaire"-Sampler erschien.

Ihr Debüt "Congotronics" erschien 2004 auf einem belgischen Label

Dieses Stück beeindruckte den belgischen Vinylschatzsucher und Musikproduzenten Vincent Kenis so sehr, dass er sich auf die Suche nach der Band machte und ihr Debütalbum "Congrotronics" 2004 auf seinem Label "Crammed Records" veröffentlichte. Es ist ein Album, das die Fans von innovativem Rock und elektronischer Clubmusik gleichermaßen begeistert. Ihr jüngstes Album heißt „Meets Batida“, es entstand in Zusammenarbeit mit dem portugiesischen DJ-Künstler Batida, der allerdings beim Auftritt von Konono No. 1 im Hebbel-Theater nicht dabei ist.

Das ist hochenergetische, fröhlich hüpfende Scheppermusik

Nach dem Tod von Mawangu im vergangenen Jahr ist nun dessen Sohn Augustin der Bandleader, doch am Klang hat dieser nichts verändert. Der ist nach wie vor schön anzuhören – und auch schön anzuschauen. Zum Beispiel, wenn zwei der fünf Musiker ihre elektrisch verstärkten Daumenklaviere wie Fernsteuerungen in den Händen halten und entspannt konzentriert einen Wirbelsturm aus polyphon geschichteten Klimpermelodien entfachen.

Dazu ertönt ein insektoides Gezirpe aus durchdringenden Basslinien und Rückkopplungen, die wie verzerrte Rockgitarren aus den Anlageboxen und zwei alten, trichterförmigen Lautsprechern aus der Kolonialzeit prasseln. Im Verbund mit dem rastlosen Getrommel von Schlagzeug und Congas sowie dem eindringlich vorgetragenen Wechselgesang mit einer Sängerin entsteht eine hypnotische Ritualmusik. Kein weichgespülter Ethnokitsch, sondern zauberhafte, hochenergetische, fröhlich hüpfende Scheppermusik, ein ekstatisches Inferno aus sich wiederholenden Klangmustern. Das begeisterte Publikum hatte nach siebzig schweißtreibenden Minuten eine geradezu spirituelle Erfahrung.

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