Kultur : Konrad Wolf: Und über uns die Sterne

Kerstin Decker

Im Sommer wollte der brandenburgische Kulturminister Hackel die Potsdamer Filmhochschule "Konrad Wolf" umbenennen. Der Name, fand er, sei nicht mehr zeitgemäß. Auch müsse die Hochschule an "Kontakte und Wirtschaftsbeziehungen" denken.

Jetzt ist es Herbst. Hackel ist nicht mehr brandenburgischer Kulturminister. Die Filmhochschule "Konrad Wolf" heißt immer noch "Konrad Wolf". Und das Kino Babylon zeigt eine Konrad-Wolf-Retrospektive mit allen seinen Filmen. Woran man erkennt, dass Kulturminister und Regisseure sehr verschiedene Halbwertzeiten besitzen.

Aber welche haben nun die Filme eines Kommunisten? Heute wäre der Regisseur, Sohn des Schriftstellers Friedrich Wolf und Bruder des Chefs aller DDR-Auslandsspione Markus Wolf, 75 Jahre alt geworden. Er starb 1982. Kurz vorher drehte er "Solo Sunny". Vielleicht war es sein Abschiedsfilm von der DDR, von der er sich öffentlich nie lossagte: lakonisch, in langen Blicken auf den Prenzlauer Berg und seine alten Häuser. So bunt haben wir das Grau der DDR nie gesehen.

"Solo Sunny" ist eine Liebeserklärung vor allem an jene, die die Partei gern "unsere Menschen" nannte und die heute manchmal dem Westen eine so große Verlegenheit sind. Wie umgehen mit der mehr proletarischen Alltagskultur des Ostens? Wolf verschweigt nicht ihre Rohigkeit, aber er hat den untrüglichen Blick für das Zarte, die Kraft darin. Und er hat Renate Krößner als Ingrid Sommer, genannt Sunny. Eine Berliner Fabrikarbeiterin will Sängerin werden. Das Leben lacht sie aus - Sunny lacht zurück. Soviel DDR wie in "Solo Sunny" war nie. Und so wenig zugleich. Der späte Sozialismus, gesehen mit den Augen einer Schlagersängerin. Und er ist darin nicht mehr als eine Beiläufigkeit.

Dass Konrad Wolf, Präsident der Akademie der Künste der DDR, ihn so zeigen konnte, offenbart den Künstler. Denn nicht er selbst hielt den Sozialismus für beiläufig, nur der Künstler in ihm. Mit welcher Meisterschaft dieser Film geschnitten ist, wie er seine Motive einsetzt, in keiner Szene zuviel will oder zuviel sagt! Vielleicht lässt sich das Problem des Brandenburgischen Kulturministers so lösen: Kunst ist, wenn sie welche ist, per se unideologisch. Und darum - in ihrer ganzen Zeitbedingtheit - unvergänglich. Nur Ideologien sterben. Und die Ideologen auch, gottseidank.

Die Schnitte genau setzen. Das war Wolfs Gegenmittel. Manchmal rettet man sich nur durch Mikroskopie. Kleiner werden. Präziser werden. Unwiderlegbar. Wolfs Sprache waren die Bilder. Von der anderen machte er eher wenig Gebrauch. Viele empfanden seine Gegenwart als verstörend. Wieso redet der Mann so wenig? Manchmal musste er doch, schon als Akademiepräsident. Dann trugen seine Referate Titel wie "Wir Sozialisten sind mit jedem Atemzug, mit jedem Herzschlag Antifaschisten." Und Sätze kamen darin vor wie jene, die 1979 vor einem "gewöhnlichen Faschismus" warnten: "Seine Symptome sind (...) die Vorschläge an die Bewohner der sozialistischen Länder, durch Reformen die Selbstauflösung des Staat gewordenen Sozialismus zu betreiben."

Keine ungenaueren Schnitte sind denkbar als die in diesem Satz. Lauter Formatfehler. Lauter Ideologie. Franz Fühmann, der Dichter, hat ihm einen langen Brief dazu geschrieben. Auch Fühmann gehört zu jener Generation, die sich die DDR noch aus der Seele reißen musste. Von den Späteren fiel sie einfach ab. Konrad Wolf hat sich diesem Schmerz nicht ausgesetzt. Vielleicht hätte er sonst verstummen müssen als Regisseur.

"Ich war neunzehn" heißt ein Film, den Volker Schlöndorff einmal den "besten deutschen Film der Nachkriegszeit überhaupt" nannte. Wieder spürt man dieses Sich-Anklammern ans Material. Dieses Vertrauen: wenn es nur gelingt, alles zu erzählen, wie es war, wird das Geschehene sich selbst deuten. "Ich war neunzehn" ist Konrad Wolfs eigene Geschichte. Als Soldat der ersten Belorussischen Front erlebt er im Januar 1945 die Befreiung Warschaus und rückt weiter vor nach Westen. In das fremd gewordene Land, aus dem er kommt. 1934 emigrierte die Familie nach Moskau.

Der Junge Konrad Wolf ist ein Kind der Sowjetunion. Er war neunzehn, als er die Oder überschritt. Hier setzt der Film ein, Mitte April 1945, um tageweise voranzugehen bis zum 3. Mai. Konrad Wolf wurde Stadtkommandant von Bernau, sah das gerade befreite KZ Sachsenhausen und das Zuchthaus Brandenburg. Das war sie also, die "andere Heimat". Zuviel für einen, wenn man neunzehn ist? Zuviel für ein einziges Leben? Man hätte dem Film eine ideologische Geste nachsehen müssen - aber sie fehlt. Gregor aus "Ich war neunzehn", Rita aus "Der geteilte Himmel", der falsche Arzt Friedel Walter aus "Genesung", der Bildhauer Kemmel aus "Der nackte Mann auf dem Sportplatz", Pankonin aus "Mama, ich lebe" und natürlich Sunny, sie alle kommen aus einem Dazwischen, einem Zeitenbruch. Es sind Gegenfiguren des Agitatorischen.

Man sagt, der Antifaschismus der DDR sei abstrakt gewesen. Ob man das nach Filmen wie "Genesung", "Lissy" oder "Sterne", diesen Psychologien eines Mitläufertums immer noch sagen wird? Für "Sterne" erhielt Wolf 1959 den Spezialpreis der Jury in Cannes. Er lief als bulgarische Produktion. Denn die Bundesrepublik duldete keinen DDR-Film in Cannes und drohte Frankreich mit diplomatischen Konsequenzen.

Ideologie? Wir sehen ein Werk, das beinahe unberührt ist davon und einen Mann, der für sich selbst den gordischen Knoten seiner Herkunft nicht zu zerschlagen vermochte. Den einzig sein Künstlertum rettete. Das ist eine Dialektik, die in den Feuilletons - noch - nicht vorkommt. Schon weil sie sich der Nationalsozialismus-Analogie verschließt.

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