Konstantin Gropper : Zauberklang der Apokalypse

Opulenter Orchesterpop: Konstantin Gropper hat mit Get Well Soon sein drittes Album aufgenommen.

Lutz Happel
Inszenierung und Verehrung. Der 29-jährige Mannheimer Musiker Konstantin Gropper.
Inszenierung und Verehrung. Der 29-jährige Mannheimer Musiker Konstantin Gropper.Foto: City Slang

Konstantin Gropper ist von Berlin zurück nach Mannheim gezogen. Er brauche keine „Szene“ um sich herum, sagt der Mann, der hinter Get Well Soon steckt. Wichtig sei vielmehr, dass er seine Ruhe habe. Der 29-jährige Sänger und Multiinstrumentalist gehört zum Künstlertypus Eremit, er ist einer, dem das Rauschen im eigenen Hirn genügt, da muss nicht auch noch die Stadt um ihn herum rauschen. Schließlich wusste schon der frühromantische Ekstatiker Wilhelm Heinrich Wackenroder, dass die „Offenbarungen des Kunstgenies“ im Inneren stattfinden, also eher nicht am Kottbusser Tor.

„Genie“ oder wahlweise „Wunderkind“, das sind dann auch die gängigen, ziemlich verwelkten Vokabeln, mit denen Kritiker Gropper gern etikettieren. Wahrscheinlich, weil tatsächlich vieles an ihm an das Künstlerideal der Romantik erinnert: Ein Jungmann, den die Muße nicht küsst, sondern regelrecht belästigt, in sich gekehrt wirkend, in der Kunst Pomp und Pathos nicht scheuend. Einer, der – ganz souveränes Künstlersubjekt – erst mal alles im Kopf und PC durchkomponiert, bevor er Mitmusiker dazuholt. Fragt man Gropper, welche der gefühlten 50 Instrumente auf dem neuen Get-Well-Soon-Album er selbst eingespielt habe, zählt er lieber auf, welche darauf nicht von ihm stammen, das spart Zeit.

Man ahnt schon: Get Well Soons Orchesterpop leidet nicht gerade an Anämie. Auch der monströse Titel des nunmehr dritten Albums deutet es an: „The Scarlet Beast O’Seven Heads“, auf dem Wendecover zusätzlich auf Italienisch abgedruckt, „im Originaltitel“, wie Gropper sagt. Das klingt nach großer Indie-Oper, Sechziger-Jahre-Horrorfilmen, erinnert an das siebenköpfige wilde Tier aus der Offenbarung des Johannes, folgerichtig an den nahenden Weltuntergang und daran, dass die Zahl sieben in mystisch-religiöser Hinsicht Vollkommenheit symbolisiert. Geht’s auch eine Nummer kleiner? Auf keinen Fall. Willkommen in Get Well Soons Kopfkino.

Konstantin Gropper ist zweifellos ein begabter Komponist und Arrangeur mit großem Gespür für cinematografische Effekte. Gelegentlich verdingt er sich nebenbei als Filmmusikschreiber, zuletzt für Wim Wenders’ „Palermo Shooting“ und eine Art Porno-Familiensaga mit dem Titel „Xanadu“. Kein Wunder also, dass er sich diesmal ein populäres Kinosujet ausgesucht hat, um daraus Stoff für sein Album zu gewinnen: die Apokalypse. Das passt natürlich bestens zu seiner an großen, opulenten, dramatischen Gesten reichen Musik.

An der Oberfläche wird diese von Groppers dunklem, weltschmerzerprobten Gesangstimbre dominiert. Unter ihr scheinen jedoch ganze Orchesterwerke aufgeführt zu werden, die für sich genommen bereits ein Album füllen könnten. Mal wuchtig und heiter, mit Bläsersätzen und allerlei Saiteninstrumenten, dem Pseudo-Balkanisten Beirut nicht unähnlich. Mal ganz leise und unheimlich, mit viel Glockenspiel-Pling-Plang, altmodischen Synthesizern, Streichersätzen oder Chören, die wie Engel durch den Raum schweben. Hin und wieder baut sich dann doch eine kleine Indiegitarrenwand auf, die durch exotischere Instrumente bald wieder zum Einsturz gebracht wird. Nicht selten findet das alles innerhalb eines Songs statt.

Über weite Strecken wirkt „The Scarlet Beast O’Seven Heads“ wie eine geschickt zusammencollagierte Hommage an diverse Filmkomponisten, vornehmlich italienische wie Dario Argento, Ennio Morricone und Nino Rota, ein bisschen Tim Burton-Grusical ist auch dabei. Das Stück „Dear Wendy“ treibt es gar noch weiter mit Groppers Ikonenverehrung. Es liefert eine mathematisch präzise konstruierte Imitation des Trademarksounds von Wendy Carlos, der „Clockwork-Orange“- Scoreschreiberin, eine Pionierin der Klangsynthese, bekannt geworden durch ihre elektrifizierten Bach-Interpretationen. „Genauso faszinierend wie beängstigend“ sei das, sagt Gropper, und meint damit nicht nur die Suggestivität des Carlos’schen Sounds, sondern auch dessen rätselhaft komplexe Texturen.

Doch Groppers Referenzmanie beschränkt sich nicht auf Klänge. Das ist spätestens seit der Veröffentlichung des Get-Well-Soon-Vorgängers „Vexations“ bekannt, welches ein Konzeptalbum über den Stoizismus sei. Büchner, Seneca und Sloterdijk habe er zur Vorbereitung gelesen, gab der Ex-Philosophiestudent Gropper damals zu Protokoll.

Nicht mehr ganz so bildungsbürgerlich, aber immer noch sehr referenziell geht es nun auf „The Scarlet Beast O’Seven Heads“ zu. Der Song „Disney“ etwa ist eine Reflexion über den Zusammenhang von Kindheit und Mediennutzung. „Roland, I feel you“ stellt ein Zwiegespräch mit dem Katastrophenfilmregisseur Emmerich dar – schließlich verstünden beide etwas vom Untergang, singt Gropper, und außerdem steht dieser, wie man ja dank des Mayakalenders weiß und an den allerorten stattfindenden Straßenriots unschwer erkennen kann, unmittelbar bevor. „Just like Henry Darger“ wiederum bezieht sich auf den gleichnamigen amerikanischen Schriftsteller, der sein Leben erfolglos und weltentfremdet als Hausmeister in Chicago fristete. Er ist heute eine ähnlich sagenumwobene Gestalt der Literatur wie J. D. Salinger. „Interesse an obskuren Figuren und Biografien habe ich immer“, sagt Gropper, und meint damit vor allem: Mythologie, Weltferne, Selbstgenügsamkeit.

Am Ende von „The Scarlet Beast O’Seven Heads“ weiß man über all das, und noch über so einiges mehr Bescheid, beispielsweise über die Dämonen der Liebe im Allgemeinen sowie diverse Verschwörungs- und Weltuntergangstheorien, die Generation X und einen Autounfall Hitlers im Speziellen. Man kann nicht oft genug betonen, wie perfektionistisch Get Well Soons sinfonischer Indiepop mit all seinen musikalisch-cineastischen Verweisen klingt. Interessanterweise liegt darin auch seine größte Schwäche. Denn gelegentlich schwingt bei dem Popakademie-Absolventen eine gewisse Angestrengtheit mit, die leicht entsteht, wenn zu viel Können und zu viele Ideen aufeinandertreffen.

Wer das Album genießen möchte, der sollte jedenfalls keine Angst vor kunstsinniger Überfrachtung haben. Dabei wollen Get Well Soon mit ihrem Mash-up aus Referenzen und Reverenzen, Imitationen und Sound-alikes offenbar auf nichts Bestimmtes hinweisen, keinerlei Zusammenhänge zwischen sich und anderen Musiken markieren oder gar – wie etwa der Zitatpop der frühen achtziger Jahre – das Konstrukthafte und Historisierende von Popmusik mit ironischem Blick in Richtung Vergangenheit betonen. Get Well Soon erfreuen sich einfach an der schieren Masse des ihnen zur Verfügung stehenden Materials. Und darin liegt wohl Groppers eigentliches Interesse: Den Hörer mit dieser wohlklingenden Masse zu überwältigen.

Get Well Soon: „The Scarlet Beast O'Seven Heads“ erscheint am 24.8. bei City Slang. Konzert: 20.9., Astra, Berlin.

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