Konzert : Bin ein Fremdling überall

Der Brite Ian Bostridge widerlegt das Klischee vom dummen Tenor. Erst studierte der Arbeiterjunge in Oxford und nahm dann klassische Cds auf. Trotz der Bühnenkarriere gibt sich der Tenor ganz bodenständig.

Frederik Hanssen
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Gedankenschwer. Am Montag singt Ian Bostridge Händel-Arien in Berlin. Foto: EMI

Seine zweijährige Tochter lacht sich ständig schlapp, erzählt Ian Bostridge: „Ottilie findet die ganze Welt einfach wahnsinnig witzig.“ Da war er als Kind ganz anders. Damals, Anfang der siebziger Jahre, strich er durch die Straßen von London, betrachtete seine Umgebung verwundert, ungläubig. Das meiste, was seine Mitmenschen taten, schien ihm merkwürdig, blieb ihm fremd. Die Bücher wurden seine Welt, er kämpfte sich durch die Schulzeit, schaffte es nach Oxford, studierte Geschichte und Philosophie, promovierte über Hexenwahn im 18. Jahrhundert, schlug die akademische Laufbahn ein – in Großbritannien noch heute ein verdammt harter Weg für einen Jungen aus der Arbeiterklasse.

Hätte sein Professor Keith Thomas den Hobbysänger nicht ermutigt, es im Klassik-Geschäft wenigstens einmal zu versuchen, Ian Bostridge würde noch heute in den Bibliotheken der südenglischen Universitätsstadt hocken. 1993 gibt er sein professionelles Debüt als Tenor, bereits zwei Jahre später tritt er in der Londoner Wigmore Hall auf, 1995 steht er in Covent Garden auf der Bühne. Ein intellektueller Tenor – das versetzte die Fachwelt in Erstaunen. Eine contradictio in adjecto, wie seine Akademiker- Kollegen das nennen würden, ein Widerspruch in sich also, der in diesem schmächtigen, immer etwas kränklich wirkenden Kerl von der Insel Gestalt angenommen hatte.

Plötzlich stand da jemand, der genau so aussah, wie man sich die hoffnungslos liebenden Gestalten bei Schubert und Schumann vorgestellt hatte: Bin ein Fremdling überall. Schnell wird Bostridge auch auf dem Kontinent als Liedsänger bekannt – der einzige Fernstudent Dietrich Fischer- Dieskaus, der seinem Lehrer erst dann begegnet ist, als er längst selber reifer Künstler war.

Mit 14 Jahren schicken Mr & Mrs Bostridge ihren hochbegabten Sohn auf ein Internat. Sein Zimmerkollege dröhnt sich mit Punkrock zu, der sensible Ian aber will mehr von dem Bariton und seinen rätselhaften Gesängen hören, die der Deutschlehrer ihnen vorspielt. Er beginnt Fischer-Dieskau-Platten zu horten, singt alles mit, gewinnt so ein Gespür für die fremde Sprache und die Gefühlswelt der Romantiker. Ohne jeden Unterricht entdeckt er seine eigene Stimme, erarbeitet sich Werk um Werk. Als er sich für eine CD-Aufnahme der „Schönen Müllerin“ 1995 Tipps vom Meister holen will, spürt er deutlich den Generationsunterschied: Die Selbstverständlichkeit, mit der Fischer-Dieskau zwischen „richtigen“ und „falschen“ Interpretationsansätzen unterscheidet, ist ihm völlig fremd. Für Bostridge gibt es immer mehrere Lösungen. Der überraschende, ganz individuelle Zugang erscheint ihm nicht weniger wert als die Analyseergebnisse der historischen Aufführungspraxis.

Was Ian Bostridge eher mit Fischer- Dieskau verbindet, ist die Breite seines Repertoires: Schuberts später Liederzyklus „Schwanengesang“ sowie Benjamin Brittens Seefahrer-Oper „Billy Budd“ sind gerade auf CD herausgekommen (bei Virgin Classics), sein Berlin-Gastspiel am Montag bestreitet er mit einem reinen Händel-Programm, begleitet von der Northern Sinfonie unter Bradley Creswick. So, wie die Briten den barocken Tonsetzer gerne als „englischen Komponisten deutscher Herkunft“ vereinnahmen, hört Ian Bostridge es gerne, wenn man ihn als „deutschen Sänger britischer Herkunft“ charakterisiert. Dass manche den Klang seines schlanken, hellen Tenors „weiß“ nennen, stört ihn nicht: „Ich versuche meine Farben zu finden durch stilistische Vielseitigkeit.“

Wie er einem da beim Interview gegenübersitzt, angetan mit weißem Hemd und Krawatte zum V-Ausschnitt-Pullover, wirkt der 43-Jährige wie ein ewiger College-Boy. Am Bohème-Leben hat der zweifache Familienvater nie Gefallen gefunden, bezeichnet sich sogar freimütig als zutiefst bürgerlichen Charakter. Nur ein einziges Mal ließ er sich bislang zu einer Sauftour überreden, von Anna Netrebko, im Sommer 2006, als sie zusammen in einer Londoner „Don Giovanni“-Produktion sangen. Bis vier Uhr früh schleppte ihn die russische Diva durch die Nachtclubs, am nächsten Mittag wachte er auf und bekam keinen Ton mehr heraus. „Es war eine lustige Erfahrung“, sagt Ian Bostridge in makellosem Oxford-Englisch, „aber ich denke, ich werde so etwas nicht noch einmal tun“.

Montag, 9. März, 20 Uhr, Konzerthaus

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