Konzert : Ein Jahr 09

Ingo Metzmacher und das DSO in der Philharmonie

Carsten Niemann

Wegen der Bildung ins Konzert zu gehen, gilt als uncool: Doch der Reiz der „Aufbruch 1909“-Reihe, in der Ingo Metzmacher und das Deutsche Symphonie-Orchester Berlin Werke eines Schlüsseljahrs der Musikgeschichte vorstellen, liegt darin, dass nicht erklingt, was man kennen muss, sondern auch, was „nur“ von historischem Interesse ist. Dass Metzmacher nicht jedem seiner so gänzlich unterschiedlichen Mandanten gleichermaßen gerecht wird, nimmt man da gerne in Kauf: Einerseits gelingt es dem Dirigenten an diesem fünften Abend der Reihe nicht, in der Philharmonie aus dem Stand jene dramatische Hochspannung zu erzeugen, aus der sich Franz Schrekers „Nachtstück“ an ihrem ursprünglichen Ort, der Oper „Der ferne Klang“, entwickelt. Auch Rudi Stephans zwischen Sachlichkeit, psychologischer Feinnervigkeit und Pathos schwebende „Musik für Orchester“ scheint der zwingende Subtext zu fehlen. Doch dann Ferrucio Busonis „Berceuse élégiaque“ auf den Tod seiner Mutter. Es bietet nicht nur eine interessante, intellektuellere Alternative zur drei Jahre früher entstandenen „Valse triste“ seines Freundes Sibelius, sondern liefert eben auch den Subtext für den attacca angeschlossenen „Symphonischen Prolog zu einer Tragödie“ von Max Reger. Das Stück würde neben einer Strauss’schen Tondichtung verblassen. An diesem Abend aber hat es das verdiente Glück, als die meisterhafte Erfüllung dessen zu wirken, was bei Schreker, Stephan und Busoni nur im Ansatz gelang. 

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