Kultur : Konzert für Krähen

Janet Cardiffs und George Bures Millers großartige Klanginstallation „The Murder of Crows“ in Berlin

Christiane Meixner
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Surround-Sound. Die Lautsprecher-Installation in der Historischen Halle des Hamburger Bahnhofs. Foto: Roman März/ Hamburger...

Manche Träume möchte man nicht wissen. So wie die nächtlichen Schrecken von Janet Cardiff. Doch die Künstlerin kennt kein Erbarmen mit ihrem Publikum in der Historischen Halle des Hamburger Bahnhofs: Ein altmodischer Trichter auf einem Tisch entlässt Cardiffs Stimme in den Raum, und jeder ihrer Sätze handelt von Folter, Gewalt und Verstümmelung.

So drastisch war bislang keine der Installationen, die Cardiff gemeinsam mit ihrem Mann, dem Künstler George Bures Miller, seit den frühen neunziger Jahren zusammengebaut hat. Meist entstehen dabei aus Sounds, Filmsequenzen und alltäglichem Interieur faszinierende Multi- Media-Collagen wie „The Paradise Institute“ 2001 auf der Biennale Venedig, in denen es um fragmentierte Geschichten, Klänge, Geräusche und ihre Wahrnehmung geht. Den jüngsten Überblick über diese Experimente bot im Sommer 2007 eine umfassende Werkschau auf der Mathildenhöhe in Darmstadt. Im Hamburger Bahnhof macht mit „The Murder of Crows“ nun eine einzelne Arbeit Station. Sie war bisher nur auf der Sydney Biennale zu sehen – in einer hölzernen Lagerhalle. In Berlin hat das Paar sein Werk an den neuen Ort und seine Hülle aus Stein und stählernen Trägern angepasst.

Ursprünglich war „The Murder of Crows“ für die rückwärtigen Rieck-Hallen des Hamburger Bahnhofs geplant. Doch dann machte Udo Kittelmann als neuer Direktor einen anderen Vorschlag: Er konnte sich die Arbeit nicht in dem neutralen Anbau vorstellen und brachte das imposante Entree seines Hauses ins Gespräch. So ist die Installation in der Reihe „Musikwerke Bildender Künstler“ zwar immer noch eine Veranstaltung der Freunde Guter Musik Berlin. Zugleich aber öffnet Kittelmann nun nach wochenlanger Schließung einen Teil des Hauses für zeitgenössische Kunst wieder.

Ein mächtiger roter Vorhang trennt den Kassenbereich von der Halle. Wer den Spalt im Stoff gefunden hat, der steht einem kargen Ensemble aus Stühlen und 98 Lautsprechern gegenüber. Wie große Vögel hocken die Boxen auf den Sitzflächen oder baumeln von der Decke. Und obwohl das 30-minütige Arrangement an ein Theaterstück erinnert, hat es weder Anfang noch Ende: Man hört Janet Cardiff durch den Grammophon-Trichter, und wann immer sie mit ihren Albträumen pausiert, erfüllen die übrigen Lautsprecher den Raum mit Klängen.

Flügelschläge, Wellengeräusche, Krähenkrächzen. Ein russischer Männerchor stimmt einen Militärmarsch an, seine Stimmen sind fast greifbar. Cardiffs und Millers raffinierter Choreografie macht die skulpturale Qualität von Klängen spürbar. Damit schließt das Künstlerpaar an seine Installation „The Forty Part Motet“ an, die 2002 ebenfalls im Hamburger Bahnhof zu sehen war. Damals hatten die beiden eine Motette aus dem 16. Jahrhundert so aufgenommen, dass sich der Chor je nach Standort des Zuhörers in 40 Stimmen zerlegte. Aus jeder der Boxen ertönte ein individueller Gesang.

Solche Irritationen sind typisch für Cardiff und Miller. Stets werden Geräusche und ihre Quellen entkoppelt und die Klänge mithilfe eines Surround-Sound- Systems verstärkt. Was schließlich in die Ohren ihrer Zuhörer gelangt, fügt sich nicht mit dem zusammen, was man sieht. Stattdessen schöpft die Fantasie plötzlich aus einem Repertoire der Erinnerungen und produziert eigene Bilder. „The Murder of Crows“ bietet die Folie für dunkle Gedanken und böse funkelndes Pathos.

Der Titel der Arbeit bezieht sich auf ein eigentümliches Phänomen. Beim „Krähenbegräbnis“ kommen mitunter Krähen in Schwärmen zusammen und stimmen angesichts des sterbenden Artgenossen eine krächzende Totenklage an, die bis zu 24 Stunden dauern kann. Ein akustisches Begräbnis und für Cardiff und Miller der passende Abgesang auf die Gegenwart, die am Ende des Kalten Krieges mit einem Versprechen auf friedliche Zeiten begann, um mit dem 11. September 2001 dann in Terror und Gewalt zu münden. Als zweite Referenz gilt dem kanadischen Künstlerpaar Goyas legendäre Radierung „Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer“. Genau wie Goyas schlafender Mann, den kleine Monster umschwirren, wird das Publikum im Hamburger Bahnhof von Klängen umgarnt und eingelullt, die die Sinne weit mehr herausfordern und zu Widerstand animieren, als das manche andere raumfüllende Kunst der Gegenwart vermag.

Hamburger Bahnhof, bis 17. Mai

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