Konzert im Radialsystem : Musikalisches Dada

Ballwechsel mit dem Irrsinn: Das Solistenensemble Kaleidoskop und das Andromeda Mega Express Orchestra feiern Jubiläum im Radialsystem.

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Dadaistisch: Musiker im Tennisdress.
Dadaistisch: Musiker im Tennisdress.Foto: Adam Berry

Sowohl das Solistenensemble Kaleidoskop als auch das Andromeda Mega Express Orchestra wurden vor zehn Jahren in Berlin gegründet. 10 mal 10 ergibt 100, weshalb man die gemeinsame Festveranstaltung im Radialsystem unter das Motto des Dadaismus stellt, der in diesem Jahr seinen 100. Geburtstag feiert.

Die Musiker empfangen im Tennisdress, Stoffbälle werden über an der Stelle des Netzes platzierte Zuschauer gefeuert, während ein Referee-Team stoisch falsche Spielstände verkündet. Schließlich wird die Bühne freigegeben für rein musikalische Ballwechsel, bei denen Fragmente aus Beethovens großer Fuge für Streichquartett vom Kaleidoskop-Ensemble mit den Jazzklängen des Andromeda Orchestra konkurrieren.

Dada erteilt die grundsätzliche Lizenz, Erwartungen zu enttäuschen, also auch jene, die mit dem Label Dada selbst zusammenhängen. Der zweite Teil des Konzerts ist in diesem Sinne eine wunderbare und ziemlich ernste Exkursion durch die Musikgeschichte von Monteverdi bis Xenakis, dessen in fieser Vierteltönigkeit notiertes Duo für Geige und Cello durchexerziert wird, bevor das Stück in einem zweiten Durchgang im weichen Bett eines Thelonius-Monk-Arrangements landet. Das ist, wie der gesamte Abend, klug konzipiert und zeigt zugleich die Offenheit des echten Experiments mit ungewissem Ausgang. Den Abschluss bildet „In Paradisum“, göttlicher Kitsch aus Faurés Requiem, der in einer Version für Synthesizer, E-Gitarre, Cello, Chor und schüchterne Frauenstimme authentisch und auch leicht gruselig klingt.

Fantastische Musiker, freie Menschen

Der abschließende Teil des vierstündigen, verwirrend vielgestaltigen Abends besteht in einer hintersinnigen Parodie auf Jubiläumsveranstaltungen. Den Auftakt macht eine Festrede, die derart dröge Kulturbetriebsprosa imitiert, dass man immer wieder fürchtet, das Ganze könnte doch ernst gemeint sein. Es folgen unter anderem eine Komposition für Polaroid-Kamera und Orchesterklänge, eine vertonte, unvermittelt abbrechende Lebensbeschreibung von Kurt Schwitters und eine arglos vorgetragene Ansprache von Angela Merkel. Die ihr unterlegte Hollywood-Schnulze gerät zu bestimmten Stichworten in zwanghafte Loops und Tourette-Syndrom-artige Aufschreie. Beim Finale führen die nun zum Orchester vereinigten Ensembles eine aus allen 104 Gattungsbeiträgen Haydns kompilierte Metasymphonie auf. Die Fragmente spielen die Künstler so stilecht wie zuvor Barockmusik und Romantik, neue Musik und Jazz, freie Improvisation und rumänische Folklore. Fantastische Musiker sind das – und ziemlich freie Menschen.

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