Konzert : Lady Gaga lässt in der O2 World den Freak raus

Lady Gaga ist die Hohepriesterin der Schulterpolster. In der O2 World hat sie alles gegeben - und alles gezeigt.

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Rock it. Lady Gaga misst sich an Madonna. Foto: Davids/Huebner
Rock it. Lady Gaga misst sich an Madonna. Foto: Davids/HuebnerFoto: DAVIDS

BerlinIch war dick, ich war hässlich und ich wollte singen. Das ist, gekürzt, die Geschichte von Lady Gaga in ihren eigenen Worten. Erzählt hat sie die am Dienstag auf der Bühne der O2 World, 9000 Besucher vor und einen riesigen Kulissenpark hinter sich. Sie beschwor die Fans, bitte schön, ihren eigenen Weg zu gehen. Wenn man der derzeit erfolgreichsten Popsängerin des Planeten folgt, heißt das: Ausziehen, Abgehen, zwei Stunden Krach. Oder wie sie es nennt: Weck das Monster in dir.

Die Lady stellt seltsame Dinge mit dem Echo an

Sie eröffnet ihren „Monster Ball“ (so der Tour-Titel) pünktlich kurz nach 21 Uhr – nachdem sie am Nachmittag noch Medien und Plattenfirma drei Stunden warten ließ, um Platin-Auszeichnung und drei Echos entgegenzunehmen. Den nicht gerade formschönen Musikpreis Echo hält sie später hoch, und man ist als Zuschauer nicht ganz sicher, ob das nun eine Geste des Stolzes oder des Spotts ist, zumal sie damit seltsame Dinge anstellt.

Doch der Reihe nach. Ein Intro mit dem House-Klassiker „Finally“ von CeCe Peniston läutet die tolle Horror-Show ein, ein schwarzweißer Kunstfilm mit Lady Gaga stimmt die Fans auf gewagtes Styling und roboterhafte Bewegungen ein. Hinter einem transparenten Vorhang erscheint eine menschliche Dreieckssilhouette, akzentuiert durch ein riesiges Muglier-Jackett. Das Wesen singt, die Masse tobt. Lady Gaga, Hohepriesterin der Schulterpolster, bewegt sich nicht, der Vorhang bleibt geschlossen, die Distanz erzeugt Hysterie – spätestens hier kapiert man, dass die 24-Jährige weder dick noch hässlich ist, singen kann und mehr vom Showbusiness versteht als alle deutschen Bands zusammen, Rammstein ausgenommen.

Offenherzige Kostüme und gefährliche Stilettos

Nach einem Lied fällt der Vorhang und jede Hemmung. Lady Gaga wechselt in offenherzige Designer-Kostüme, trägt kaum mehr als Höschen und Büstenhalter, gefährlich aussehende Stilettos – und gebärdet sich wie eine irre gewordene Fruchtbarkeitstänzerin. Das ist natürlich großartig. Sie klettert auf Gerüste, kniet auf Autos, rutscht auf dem Boden – wild segeln ihre wasserstoffgefärbten Haare durch die Luft. Sie kostet den Traum von der verrückten Discomaus gnadenlos aus. Zur Seite stehen ihr diverse Tänzer und ein auffallendes Nachtgewächs namens Posh. Der groß gewachsene Schwarze stakst in Pumps über die Bühne, eine wunderbare Imitation von Grace Jones – nur mit weniger Brustvolumen und vermutlich mehr in der Hose.

Der knallige Synthie-Pop von „Just Dance“, „Love Game“ oder „Paparazzi“ hangelt sich an einer Handlung entlang, die nicht besonders clever wirkt, aber gut erzählt, also getanzt ist. Im ersten Akt überredet Gaga ihre Freunde, auf den Monster-Ball zu gehen (New Yorker Hinterhoftreppen, ein Autowrack, alles ein wenig wie „West Side Story“). Der zweite Akt erzählt von der U-Bahn-Fahrt zur Party (ein aufgeschnittener Waggon dient als Kopulations- und Aerobic-Studio), im dritten Akt steht Gaga plötzlich allein im Wald (und vor einem lächerlich unwirklichen Monster) und landet am Ende auf der Party ihres Lebens.

Die Botschaft: Lasst die Sau raus

Dazwischen wiegelt die Sängerin ihre Zuschauer auf, den Freak in sich zu akzeptieren, sich schrill zu geben (mit Schmetterlings-Outfit samt ausklappbarer Flügel!) und ordentlich die Sau rauszulassen – was eigentlich jedes Wochenende in wenigstens fünf Clubs der Stadt passiert. Wie Madonna spielt Lady Gaga auf der Klaviatur der Clubkultur. Wie sagt sie einmal: „Das nächste Lied ist für meine loyalsten Fans – die schwulen Jungs aus Deutschland!“ Arme Mädchen in der ersten Reihe.

Dass sie kein Ausziehpüppchen wie beispielsweise Britney Spears ist, beweist sie mit einem eigenwilligen Klaviersolo. Sie spielt die Tasten mit linker Hand und rechtem Fuß, während sie kraftvoll das Lied „Speechless“ singt – und plötzlich Flammen aus dem Klavier aufsteigen. Heiß wird es allen, als Frau Gaga auf eine Hebebühne emporgefahren wird, sie liegt auf dem Rücken, zwischen den Beinen hält sie den Echo – und man denkt nur an die Kanten dieses Preises.

Grotest, lustig, besser als Madonna

Wer immer noch fürchtet, der Show mangele es an prickelnder Erotik, der kann sich beim letzten Titel auf ein Feuerwerk der besonderen Art gefasst machen. Aus BH und Slip der Künstlerin sprühen Funken wie aus einer Wunderkerze. Das ist grotesk, lustig und definitiv nicht für die nächste Silvesterfeier geeignet. Am Ende hat man eine kurzweilige, intelligent entworfene Show gesehen, mit Welt-Hits gespickt. Man denkt unwillkürlich an die letzte, doch recht lahme Madonna-Tour. Und wie Madonna einmal angefangen hat: als hässliches Entlein in Manhattan, das den Traum hatte, Popstar zu werden.

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