Konzert mit Janowski und dem RSB : Das Vergnügen, verschlungene Wege zu gehen

Festtags-Qualität: Marek Janowski und das RSB brillieren mit César Franck und Brahms' 2. Klavierkonzert, mit Marc-André Hamelin am Flügel. 

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Gastiert mit Brahms: Der Pianist Marc-André Hamelin.
Gastiert mit Brahms: Der Pianist Marc-André Hamelin.Foto: Sim Canetty-Clarke/RSB

Vielleicht ist das der Abbado-Effekt: Kaum hatte der italienische Maestro damals erklärt, er werde seinen Vertrag mit den Berliner Philharmonikern nicht verlängern, lösten sich alle Spannungen zwischen ihm und den Musikern, lagen bei den gemeinsamen Auftritten wieder Neugier und Spielfreude in der Luft. Im April nun hat Marek Janowski angekündigt, das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin nur noch bis zum Jahresende 2016 dirigieren zu wollen. Seit 2002 steht der mittlerweile 76-Jährige dem RSB vor, beim traditionellen vorweihnachtlichen Konzert im vergangenen Jahr waren erstmals Routine- und Verschleißerscheinungen aufgefallen.

Ganz anders diesmal am 23. Dezember: In der nahezu ausverkauften Philharmonie herrscht ab dem ersten Takt allerhöchste Konzentration, ist die innere Spannung, die Janowski so wichtig ist, sofort da. In der langsamen Einleitung von César Francks d-Moll-Sinfonie kann man dem Komponisten geradezu beim Denken zuhören: Die Stimmung ist düster, Motiv-Fetzen schwirren dem Künstler durch den Kopf. 1886 steckt der zu Lebzeiten vor allem als brillanter Organist geschätzte Belgier voller Tatendrang, will den großen Wurf wagen – allein: Wie soll er's fassen? Mit Camille Saint-Saens und Gabriel Fauré hat er nach dem verlorenen Krieg 1871 in seiner Wahlheimat Paris die „Société nationale de musique“ gegründet, um dem übermächtigen Vorbild der deutschen Instrumentalmusik ein französisches Pendant entgegenzusetzen. Ganz neu gilt es da anzusetzen, in einem Land, in dem die Oper als höchste Kunstform verehrt wird.

Das RSB musiziert mit dem Elan des jungen Herzens

Schließlich aber platzt der Knoten, und César Franck lässt die Hauptmelodie des Kopfsatzes um so selbstbewusster aufrauschen. Marek Janowski hat spürbar Vergnügen daran, die verschlungenen Wege der nun folgenden motivisch-thematischen Arbeit nachzuverfolgen. Die Art, wie der Dirigent vor dem Publikum den ganzen Reichtum dieser Partitur entfaltet, die er eindeutig in gedanklicher Verwandtschaft zu Johannes Brahms sieht, hat dabei nichts Didaktisches.

Im Gegenteil: Marek Janowski atmet mit dem Orchester, so, dass sich der Tonfluss ganz natürlich entfalten kann. Und die Musiker bedanken sich mit einem prachtvollen, goldenen Klang, machen den zweiten Satz zur suggestiven Szenenfolge fürs Kopfkino, folgen im Finale Janowskis geradezu übermütigem Puls, musizieren mit dem Elan des jungen Herzens, ohne die eingeflochtenen, grüblerischen Reminiszenzen an das Vorangegangene zu unterspielen. Eine beglückende Darbietung von echter Festtags-Qualität. Vladimir Jurowski, der designierte neue Chefdirigent ab Herbst 2017, der das Konzert am Mittwoch vom Saal aus verfolgt, kann sich wahrlich glücklich schätzen, ein Orchester mit diesem Potenzial zu übernehmen.

Marc-André Hamelin geht auf Distanz, kommuniziert dann aber feinfühlig

Um gegen die instrumentale Riesenbesetzung in Brahms' 2. Klavierkonzert anzukommen, hat Marc-André Hamelin aus dem Flügel-Fundus der Philharmonie einen besonders metallisch klingenden Steinway ausgewählt. Verstörend wirkt zu Beginn nicht nur der akustische Härtegrad, sondern auch die interpretatorische Distanz des Kanadiers: Gefühlsneutral, wie eine Etüde, legt er den ersten Satz an. Allerdings mit Bedacht, wie sich im Folgenden zeigt: Im „Allegro appassionato“ nämlich ist er durchaus willig, Emotion zuzulassen, kommuniziert feinfühlig mit seinen aufmerksamen Begleitern, und greift - soweit das bei der Komplexität des Klaviersatzes möglich ist – auch im „Andante“ den innigen Ton auf, den Solo-Cellistin Konstanze von Gutzeit mit berührendem  Saitengesang vorgegeben hat. Ganz duftig schließlich setzt Hamelin im Schlusssatz ein, macht das Finale in bestem Einverständnis mit Janowski und dem Orchester zum überwiegend heiteren Kehraus – und damit zur perfekten Einstimmung auf Silvester.

Deutschlandradio Kultur sendet einen Mitschnitt des Konzerts am 29. Dezember ab 20 Uhr.

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