Konzert von Emanuel Ax : Hinter verschlossenen Türen

Das Konzert des Pianisten Emanuel Ax zusammen mit dem DSO in der Philharmonie

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Der Pianist Emanuel Ax
Der Pianist Emanuel AxFoto: Lisa Marie Mazzucco/DSO

Emanuel Ax weiß genau, wie sich das anfühlt: mittellos an einem Ort zu landen, dessen Kultur man nicht kennt und dessen Sprache man nicht beherrscht. Darum hat der Pianist am Mittwoch spontan ein Konzert am Flughafen Tempelhof gegeben, in einer der Flüchtlings-Massenunterkünfte, zusammen mit Mischa Meyer, dem Solo-Cellisten des Deutschen Symphonie-Orchesters. 1959, als Emanuel Ax zehn Jahre alt war, floh seine Familie vor dem allgegenwärtigen Antisemitismus aus der Sowjetunion, erst nach Kanada, dann nach New York. Dort startete Ax dann seine glanzvolle internationale Karriere.

Tugan Sokhiev schätzt Emanuel Ax außerordentlich - das spürt man in der Philharmonie

Das DSO hatte ihn gleich zwei Mal verpflichtet: In Konzerten des Chefdirigenten Tugan Sokhiev spielte er am Dienstag das 2. Klavierkonzert von Johannes Brahms, am Freitag dann das B-Dur-Werk Beethovens. Sehr präsent ist sein Spiel beim Wiener Klassiker, glasklar im Anschlag wie in der Interpretation. Ax ist ein Tastenvirtuose, der spielend erzählen kann, der auch jenen Hörern, die sich in musiktheoretischen Feinheiten nicht auskennen, die Strukturen eines Werks verständlich macht – schlicht und einfach weil er sie so durchdrungen hat, dass sie sich organisch entfalten, auf intuitiv nachvollziehbare Weise.

Dass Tugan Sokhiev Emanuel Ax schätzt, ist in der ausverkauften Philharmonie deutlich zu spüren: Respektvoll will er ihn begleiten, ja auf Händen tragen durch das Stück – mit dem unglücklichen Effekt, dass der Orchesterklang in den Hintergrund tritt, watteweich wird. Als wären die Musiker eingeschüchtert, bleiben die Kommunikationsangebote, die der Solist ihnen macht, weitgehend unbeantwortet. Im Finalsatz aber gelingt es Ax dann doch noch, durch die kecke Heiterkeit, mit der er sich ins Allegro stürzt, das ganze Ensemble mitzureißen.

Für den zweiten Konzertteil hat Tugan Sokhiev den 1908 entstandenen sinfonischen Erstling des britischen Komponisten Edward Elgar ausgewählt, der äußerst ungelenk mit zwei gegeneinandergesetzten Themen beginnt und auch im Folgenden immer wieder so wirkt, als seien hier diverse Stimmungsbilder notdürftig miteinander vernäht worden. Sokhiev, der Klangfarbenspezialist und meisterliche Atmosphäre-Macher aber vermag die Schwächen der Komposition umzudeuten in einen stetigen Wechsel von Energieschüben und elegischer Kontemplation. Was Elgar hier emotional ausspricht, musste seine Zeitgenossen faszinieren: Denn solche Gefühlsaufwallungen gestattete sich die viktorianische Gesellschaft allenfalls hinter verschlossenen Türen. Leidenschaftlich folgt das DSO Tugan Sokhiev durch diese 50-minütige Tour de force, ohne die geringsten Ermüdungserscheinungen, beeindruckend brillant in allen Stimmgruppen.



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