Konzerthaus-Bauboom : Hallen des Volkes

Ein Konzerthaus-Bauboom hat Europa erfasst, von Helsinki bis Teneriffa. Dabei müssen sich die Städte entscheiden: Wollen sie nur eine neue Touristenattraktion – oder wirklich klassische Musik unter die Leute bringen?

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Die neue Nationaloper Oslo wurde vom norwegischen Büro Snöhetta entworfen und 2008 eröffnet.Weitere Bilder anzeigen
Foto: Erik Berg
02.09.2011 14:35Die neue Nationaloper Oslo wurde vom norwegischen Büro Snöhetta entworfen und 2008 eröffnet.

Was da die Wände im neuen Konzerthaus von Helsinki hoch wächst, könnte tatsächlich Treibholz aus der nahen Töölö-Bucht sein. Schmale Birkenscheite, übereinander geschichtet, mit vielen Schlitzen und Spalten dazwischen. Letztere sind der Clou an der Sache: Durch die Öffnungen können die Schallwellen bis zur unsichtbaren Betonwand hinter der Holzverschalung durchdringen. Die wiederum sorgt durch in verschiedene Richtungen verlaufende Gussflächen dafür, dass es keine Echobildung zur Bühne gibt. Außen heimelige Sauna- Optik, innen Hightech.

Um das Sounddesign der 1700-Plätze- Halle in der finnischen Hauptstadt hat sich Yasuhisa Toyota gekümmert. Er ist der begehrteste Akustiker der Welt, wenn es um Konzertsäle in der Weinberg-Form geht, die einst Hans Scharoun für die Berliner Philharmonie erfunden hat. Im übrigen aber wurde nicht geklotzt. In Helsinki wollte man keine Wow-Architektur, wie sie derzeit so groß in Mode ist. Seit die spanische Provinzstadt Bilbao dank eines metallisch-knittrigen Museumsbaus von Frank O. Gehry zum Touristen-Hotspot wurde, lechzen Marketingmanager nach solchen Showstopper-Solitären.

Nach einer ersten Welle mit spektakulären Kunsthäusern gibt es nun überall neue Konzerthallen, die sich im Stadtraum gerieren wie Diven auf der Opernbühne. In Hamburg werkeln Herzog & de Meuron seit Jahren an ihrer Überkrönung des Kaispeichers, auf Teneriffa lässt Santiago Calatrava seinen Klassiksaal wie eine Welle aufspritzen, in Dubai realisiert Zaha Hadid einen ihrer exzentrischen Entwürfe. Kopenhagen leistet sich Jean Nouvel, Porto Rem Koolhaas, die Fassade des Konzerthauses von Reykjavik stammt von Olafur Eilasson. Und die Norweger zahlen 500 Millionen Euro für eine Oper, die sich als weiße Marmor-Scholle aus dem Hafenbecken schiebt.

Die Finnen dagegen wollten keine Signature-Architektur für ihr neues Konzerthaus. Eine Ikone moderner Baukunst haben sie nämlich schon, die Finlandia-Halle von Alvar Aalto. Leider stellte sich bei der Eröffnung 1971 heraus, dass sich der Saal des Kultur- und Kongresszentrums akustisch nicht für Sinfoniekonzerte eignet. Als sich die Helsinki Philharmonie vor fast zwei Jahrzehnten mit dem finnischen Radio-Sinfonieorchester und der Sibelius-Musikakademie zusammentat, um für ein adäquates Musikhaus zu werben, war klar: Hier soll der Klang im Mittelpunkt stehen, nicht die Hülle. Akustik-Guru Toyota saß bereits in der Jury des Architektenwettbewerbs, der 1999 endlich ausgeschrieben wurde. Und weil ein offener Grundriss am besten zur Mentalität der Finnen passt, solle der Saal keine klassische Schuhkarton-Form haben, sondern eine Arena sein, bei der das Publikum die Musiker umringt.

London als Vorbild für open-house-Konzept

Das Büro LPR aus Turku gewann mit einem auf den ersten Blick unspektakulären Entwurf. Wer den kantigen Baukörper mit den großen Fensterflächen erstmals sieht, denkt an die übliche Investorenarchitektur mit ihren vollverglasten Fronten. Die schmückt sich ja auch gerne mit dem Prädikat, besonders „transparent“ zu sein – obwohl die Gebäude im Inneren für neugierige Besucher genauso unzugänglich sind wie traditionelle Bürohäuser mit abweisenden Steinfassaden. Die Vorzüge des „Musiikkitalo“, ja seine genuin demokratische Struktur erschließen sich erst beim zweiten Blick. Da ist die urbanistische Komponente: Architekt Marko Kivistö reagiert bewusst auf die Umgebung, will das Kulturhaus organisch in die Stadtlandschaft einpassen. Zur Straßenseite reagieren die rechteckigen Formen auf den wuchtigen Klotz des gegenüber liegenden Parlaments. Die Außenhaut aus grünem Kupfer wiederum nimmt die Farben des anschließenden Karamzin-Parks auf. Im Innern wird die Formsprache dann immer belebter, bis hin zum vieleckigen Saal, der nicht nur mit seinen terrassenartig ansteigenden Zuschauerrängen überrascht, sondern vor allem durch die gewagte Kombination von dunkler Holzverkleidung, schwarzen Sitzen und einer strahlend hellen Bühne aus gewachster Kiefer. Die, die hier im Mittelpunkt stehen, sollen auch am besten zu sehen sein. Und zwar von überall her: Fensterbänder lassen von den Foyers Blicke in den Weinberg zu, ebenso wie Flaneure von außerhalb jederzeit schauen können, was gerade im Gebäude los ist. Denn der Anspruch, ein Haus für alle zu sein, zeigt sich in Helsinki auch darin, dass die Türen schon vormittags geöffnet werden. Dann laden Cafeteria, CD-Shop und Bibliothek zum Verweilen ein, es wird öffentliche Proben geben und Kammermusik-Matineen, die Studenten der Sibelius-Akademie bieten in den fünf kleinen Sälen des Hauses zu allen Tageszeiten Aufführungen an. Und nach den Abendvorstellungen wird das hauseigene Restaurant zum Club mit Live-Musik.

Vorbild für dieses open-house-Konzept ist London. Dort sind die Kulturzentren Barbican und Southbank – abscheuliche Betonmonster aus den fünfziger respektive achtziger Jahren – den ganzen Tag lang belebt. Morgens stolpert man im Foyer über Dutzende Kinderwagen, weil die Kleinsten von einem Musikclown bespaßt werden. Freunde treffen sich auf einen Plausch, Freiberufler arbeiten mit ihren Laptops in ruhigen Ecken. Direkt aus den Büros fallen nachmittags dann die Klassikbegeisterten ein, lagern sich auf Bänke oder dem Teppichboden, packen Tupperdosen aus. In südlichen Gefilden sieht man sich auf der Piazza – in klimatisch weniger begünstigten Regionen muss man ein Dach darüber spannen.

In Deutschlands Städten bedienen bislang allein die Shoppingcenter das Bedürfnis, sich auch in der Freizeit unter vielen anderen Menschen aufzuhalten. Weil hier der Kunde König ist, öffnen sie dann, wenn die Leute strömen, und machen erst wieder zu, wenn keiner mehr kommt. Die Orte der Hochkultur hingegen, mit denen dieses Land so reichlich gesegnet ist, verweigern sich weiterhin kundenfreundlichen Öffnungszeiten. Sie verrammeln ihre Bildersäle parallel mit dem Büroschluss oder öffnen Parkett und Ränge erst mit Einbruch der Dunkelheit. Dabei zeigen Publikumsrenner wie die Lunchkonzerte in der Philharmonie oder die „Langen Nächte“ der Museen oder Theater, wie stark hierzulande das Bedürfnis nicht nur nach kollektiver Sammlung, sondern eben auch nach kollektiver Versammlung ausgeprägt ist.

In Zeiten, in denen sich die klassische Musik einem immer stärkeren Rechtfertigungsdruck ausgesetzt sieht, ist es darum nicht entscheidend, wie häufig ein am Computer entworfenes Konzertsaal-Ufo von Touristen fotografiert wird, sondern ob es gelingt, mehr als nur die Bildungsbürger ins Innere zu locken. Nachdem sich der finnische Staat in der Wirtschaftskrise 2008 entschlossen hatte, das 188 Millionen Euro teure „Musiikkitalo“ mit Steuergeld fertig zu bauen, während parallel Bildung wie Gesundheit Sparopfer bringen mussten, ist der Druck groß, hier nicht nur Elitekultur zu machen.

Zaghaft versucht sich in Berlin das Konzerthaus am Gendarmenmarkt an einer Öffnung. Abends müssen Ticketbesitzer nicht mehr nur durch den Kellereingang kommen, sondern finden auch an der prächtigen Freitreppe Einlass, tagsüber erlaubt ein Guckloch in einer Saaltür, kurz mal auf die Proben der Musiker zu linsen. Ende September starten die neuen „Espressokonzerte“, jeweils mittwochs um 14 Uhr. Hans Scharouns Philharmonie dagegen wird – mit Ausnahme des wöchentlichen Lunch-Termins – wohl ewig ein hehrer Tempel im urbanen Brachland bleiben, in dem zu festgesetzter Stunde Eingeweihte ihren Kult zelebrieren – dafür sorgt schon der Dogmatismus der Denkmalschützer.

Bis zum 7. September zeigen die Nordischen Botschaften eine Ausstellung über neue Kulturhäuser in Skandinavien.

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