Konzerthausorchester : Promenadenmusik

Dmitrij Kitajenko dirigiert beim Konzerthausorchester Werke aus seiner russischen Heimat

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Dmitrij Kitajenko
Dmitrij KitajenkoFoto: Dan Hannen/Konzerthaus

Das seltene Phänomen eines gänzlich uneitlen Dirigenten verkörpert Dmitrij Kitajenko, der Erste Gastdirigent des Konzerthausorchesters. Er musiziert seit Jahrzehnten mit den bedeutenden Orchestern Europas, Amerikas und Asiens. So unbeirrt, wie er die Seiten der Partituren umzublättern pflegt, schaut er wiederum beharrlich ohne jede Showgeste allein auf seine Berliner Musiker. Schließlich lässt er sie, Solist für Solist, an der Sonne des Beifalls teilhaben, bevor das ganze Orchester ihm huldigt. Vielleicht liegt die Wirkung des Meisters aus Leningrad darin, dass er kein Pultstar ist, kein Magier des Taktstocks. Denn seine Konzentration auf den Klangkörper fordert dessen Mitglieder auf, ihre Kunst selbständig zu entfalten.

Die langsame Ouvertüre des Balletts „La création du monde“ von Darius Milhaud kommt dieser Zusammenarbeit entgegen wie auch Jazz und Kontrapunkt in den folgenden Sätzen, eine Musik, schräg und unpathetisch, in der die Instrumentalcharaktere, voran das Saxofon, ihre Eigenart zeigen und die Melodien weiterreichen.

Neben dem frühen „barbarischen“ Prokofjew der „Skythischen Suite“ gab es fast zur gleichen Zeit schon den Haydn-nahen Komponisten der „Sinfonie classique“. Kitajenko, der das gesamte sinfonische Werk Schostakowitschs, Tschaikowskys, Rachmaninows wie auch Prokofjews mit dem Gürzenich-Orchester eingespielt hat, setzt sich nun auch hier im Konzerthaus für die Siebente in cis-Moll von Prokofjew ein. 33 Minuten bedeuten als sinfonische Länge keineswegs ein Übermaß. Verspielt und gefällig entwickeln sich Melodien bis in die singende Tuba, ein Walzer, ein lustiges Lied ertönt, dem folgt patriotischer Gesang: Warum nicht als Beispiel einmal hören, wie das Finale eines großen Komponistenlebens sich neigt? Rückschau heißt in dieser Musik aus der „sowjetischen Periode“ des Russen vor allem Bescheidung. Rührende Längen.

Dann promeniert man durch die „Bilder einer Ausstellung“ von Modest Mussorgsky in der Orchesterfassung von Maurice Ravel, ein glänzendes Paradestück, das Klavierfetischisten weniger lieben als das Original. In dieser Interpretation aber wechseln die marschartigen „Promenaden“, intoniert vom wunderbaren Blech des Konzerthausorchesters, ihre Farben mit der deskriptiven Vertonung der Malerei. Und die Klänge und Nuancen verraten, ob es um einen schweren Ochsenkarren, tanzende Küchlein oder die Sprache der Toten geht, dass der strenge Maestro doch ein Zauberer sein kann. Sybill Mahlke

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