Konzerthausorchester : Spiegelblicke

Christian Tetzlaff spielt beim Konzerthausorchester Bergs Violinkonzert, Michel Tabachnik dirigiert Bruckners Sechste

von
Christian Tetzlaff
Christian TetzlaffFoto: Giorgia Bertazzi

Im ausverkauften Konzerthaus wird eine Lehrstunde zum Thema „Jenseitiges Hören“ gegeben. Wenn man darunter das Aufmerken auf das verstehen will, was hinter dem Notentext, hinter den allerersten Klangeindrücken stattfindet. Da prüft, reizt und schult das Konzerthausorchester die Gehörsinne, gemeinsam mit dem Geiger Christian Tetzlaff und dem Schweizer Dirigenten Michel Tabachnik.

Lektion eins: Repertoire. Unverkennbar leuchtet klassische Noblesse auf hinter Alban Bergs zwölftönigem Violinkonzert „Dem Andenken eines Engels“, 1935 komponiert und der früh verstorbenen Manon Gropius gewidmet. Was für eine Eleganz! Wie dicht der berühmte Bach- Choral im Gewebe steckt, wie zart Berg am Ende die Ranken des Anfangs einflicht, ein subtiler formaler Fingerzeig, deutlich, keineswegs hämmernd.

Lektion zwei: Christian Tetzlaff. Es gehört schon Mut dazu, sich das Gepumpe und Gedröhne der Kollegen Solo-Geiger zu versagen, den Wünschen des Publikums nach Opulenz nicht nachzukommen, stattdessen einen fragilen, geradezu dünnhäutigen Ton zu pflegen und damit nicht in den Spiegel hinein, sondern gewissermaßen mit dem Blick hindurch zu spielen, um es mit dem Korintherbrief zu sagen.

Am besten gelingt das "sehr feierliche" Adagio

Lektion drei: Mit Bruckners Sechster Symphonie funktioniert das alles nicht mehr ganz so gut. Zum einen ist Tetzlaff naturgemäß verschwunden, nichts mehr also mit dem Achten auf Jenseitiges. Zum anderen gibt es bessere Bruckner-Dirigenten als Tabachnik. Seine Art ist pantoffelig. Er ärgert das Orchester nicht, er fordert es aber auch nicht heraus.

Am besten gelingt ihm das „sehr feierliche“ Adagio. Dort, auf einmal, kommt es zu jenem Wallen und Blühen, das noch in jedem Saal der Welt neue Bruckner-Enthusiasten anzuwerben in der Lage ist. Weniger fasziniert scheint Tabachnik vom großen Ganzen, dem Voraushören (statt freundlichen Mithören), dem Hervorbringen von reinem, scharf gezeichnetem Volumen. Oder trügen Ohr und Auge hier, liegt es doch nur am goldniedlichen Interieur des Saales, der sich der musikalischen Großmannssucht des hohen 19. Jahrhunderts verweigert, jegliche Versuche in diese Richtung in eine Art holdes Krähen verwandelt?

Das wäre Inhalt von Lektion vier. Sie jedoch findet stets lange nach Ende eines Konzertes statt.

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