Kultur : Kopf im Korb

Sam Shepards Erzählsammlung „Drehtage“.

von

Sam Shepard ist der coole Hund unter den Schauspielern, der lonesome rider. Als Schlagzeuger spielte er mit Mick Jagger, mit Dylan war er auf Tour, mit Patti Smith liiert, er schrieb Theaterstücke und Drehbücher – unter anderem für Wenders’ „Paris Texas“ –, arbeitete als Filmregisseur. Es scheint nichts zu geben, was er nicht kann. Nun hat er einen „Stories“-Band vorgelegt, wobei es sich um klassische Kurzgeschichten nur ausnahmsweise handelt. Shepard versammelt Momentaufnahmen, Stimmungsbilder zwischen Highway und Maisfeldern, melancholische Blicke aus dem Fenster auf ein staubiges, verrottendes Amerika.

Auch der Titel „Drehtage“ führt in die Irre, falls man Set-Erlebnisse oder Selbstauskünfte des Schauspielers vor der Kamera oder des Regisseurs dahinter erwartet. Vielmehr handelt es sich wohl um Aufzeichnungen, die in Drehpausen entstanden sein könnten, rasche Notizen in eine Schreibkladde, kleine Einfälle zwischendurch. Zusammengehalten werden die Texte durch eine alles grundierende Einsamkeit. Die schönste, traurigste Geschichte handelt von einem Mann, der im Schneetreiben in der Lobby eines Motels strandet, wo in Endlosschleife Bilder eines Banküberfalls aus dem Fernseher dröhnen. Hier begegnet er einer schönen Frau, die sich als einstige Geliebte zu erkennen gibt. Doch das ist lange her; er kann sich nicht an sie erinnern und lässt sie abblitzen. Am Ende aber ist er es, der von Sentimentalität überwältigt in den Telefonhörer schluchzt. Und so lässt Shepard ihn stehen in seinem Schmerz.

Neben diesen Einzelbildern durchzieht eine seltsame Mordserie das Buch: Menschen werden geköpft, ein Mann findet am Straßenrand einen Kopf in einem Korb, der zu ihm spricht und weggetragen werden möchte. Kopf und Leib, so scheint es, fallen in dieser Welt auseinander. Für die, die da herumziehen, ist es nicht möglich, den Zusammenhang wiederherzustellen. All die Erzählsplitter Shepards handeln vom fragmentierten Ich, das sich durchs Dasein bewegt, ohne zu wissen, wie alles miteinander zusammenhängt, was eines Tages das eigene Leben gewesen sein wird. Die einzelnen Bruchstücke sind notwendigerweise oft banal oder belanglos, manchmal dramatisch und sehr oft nur traurig. Man sollte sie gut dosiert lesen, um diesen Stimmungen gewachsen zu sein. Jörg Magenau

Sam Shepard:

Drehtage. Stories.

Aus dem Amerikanischen von Uda Strätling. S. Fischer,

Frankfurt/Main 2013.

320 Seiten, 19, 99 €.

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