Kultur : Kopf und Herz

Zwei Orchester, zwei Abende, ein Programm

Daniel Wixforth

Kulturvielfalt oder Redundanz? Wenn zwei Spitzenorchester Berlins innerhalb von 24 Stunden mit Mendelssohns Italienischer Sinfonie und Strawinskys Ballettsuite „Pulcinella“ zwei identische Werke aufführen, dann kann man diese Frage stellen. Beantwortet wird sie am Pult.

Das Konzerthausorchester dirigiert mit Massimo Zanetti ein Maestro, der die Sprache der Italienischen im Blut haben müsste. Zanetti aber fasst die Sinfonie aus dem Kopf. Präzis arbeitet er im ersten Satz Strukturen heraus, grenzt einzelne Teile deutlich voneinander ab und fordert dabei vom Konzerthausorchester stets einen streng-kultivierten Ton. Das Ergebnis wirkt brav. Im Kopfsatz noch nachvollziehbar, wird die akademische Lesart im Andante zur Last. Hier bräuchte es mehr interpretatorische Nuancen, um dieser Musik Leben einzuhauchen.

Das Orchester der Komischen Oper zeigt einen Tag später, wie es geht: Dirigent Dimitry Sitkovetsky hat den Mut, musikalischen Ausdruck auch mal über die Form zu stellen. Das belebt, es beseelt diese Sinfonie: Im ersten Satz, in dem aller Klang frei atmen darf, ebenso wie im Andante, wenn Sitkovetsky die Melancholie fortwährend neu definiert. Im Konzerthaus muss man sich dagegen gedulden. Erst im Finale entlockt Zanetti dem Orchester einen feurigen Tanz und durchtrennt die pragmatischen Fesseln, die er zuvor so fest geschnürt hatte.

Verkehrte Welt dann bei Strawinsky, hier wie dort: Die erneut transparentsachliche Interpretation am Gendarmenmarkt wird auf einmal sinnvoll: Zanetti legt die versteckte Komik der neoklassizistischen Suite, das subtile Changieren zwischen barockem Gestus und moderner Kompositionstechnik, wunderbar frei. In der Komischen Oper setzt man dagegen wieder auf Klangvielfalt, spielt Altes und Neues gegeneinander aus, gestaltet die musikalischen Überraschungen plakativer, nicht aber gewinnbringender.

Zwei ungleich-gleiche Abende also. Vielfalt oder Redundanz? Woanders wohl ein Luxusproblem. In Berlin mehr Luxus als Problem. Daniel Wixforth

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