Kultur : Kopfkunst

Eine philosophische Ausstellung im NBK

von

Es folgt eine 100-prozentig richtige Aussage: Sie sind der Leser oder die Leserin. Sie sind aber noch viel mehr. Blond vielleicht, groß oder klein, Spandauer oder Köpenicker. Hat man erst einmal einen treffenden Begriff gefunden, ist man schon wieder ungenau. Das ist das Dilemma der Philosophie. Künstlern, die auch Welterklärer sein wollen, geht es da besser. Sie können aus einem größeren Werkzeugkasten wählen: Malerei, Bildhauerei, Installation, Videokunst. Und so zeigt sich in der klugen Ausstellung „Kunst und Philosophie“ im Neuen Berliner Kunstverein (NBK) nicht nur, wie ähnlich sich die beiden Disziplinen sind, sondern wie die Kunst vielleicht noch stärker das berührt, was wir Leben nennen.

Organisiert hat das hochkarätig besetzte Freundestreffen für Denker und Macher der Berliner Philosoph Marcus Steinweg. Unter den zehn Künstlern sind die junge Senkrechtstarterin Kitty Kraus, die walisische Konzeptkünstlerin Bethan Huws oder Thomas Hirschhorn, der in diesem Jahr den Schweizer Pavillon auf der Biennale in Venedig gestaltet hat. Außerdem gibt es Vorträge von internationalen Gastrednern.

Sie alle wollen Ordnung ins Chaos bringen. Selbst wenn sie mit Überforderung spielen, wie Hirschhorn, der mit seiner Installation „Eye to Eye Subjecter“ eine Bilderflut über den Boden ausgebreitet hat. Katastrophenfotos mit brennenden Autos, verbrannten Gesichtern und feuerfackelnden Straßenschlachten kleben auf einem Kleid, das wie ein Zelt von einer aufragenden Schaufensterpuppe getragen wird. Eine zweite Plastikdame trägt ein ebensolches Gewand, die Farben sind auch hier rot und gelb – nur dass bei ihr Sonnenuntergänge abgebildet sind. Beide Motive berühren wegen der schieren Masse kaum. Aber wann hat man diese Arbeit verstanden? Gibt es das überhaupt?

Es gibt Grenzen des Erkennens, sagt die Philosophie. Man kann sich also entspannen. Die Arbeit der Koreanerin Haegue Yang zum Beispiel wird man niemals vollends erfassen können. Auf einem Tisch steht ein kleiner Tresor. Darin lagern Einwegkameras und bereits entwickelte Fotos, die die Künstlerin an der Ostsee geschossen hat. Ein erstes Aha-Erlebnis gibt es, wenn man das Begleitheft zur Ausstellung liest – da steht diese Information nämlich drin. Jedoch wird man den Safeinhalt niemals zu Gesicht bekommen. Die Tür ist abgeschlossen. Und so hat Haegue Yang eine Allegorie auf die Philosophie geschaffen.

Nicht nur verkopft ist diese Ausstellung dank Kitty Kraus. Sie hat zwei dünne Glasscheiben zu einer mannshohen Skulptur übereinander gestellt, nur ganz leicht berühren die Kanten die Wand. Es ist ein Balanceakt. Jetzt bloß nicht stolpern. Das ungute Gefühl beim Betrachten entsteht im Bauch. Kunst hat zwei Wege, über den Verstand und über die Empfindung. Anna Pataczek

Chausseestraße 128/129, bis 30.10., Di- So 12-18 Uhr, Do 12-20 Uhr, Programm der begleitenden Vortragsreihe unter: www.nbk.org/ausstellungen

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben