Kultur : Kopieren geht über Studieren

Christina Tilmann

Der griechische Historiker Herodot machte sich Mitte des 5. Jahrhunderts v. Chr. Gedanken über die Völker der ihm bekannten Welt - und reportiert über den Norden, dort sei es so kalt, dass keiner dort wohnen möchte. Außerdem sei ihm zu Ohren gekommen, jenseits der Donau hausten Bienen, die niemanden weiter vordringen ließen. Und über die nördlicheren Gebiete hätten ihm die Skythen erzählt, dort regne es Federn. Womit, so folgerte der Historiker, doch sicher nur Schnee gemeint sein könne.

Ein ähnlich vages Bild macht man sich seit Jahrhunderten vom immerhin besterforschten Zeitraum der antiken Welt: der klassischen Blütezeit Athens im 5. Jahrhundert v. Chr. Dort - so der seit Schulzeiten verbreitete Eindruck - beschäftigte sich ein außergewöhnlich begabtes Volk, bestehend aus Genies wie Sokrates, Sophokles und Phidias, ausschließlich mit Sport, Philosophie oder Kunst. Die vom Klima begünstigten und in weiße Laken gehüllten Idealmenschen erfinden fast spielerisch die Demokratie, die Tragödie und die Grundbegriffe moderner Kunst, Architektur und Musik. Und ihren Spaß haben sie auf Symposien - wie sie ihre Trinkgelage nannten - auch noch gehabt.

Von diesem populären Klassikbild will die von der Antikensammlung der Staatlichen Museen zu Berlin veranstaltete Großausstellung "Die griechische Klassik" Abstand nehmen. Mit über 700 Objekten aus 110 Museen ist die rund vier Millionen Euro teure Schau im Martin-Gropius-Bau das ehrgeizigste Ausstellungsprojekt des Jahres. Es wird in absehbarer Zeit wohl keine Ausstellung geben, die mit so spektakulären Leihgaben und so grundsätzlichem Ansatz eine Neudefinition der Klassik versucht.

Der Untertitel "Idee oder Wirklichkeit" stellt die Frage, ob das, was uns als griechische Klassik übermittelt wird, nicht eher das rekonstruierende Wunschbild nachfolgender Generationen ist, die sich mit dem Ideal vom "Wahren, Schönen, Guten" ein Vorbild für die eigene Wirklichkeit schneiderten. Umso überraschender, dass Wolf-Dieter Heilmeyer, der Leiter der Antikensammlung, zu einem ganz anderen Befund kommt: Das, was seit der Römerzeit als "klassisch" bezeichnet wird, sei schon zu seiner Entstehungszeit als "kanonisch" und vorbildlich empfunden und propagiert worden. Mit den Regeln von den Idealmaßen des Menschen, die der griechische Bildhauer Polyklet in seinem "Kanon" erstmals niederlegte, sei, so Heilmeyer, ganz bewusst ein Regelwerk geschaffen worden, das zum Export in alle Welt gedacht war. Die griechische Klassik - so seine These - habe sich selbst kanonisiert.

Dieses Ziel einer Rehabilitierung des Klassischen erreicht die Ausstellung allerdings erst nach einer doppelten Volte. Zunächst scheint es, sie wolle alles versammeln, um das überkommene Bild der Klassik zurechtzurücken. So gibt es gleich zu Beginn das zu sehen, "was die Griechen niemals sehen konnten": japanische Terrakotten, ein Weingefäß aus China und eine Goldmaske aus Kolumbien. Karl Jaspers, den die Ausstellungsmacher zu diesem Zweck zitieren, weist nicht umsonst darauf hin, dass parallel zu den griechischen Künstlern, Philosophen und Dichtern in der "Achsenzeit" der Weltgeschichte Buddha in Indien, Zarathustra im heutigen Iran, Konfuzius und Lao Tse in China und die alttestamentarischen Propheten in Palästina gewirkt hätten, ohne die griechische Kultur zu beeinflussen. Die "Welt, wie Herodot sie kannte", die der englische Altertumsforscher John Murray auf einer Karte rekonstruiert hat, war auf die Reichweite antiker Schiffe begrenzt.

Aber auch innerhalb Griechenlands scheint die Ausstellung den Blick zunächst weg von der Idee und hin zur Wirklichkeit lenken zu wollen. Der Anteil und die Rolle von Sklaven in der griechischen Hochkultur wird ebenso thematisiert wie die Arbeitsbedingungen der Landwirtschaft. Produktion und Handwerk stehen auch bei der griechischen Kunst zunächst im Vordergrund, wenn es um den Einsatz verschiedener Materialien wie Ton, Bronze, Holz oder Marmor geht oder um die Wege der Restauration und Reparatur. Hier dürfen natürlich Überlegungen zur Farbigkeit griechischer Tempel ebenso wenig fehlen wie die Einsicht, dass das uns überlieferte Bild griechischer Kunst sich hauptsächlich aus den beständigen Stein- und Tonobjekten zusammensetzt und daher zwangsläufig fragmentarisch ist.

Denn von der "Wirklichkeit" im 5. Jahrhundert vor Christus ist verhältnismäßig wenig erhalten. Einige schwer entzifferbare Stimmtafeln künden von der Funktionsweise der griechischen Demokratie. Sklaven sind als Staffagefiguren häuslicher Szenen zu sehen. Aus Landwirtschaft, Handwerk und Bergbau gibt es kaum Werkzeuge. Auch die in Olympia und Athen ausgegrabenen Werkstätten des Bildhauer Phidias erzählen wenig über die Arbeitsbedingungen griechischer Künstler. Hier muss die Ausstellung rekonstruieren und versucht, mit Modellen von Alltagsmöbeln einen Eindruck des Lebens zu vermitteln.

Auch was die Kunstproduktion angeht, sind die Zeugnisse spärlich. Modelle der Akropolis und - extra für die Ausstellung angefertigt - des als Weltwunder geltenden Mausoleums von Halikarnassos versuchen, die antiken Stätten so genau wie möglich zu rekonstruieren. Zu Recht betonen Heilmeyer und sein Team hier die Rolle, die im 19. Jahrhundert die Abgusssammlungen der Museen und Universitäten für die genaue Vermittlung griechischer Formideale spielten - das Thema Kopie, Replik, Wiederholung und Nachempfindung ist, gerade wenn es um eine Überprüfung des überkommenen Klassikbildes geht, zentral.

Mittelpunkt des Besucherinteresses werden trotz allem die spektakulären Leihgaben sein: Die Tyrannenmördergruppe aus Neapel zum Beispiel, die den zur Agora umgewandelten Lichthof des Gropius-Baus schmückt. Oder die - erstmals vereinten - drei Amazonen, die aus dem Skulpturenwettbewerb von Ephesos überliefert sind. Polyklets "Speerwerfer" wird als Idealbild eines griechischen Körperideals vermessen, während der trunkene Anakreon - eine Leihgabe aus Kopenhagen - ehrenhalber mit frisch gebundenen Kränzen umgeben ist. Dass diese Werke deshalb überliefert wurden, weil schon die Griechen sie für entsprechend vorbildlich hielten, widerspricht allerdings der Vorstellung einer Archäologie als Reihung von Zufallsfunden.

In dieser Lesart ist der antike Kanon nicht die Konservierung des Vergangenen, sondern die Manipulation des Kommenden. Damit thematisiert, problematisiert und bestätigt die Ausstellung zugleich das Ziel der Archäologen, aus Fragmenten Rückschlüsse auf das große Ganze zu ziehen und im rekonstruierenden Rückblick ein Bild von der Wirklichkeit zu schaffen. Statt einer Archäologie der Wirklichkeit versucht sie sich an einer Archäologie des Begriffs und setzt die Produkion und Verbreitung eines Ideals gleichwertig neben die Produktion eines Kunstwerkes. Der Besucher ist dabei ausdrücklich zum Zweifeln und zur kritischen Hinterfragen seines eigenen Wissens aufgerufen. Frühere Großausstellungen wie die ebenfalls im Gropius-Bau gezeigte Schau über "Kaiser Augustus und die verlorene Republik" (1988) oder die Ausstellung "Berlin und die Antike" (1979) haben hier den Boden bereitet. In Berlin allzuviel über Schinkel und die Griechenland-Rezeption des 19. Jahrhunderts zu sagen, hieße ohnehin, Eulen nach Spree-Athen zu tragen.

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