Kultur : Kork - sieht aus wie Marmor

Roland Koch

Auf den ersten Blick ist kein Unterschied zu erkennen. Die grau-weißen Platten mit der typischen Maserung erwecken den Eindruck eines blitzblanken Marmorfußbodens. Erst wenn die harten Absätze von Ledersohlen ein ungewohntes Geräusch beim Gehen von sich geben und das erwartete Klacken ausbleibt, wird der "Betreter" stutzig. Schein und Sein, das belegt das ausbleibende Geräusch, können hier nicht übereinstimmen. Neugierige werden sich jetzt nicht zurückhalten können und die Hände für eine genauere Untersuchung des Untergrunds zu Hilfe nehmen: Der Boden ist elastisch, lässt sich mit dem Daumen eine Winzigkeit eindrücken und ist damit eindeutig nicht die erwartete Marmorfliese.

Nun drängen aus den unergründlichen Tiefen der chemischen Industrie ständig neue Überraschungen in unsere Wohnungen und daran denkt man auch als erstes, wenn man einem Marmor-Imitat auf den Leim gegangen ist. Aber weit gefehlt. In diesem Fall handelt es sich um ein Naturprodukt, um Kork. Er wächst als Rinde an der Korkeiche und zählt daher zu den nachwachsenden Rohstoffen. Allerdings müssen die Bäume für die Korkgewinnung nicht einmal gefällt werden, denn die Rinde wächst nach und kann alle neun Jahre aufs Neue geschält werden.

Die altbekannten Brauntöne und -maserungen sind längst nicht mehr alles, was dieses Material zu bieten hat. Durch neue Formate, Effekte und besonders durch Einfärbungen lassen sich unzählige Variationen aus Kork erzielen. "Wir können Ihnen 999 Farben liefern", sagt beispielsweise Bernhard Hoffmann, der Filialleiter von Naturo Bodenbeläge im stilwerk in Charlottenburg, selbstbewusst. "Darüber hinaus lassen sich diverse Ornamente über ein Siebdruckverfahren herstellen - auf lösungsmittelfreier Basis natürlich." Neben Farbkombinationen gibt es mittlerweile filigrane Muster ebenso zu entdecken wie diverse Dekore in klassischen Formen.

Erst einmal angepiekst, hört der Fachmann überhaupt nicht mehr auf, die Vorteile von Fußböden aus Kork aufzuzählen: Nicht nur vielfältig und elastisch sei das Material. In der Küche und im Bad käme ihre Beständigkeit gegen Feuchtigkeit besonders zum Tragen. Außerdem seien sie sehr robust - Naturo beispielsweise gebe drei Jahre Garantie auf seine Produkte - und pflegeleicht. Deshalb seien sie nicht nur für sämtliche Wohnbereiche geeignet, sondern ebenso für den Arbeitsplatz und sogar für gewerblich genutzte Räume.

Die Begeisterung, mit der Bernhard Hoffmann die Vorteile seiner Korkböden preist, lässt einen kritischen Verbraucher natürlich unweigerlich nach der Kehrseite der Geschichte suchen. Schließlich ist ein Bodenbelag kein Alltagskauf, sondern eine Investition für viele Jahre und will deshalb gut überlegt sein, also: Wie lange hält denn die gerade mal vier bis fünf Millimeter dicke Korkschicht? "Wir schätzen 30 Jahre", kontert Hoffmann. Das darf als beachtlicher Zeitraum gelten. Seit immerhin zehn Jahren verlegt Naturo Korkböden, insgesamt sollen es 6000 bis 7000 Stück sein und notwendige Nachversiegelungen könne man an einer Hand abzählen. Damit kann Bernhard Hoffmann die Langlebigkeit des Produkts immerhin für diese Zeit belegen.

Aber wie sieht es mit der Pflege aus, die wird bei einem elastischen Material, das regelmäßig beansprucht wird, doch sicherlich aufwendig sein? "Zum Wischwasser kommt ein spezielles Reinigungsmittel, und ein Pflegemittel muss zwei- bis dreimal jährlich aufgetragen werden. Ansonsten hält die Grundversiegelung aus einem speziellen Korklack circa acht bis zehn Jahre", antwortet der Experte. Parkett- und Dielenböden etwa müssen ähnlich gepflegt werden, denkt sich der Skeptiker, also auch in diesem Punkt kein gravierender Unterschied. Aber einen hat er noch: Der Preis? Und da zögert der gute Mann doch tatsächlich eine Sekunde und nennt dann eine Größenordnung zwischen 55 und 120 Mark pro Quadratmeter, abhängig von Farbe, Form und Muster. Dazu kommen noch einmal 34 Mark für das Verlegen und Versiegeln auf jeden Quadratmeter, will man das nicht selbst tun. Das machten immerhin die Hälfte aller Kunden, denn besonders schwierig sei es nicht. Na gut, das ist ein ganz ordentlicher Preis, allerdings muss man zugestehen, dass er sich bei der versprochenen Lebensdauer gegenüber anderen Bodenbelägen relativiert. Wer aber dennoch irgendwann später wieder etwas anderes unter den Füßen haben will, kann einfach einen anderen Bodenbelag auf den Kork legen.

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