Kultur : Krampf gegen den Terror

Uraufführung im Haus der Berliner Festspiele: Constanza Macras spielt „Big im Bombay“ – und mit allen Ängsten dieser Welt

Rüdiger Schaper

Was für ein brutaler Programmwechsel! In ihrem Theaterhitparadenstürmer „Back to the Present“ haben die Dorky-Park-Performer der Constanza Macras die Bühne quietschbunt und fröhlich zugemüllt – mit Sex und Rock ’n’ Roll und Reiscrackern. Jeder durfte mal: beichten, blödeln, brüllen. „Back to the Present“ war ein geiler Zirkus, verströmte unwahrscheinliche Energie. Die Message kam an. Wir sind alle Freaks. Und gnadenlose Selbstdarsteller.

Jetzt: steckt das Chaos in den Köpfen. Scheint der Spaß – und das lustige Kindheitssyndrom – namenloser Angst gewichen. Constanza Macras spielt mit „Big in Bombay“ Bilder an, die man nicht mehr sehen kann. Körper liegen am Boden; Opfer der asiatischen Flutkatastrophe?! Eine Frau mit übergestülpter Einkaufstüte wird zum Objekt sadistischer Gruppenspiele, irrt mit Henkersaxt umher; das erinnert fatal an Gefängnisse und Folter im Irak. Vermummte zücken Schusswaffen, knallen Passanten ab; Terror, wo und wie auch immer. Eine andere Frau befällt im Urlaub der Horror, sie malt sich Autounfälle aus und Selbstmordarten.

Krieg ohne Erklärung. Sie ziehen sich Perücken über, rennen davon: Aus den Exhibitionisten sind hochneurotische Versteckspieler geworden.

Constanza Macras, die aus Argentinien stammende Berliner Choreografin, hat in den letzten zwei Jahren die Szene erobert wie kaum jemand zuvor. Einen solchen Durchmarsch erlebte nicht einmal Sasha Waltz. „Big in Bombay“ spiegelt den Erfolg der Macras schon auf der organisatorischen und finanziellen Ebene: Uraufführung im Haus der Berliner Festspiele, die ebenso Koproduzenten sind wie die Schaubühne, wo das Stück im Februar ins Repertoire geht. Auch die Sophiensäle haben hier ihre Hand im Spiel; nur das Hebbel am Ufer ausnahmesweise nicht, wo Constanza Macras vor gut einem Jahr „Scratch Neukölln“ herausbrachte. Die hauptstädtischen Häuser reißen sich um sie – und längst auch die internationalen Festivals. Macras’ Kreationen sind extrem kompatibel, tänzerisch nicht sehr anspruchsvoll ohnehin, eher athletisch und ihre Theatersprache ist Englisch (und Spanisch).

Es gibt aber auch, und hier beginnen die Probleme, eine sehr große Streuung im Inhaltlichen. Constanza Macras hat sich nicht erst mit „Big in Bombay“ politisiert. Doch hier rauschen die Schreckensszenarien der Welt durch wie in einem Musikvideo. Wie in einem Bollywood-Clip. Schließlich ist die Truppe zu Recherchen nach Indien gereist, und man sieht: Filmbildchen aus Bombay, von Märkten und Straßen und Slums. Ebenso alberne wie hilflose Beweisstücke, die sagen: Wir waren da. Immer wieder stellt sich die Truppe, zur Erholung, in Tanzformationen auf, wie man sie aus Bollywood-Filmen kennt; das berühmte Kopfwackeln, das Ärmeschütteln und Handumdrehen der vielgliedrigen indischen Gottheiten.

Besonders präzise ist es nicht und eher parodistisch, wie die Macras-Performer ihr Herz für Inder entdecken. Da kommen sie – leider recht absehbar – aus ihrem Container heraus (Bühnenbild: Lars Müller). Das wirkt mutig, wird aber bestraft: der Flirt mit den Sinnsuchmaschinen eines Frank Castorf und Bert Neumann, mit dem magischen Eklektizismus eines Alain Platel („Wolf“!).

Containerkünstlerpech: Auf Schalensitzen hocken die Panikmacher, im Airport, im Wartesaal von Ärzten, was immer. Sie sitzen in der Falle. Weil sich zeigt, dass dieses derzeit im Theater und nun auch im Tanz so beliebte Zeittotschlagen und Verrücktspielen im Glashaus verdammt schwer ist. Dass es eine intellektuelle Verantwortung gibt bei Themen wie Terror und Tod. Bei Constanza Macras reiht sich Nummer an Nummer; zu wenig, zu dünn. Oft nervig. Selbst die wunderbare Anne Tismer aus dem Ensemble der Schaubühne dringt nicht durch.

Wer sind die? Was wollen die, mit ihren Koffern, Kinderwagen, Perücken? Einer monologisiert von politischen und ökonomischen Katastrophen in Argentinien. Eine singt, auf deutsch, Brels „Ne me quitte pas“. Spanische Schmachtfetzen, indischer Pop. Die Musik (mit der Band A Rose Is auf der Bühne) hilft einem über das zweieinhalbstündige Weltschmerzpatchwork hinweg. Es ist ein perfider Nebeneffekt der Globalisierung, dass globalisierungskritische Kunst schlimmer sein kann als alle kulturelle Gleichmacherei. Constanza Macras fällt – zwischen Indien und Argentinien – doch nur wieder Disney als Grundübel ein. Ihre Performer rennen mit Mickey- und Plutomasken durch Bombay; ziemlich phantasielos.

Und gleich: Haben die zwei Männer, die sich da an der Rampe fast umbringen, etwas mit Israel zu tun? War das jetzt ein hebräisch-arabischer Mordsdialog? Man kann es sich aussuchen bei „Big in Bombay“: überall Terror, Naturkatastrophen. Es ist eine geradezu Bush-amerikanische Panikhaltung. Wovor erstarren wir jetzt? Was fürchten wir als nächstes?

Haus der Berliner Festspiele, am 26. und 27. 1. Ab 13.2. in der Schaubühne.

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