Kultur : Krankheit Kunst

Von Wagner zu Immendorff: Christoph Schlingensief findet an der Berliner Volksbühne zu neuem Ernst

Peter Laudenbach

In den Achtzigerjahren hatte Thomas Kapielski die schöne Angewohnheit, bei Galerie-Vernissagen im Gästebuch einen kleinen Stempelabdruck zu hinterlassen: „Det könn’ wa och. Kapielski“. Christoph Schlingensiefs neue Produktion an der Berliner Volksbühne, die erst ein „Volks- Parsifal“ werden sollte, dann den aparten Titel „Die Fick Collection“ bekam und jetzt kryptisch „Kunst und Gemüse. A.Hipler“ heißt, ist so etwas wie eine schöne Vergrößerung von Kapielskis Stempel.

Die in der Flick-Sammlung aufgehäuften Kunstwerke der Moderne, die Readymades und Ironie-Statements, das Gerümpel der Avantgarde – Schlingensief zitiert und überbietet das in seiner Installation mühelos. Und weil in diesem Spiegelkabinett der Anspielungen und Referenzsysteme alles zum Zitat wird, denkt man bei einem Strauß Sonnenblumen auf der Bühne natürlich automatisch an van Gogh, zuerst an Vincent, dann an Theo. Duchamps umgedrehtes Fahrrad, Paul McCarthys monströse „Apple Heads“, der Titel einer Gemäldeserie von Martin Kippenberger bevölkern das Labyrinth auf Schlingensiefs Drehbühne, als wären sie schon immer hier gewesen.

Was vielleicht erklärt, weshalb der Abend bei allen Heftigkeiten eine meditative Ruhe ausstrahlt. Ein böses Bild, das mehr über den Zusammenhang von Kunst, Moral und Macht aussagt als alle Debatten, gelingt Schlingensief, wenn er den Titel eines Kunstwerks von Martin Kippenberger als Parole an eine Wand schreibt, die mit Stacheldraht Assoziationen an Lager und Gefängnis auslöst. Dieses Kunstwerk Kippenbergers („8 Bilder zum Nachdenken, ob es so weitergeht“) hängt in der Flick Collection – also, wenn man Schlingensiefs Bild ernst nimmt, in einem Gefängnis. Das Kunstwerk ist eingesperrt, oder es ist ein Schmuckstück, das ein Lager, vielleicht für Zwangsarbeiter, dekoriert. Hier ist Schlingensiefs Polemik präzise und vernichtend.

Weil Schlingensiefs Hang zum Gesamtkunstwerk alle Künste aufsaugt, verdaut und ins eigene System einbaut, montiert er nicht nur Bilder und Filme in sein Delirium der Zeichen ein. Auch Fragmente einer Oper von Arnold Schönberg tauchen kurz und sehr schön auf. Und damit wir endlich mal Schönbergs berühmte Zwölfton-Technik verstehen, treten die Töne einzeln auf: „Ich bin das C.“ Als dann zwölf Darsteller, von einer sehr kleinen älteren Dame mit heller Mädchenstimme bis zu wuchtigen Männern aufgereiht nebeneinander stehen, kommt ein dreizehnter, der aussieht wie das Double des Bayreuth-Patriarchen Wolfgang Wagner: „Ich bin das W“. Was nicht für Wagner, sondern für „Wiederholung“ steht, also irgendwie doch für Bayreuth.

Aber auch die höhnischen Schlenker gegen „Bayreuth, wie es singt und lacht“, samt einer blonden Lolita als Wagner-Erbin Katharina, kommen ohne den alten Provo-Gestus des Schock-Rockers Schlingensief aus. Das ist die persönlichste, unhysterischste Schlingensief-Inszenierung aller Zeiten, unaufgeregt und mit sympathischem Hang zur Altersweisheit. Die alten Happenings, die Schlammschlachten der Aktionskunst, tauchen noch einmal wie ein Zitat vergangener Tage in einem Film auf, in dem sich Corinna Harfouch in Mehl und Farbe wälzt - aber auch diese melancholische Referenz an das Kunstblut der frühen Jahre kommt ohne Schock-Appeal aus.

Die Kräche mit Bayreuth, wo Schlingensief im vergangenen Sommer den „Parsifal“ inszeniert hat, die Auseinandersetzung mit der Flick Collection, die ihre Entstehung übrigens dem gleichen Schweizer Galeristen verdankt, bei dem auch Schlingensief unter Vertrag ist, all die Zitate und Spiele des Kulturbetriebs relativieren sich, weil Schlingensief eine Krankheit ins Zentrum des Abends rückt. Zu Beginn und ganz am Ende hört man eine Männerstimme, die immer wieder einen etwas rätselhaften Text spricht: „Theater als Krankheit. Alle sagen ihm den Kampf an, dem Verfall. Zu der Kunst. Zu den Ichs. Die bewegen sich doch. Noch. ALS macht uns fertig."

ALS ist eine zum Tod führende Erkrankung des Nervensystems. Wir hören die Stimme des Malers Jörg Immendorffs, dessen ALS-Erkrankung mittlerweile seinen gesamten Oberkörper gelähmt hat. Im Publikum ist das Bett einer an ALS erkrankten Frau aufgebaut. Angela Jansen ist vollständig gelähmt, nur ihre Augen kann sie noch bewegen. Mit ihnen steuert sie über einen Laserstrahl die Tastatur eines Sprachcomputers. Ihre Textbotschaften, auf Leinwänden über der Bühne zu lesen, sind das berührendste Element dieses Abends. „Danke. Ihr wart super“, schreibt sie während des Schlussapplauses. Ihre Lage fasst sie lakonisch zusammen: „Mir fehlt nichts. Ich kann mich nur nicht bewegen.“ Neben ihren Sätzen verblassen die Burlesken um Bayreuth und Flick zu charmanten Scherzartikeln. Schlingensief betreibt hier keine grelle Freak-Show, er versucht, ob im Zynismus-Zoo des Theaters und der Kunst-Avantgarden eine völlig unironische Geste der menschlichen Anteilnahme möglich ist.

Wieder am 24., 26., 27. November.

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