Kultur : Kreuz-Zeichen

Richard Artschwager in der Deutschen Guggenheim Berlin

Nicola Kuhn

Eigentlich könnte die Sache ganz einfach sein: Ein Stuhl ist ein Stuhl ist ein Stuhl. Nicht so bei Richard Artschwager. Oder vielmehr gerade bei ihm. Seine Ausstellung in der Deutschen Guggenheim Berlin konfrontiert mit den Banalitäten des Alltags und stellt doch die hoch philosophische Frage: Was eigentlich sehen wir hier?

Seit vierzig Jahren gehört der amerikanische Maler, Bildhauer, Zeichner zum Kunstbetrieb, war mit seinem spröden Werk seit der Pop-art eigentlich bei jeder Welle mit von der Partie und blieb doch ein Künstler für Künstler. Denn Artschwager baut Skulpturen, die wie Bilder aussehen, und malt Bilder, die eher wie Skulpturen wirken. Sein bevorzugtes Material sind Dekorlaminat oder Holzfaserdämmplatten, das er an seinen Rändern ausgerechnet in der Art einer Holzmaserung übermalt. Das trügerische Spiel mit dem Sehen, der tatsächlichen Bedeutung des Gesehenen kann also beginnen.

Das pompöse Kreuz im Zentrum der Ausstellung braucht demnach nicht zu verwundern; trotz aller Wirtschaftskrise wird auch die Deutsche Bank als Gastgeberin der Schau nicht metaphysisch. Der Atheist Artschwager dekliniert an der Form des Kreuzes nur noch einmal anschaulich die bis heute geltenden Bedeutungsebenen durch. Da stimmt es milde, dass der eigentliche Schwerpunkt der Präsentation bei den Zeichnungen liegt. Sie bilden einen unabhängigen Werkkomplex im Oeuvre des Künstlers, konjugieren aber mindestens ebenso sophisticated das Abhängigkeitsverhältnis zwischen Raum und Gegenstand durch. Ja selbst Kater George muss als Kronzeuge herhalten. Die aus seiner Sicht entstandenen Kohlezeichnungen des Artschwagerschen Wohnzimmers geben zumindest vorübergehend eine trügerische Sicherheit über den künstlerischen Standpunkt.

Deutsche Guggenheim Berlin, Unter den Linden 13/15, bis 6. Juli; täglich 11 bis 20 Uhr, Donnerstag bis 22 Uhr. Katalog 26,80 €.

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