Kreuzberger Laienboxgala : Nummerngirls und Nasenbluten

Klopper treffen Clubber: Die Laienboxgala im Festsaal Kreuzberg will den Sport aus der zwielichtigen Ecke holen.

Knud Kohr
Tänzeln unter der Diskokugel. Ambitionierte Amateure kämpfen im Festsaal Kreuzberg. Foto: David von Becker
Tänzeln unter der Diskokugel. Ambitionierte Amateure kämpfen im Festsaal Kreuzberg.Foto: David von Becker

„Hast du es dir so hart vorgestellt?“ fragt der Ringsprecher mitfühlend einen schwitzenden, tätowierten Schwergewichtsboxer, der keuchend im Boxring des Festsaals Kreuzberg steht. Unter dem kryptischen Kampfnamen „Der Kalte Hand“ hat sich der Mann gerade im Rahmen der Laienboxgala Kreuzberg einen Kampf über vier Runden geliefert. Gegen einen Gegner mit dem Kampfnamen „Nils“.

„Nee“, gesteht der Gefragte, der außerhalb des Rings seine 192 Zentimeter Körpergröße als Türsteher arbeiten lässt und dabei laut eigener Aussage nach dem Motto vorgeht: „Jeder Zehnte, der Stress macht, kriegt auf die Fresse!“ Da der Ringrichter den Kampf unentschieden wertete, spendet das Publikum generös beiden Kämpfern Applaus.

Die Nacht vom Samstag auf Sonntag war keine gute Zeit für Boxfans. Jedenfalls nicht für diejenigen, die vor dem Fernseher saßen. Zunächst mussten sie auf Sat 1 mit ansehen, wie der vom Sender zur nächsten deutschen Schwergewichtshoffnung hochgejubelte Steffen Kretschmann seinen Kampf völlig überfordert in der neunten Runde abbrach, indem er seinem Gegner den Rücken zudrehte. Ein paar Stunden später wurde in Detroit (und live in der ARD) Artur Abraham disqualifiziert, weil er gegen einen auf den Knien hockenden Gegner weiter einschlug.

Deutlich angenehmer war es für Boxfans, die am selben Abend in den Festsaal Kreuzberg gingen. Björn von Swieykowski, der mit zwei Kollegen auch für das übrige Programm des Hauses verantwortlich zeichnet und selbst Boxsportler ist, wollte eine Gala zusammenstellen, die die besten Seiten von Amateur- und Profisport verbindet.

„Während das Amateurboxen meistens Sonntag morgens in Neon beleuchteten Sporthallen stattfindet und sich jeglicher Showeinlagen entzieht“, sagt der 37-Jährige, „wird dem Boxfan mit Stil und Geschmack das Profiboxen durch Auftritte der Scorpions oder Revolverheld und die Anwesenheit von Promis wie Boris Becker oder Heiner Lauterbach versaut.“

Wie viele Boxintellektuelle bezieht sich auch Swietkowsky, der das Kämpfen während seines Studiums in Göttingen lernte, auf die zwanziger und dreißiger Jahre. Auf Ernest Hemingway, der selbst im Ring stand, und auf Marlene Dietrich, die sich in Berlin vom „schrecklichen Türken“ Sabri Mahir Boxunterricht geben ließ. In seiner Geschichte hat das Boxen immer auch eine unabhängige, widerspenstige Szene zwischen Amateur- und Profisport gehabt, die sich nicht domestizieren ließ. In der Manege des Zirkus Krone gab es um 1900 ebenso Kampfabende wie in der „Ritze“ auf der Reeperbahn in den Siebzigern. Als Unterhaltungsprogramm bei Sechs-Tage- Rennen genauso wie jetzt im Kreuzberger Nachtleben.

Die Idee für den Festsaal hat Swietkowski aus Köln importiert, wo es seit einigen Jahren die „Night of the Raging Bulls“ gibt – ebenfalls eine Amateurveranstaltung im Nachtleben, deren Kämpfe allerdings in eine komödiantische Rahmenhandlung mit fiesen Promotern und fiktiven Titeln eingebettet sind. 2008 fand sie auch im Festsaal statt, war den Veranstaltern hier aber nicht ernsthaft genug.

Swietkowski und seine Kollegen suchten in den Boxclubs der Stadt nach Kämpfern, die wirklich etwas von ihrem Sport verstehen. Also besorgten sie sich fachliche Unterstützung durch den „Boxtempel“, ein Gym aus Weißensee, das schon Titelträger bei den Profis hervorgebracht hat, und an diesem Abend unter anderem den Ringrichter zur Verfügung stellte.

Eine Vorbereitung, die sich gelohnt hat, wie der Abend zeigte: Gleich der erste Kampf zwischen dem erst 17-jährigen Andreas Omerovic und dem vier Jahre älteren Arda Özarslan fand auf einem Niveau statt, das man bei Vorkämpfen der großen Profiveranstaltungen oftmals nicht zu sehen bekommt.

Dem zu etwa zwei Dritteln aus Clubgängern bestehenden Publikum war nach dieser Viertelstunde klar, dass zwischen den Seilen ernsthafter Sport geboten wurde, und nicht der neueste Spaß im Nachtleben. Und auch das übrige Drittel, bestehend aus Sportlern und deren Entourage in Ballonjacken und Strickmützen, denen man die Kampferfahrung schon am Gang ansehen konnte, fühlte sich zusehends wohler. Am Tresen kam es zu erstem vorsichtigen Zuprosten.

Das Niveau der Kämpfe schwankte. Aber das war bei den Showacts nicht anders. Marcus Staiger vom Plattenlabel Royal Bunker stellte als Ringsprecher alle Michael-„Are you ready to rumble?“-Buffers der Welt in den Schatten, DJ Craft von K.I.Z. mischte ein unterhaltsames Set. Das Vorprogramm der Berliner Punkband Radio Dead Ones wurde hingegen reserviert aufgenommen.

Da es nichts als Ruhm und Ehre zu gewinnen gab, verzichteten die Männer zwischen den Seilen auf jegliches Taktieren. So gab ungeschlachtes Schwergewichtsprügeln. Oder den Kampf eines Mannes, der sich „Der Box Professor“ nannte und seine Diplomarbeit über das Boxen verfasst hat. Sein Motto lautet: „Boxen ist der harte Weg zu lernen, wann es Zeit ist, in Deckung zu gehen.“ Wie sinnhaft das ist, wurde ihm vier Runden lang von Mehmet Isa Sen bewiesen, einem Kickboxer aus Kreuzberg. Es war der Höhepunkt des Abends: Das aufgepeitschte Publikum skandierte minutenlang die Namen der Kämpfer. Von coolem Clubgehabe war nichts mehr zu spüren unter den 500 Zuschauern.

Es gab Nummerngirls und Nasenbluten. Und einen klassischen KO in der ersten Runde, nach dem der Unterlegene eine halbe Minute bewusstlos im Ringstaub lag. Zwei junge Damen am Tresen wurden weiß um die Nase. Was zwei der mittlerweile geduschten und umgezogenen Kämpfer dazu animierte, ihnen Getränke zu bestellen. Zumindest am Tresen nahm der Culture Clash zwischen Club und Kampf also ein gutes Ende.

Auch für die Veranstalter. Björn von Swietkowsky und sein Team planen die nächste Laienboxgala für den kommenden Winter.

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