Kultur : Kribbeln auf der Haut

Ist das noch Pop? Der Diaphanes Verlag beginnt eine Reihe zu amerikanischen TV-Serien.

Felix Stephan
Und immer an die Familie denken. Szene aus den „Sopranos“. Foto: p-a/Mary Evans
Und immer an die Familie denken. Szene aus den „Sopranos“. Foto: p-a/Mary EvansFoto: picture alliance / Mary Evans Pi

Erst im Frühjahr gab es das öffentliche Lamento über die entlassene Chefredaktion der popkulturellen Diskursmaschine „Spex“. Nur die „FAS“ wollte nicht einstimmen. Sie schlug vor, in Zukunft noch häufiger die Chefredaktion zu wechseln, „dann merkt man immerhin gelegentlich, dass es das Teil noch gibt.“ Die Fans hingegen verklärten das Ende ihres Magazins zum Ende einer Popkritik, die sich in erster Linie selbst gefallen will und in der leicht von immanenter Transzendenz die Rede ist, wenn es um Rihanna geht. Doch gemach: Das Ende von irgendetwas wurde in der jüngeren Vergangenheit schon häufiger ausgerufen, als die „Spex“ ihre Chefredakteure austauschen kann.

Auch in diesem Fall wurde zu früh geunkt, denn die neue Poptheorie-Reihe des Diaphanes Verlags präsentiert sich kritisch lebendiger denn je. Allerdings befasst sie sich mit einer Form, die Pop/Rock als führendes Gesprächsthema auf den Unifluren abgelöst hat: der amerikanischen Qualitätsserie. Drei Bände sind erschienen, in denen sich die Geisteswissenschaftler Diedrich Diederichsen, Daniel Eschkötter und Simon Rothöhler den Serien „The Sopranos“, „The Wire“ und „The West Wing“ widmen. Im Herbst soll die Reihe unter anderem mit den Autoren Dietmar Dath und Dominik Graf fortgesetzt werden. Die Bücher haben sich laut Verlagsankündigung vorgenommen, das nachzuzuliefern, „was in den DVD-Boxen fehlt“, wobei unklar bleibt, was das sein soll. Die impliziten Themen, Muster und Konstellationen, die Theoretiker in ihren Texten aufwerfen, sind ja eben dort: in den Serien.

In dem Verlagsslogan wird deshalb vor allem das Selbstverständnis deutlich, das der „Spex“-Kritik ebenso vorausgeht wie der Diaphanes-Reihe: der Kritiker als gleichwertiger Schöpfer, jemand, der ebenso von der Welt spricht, wie es sein Gegenstand tut, nur eben durch ihn hindurch. Der aber präziser formulieren kann, denn Pop ist schließlich zu breiter Publikumsansprache verdammt. Der Kritiker muss diesen Kompromiss nicht eingehen und kann deshalb die Ebenen freilegen, von denen das popkulturelle Werk selbst nichts wissen darf.

Bei Popmusik hat das oft funktioniert. Bei Serien liegt die Sache anders. Hier handelt es sich um komplex arrangierte Großerzählungen, die sich selbst schon permanent auf ihre narrativen Bedingungen abklopfen. Sie thematisieren die kulturelle Verankerung ihrer Figuren ebenso wie die ihres Formates, sie beinhalten den Blick zweiter Ordnung bereits in erster Instanz: Bei den „Sopranos“ spielen die Mafiosi Szenen aus Coppolas „Der Pate“ nach, bei „The Wire“ besprechen die Figuren selbst ihre aussichtslose Determiniertheit im großen Spiel und die Charaktere in der Oval-Office-Serie „The West Wing“ persiflieren permanent die medialen Bilder ihrer Vorbilder aus der Realpolitik und spielen mit den einfältigen Hinterzimmerprojektionen der Öffentlichkeit.

Deshalb läuft der Ansatz der Popkritik hier oft ins Leere, weil ihr nicht viel mehr übrig bleibt, als all diese hochbewussten Kunstgriffe zu rekapitulieren. Ein Mehrwert ergibt sich daraus eher nicht. Die Texte lesen sich stellenweise wie ergänzende Lektürehilfen.

Das kann bisweilen hilflos wirken, hat aber auch den Effekt, dass sich das mysteriös Ergreifende der Serien sogar noch vergrößert. Denn wenn sogar diese brillanten Autoren die Faszination, die von diesen Serien ausgeht und die Zuschauer auf der ganzen Welt an die angestaubten Fernsehschirme zurückgeholt hat, zwar ausformulieren, aber nicht begreiflich machen können, was für gigantische Schöpfungen müssen das dann sein? Wie viel mehr scheinen diese Serien über uns zu wissen als wir über sie, wenn es uns selbst mit avanciertestem Vokabular nicht gelingt, aus dem Lichtkegel ihres unmittelbaren Wirkungsbereichs herauszutreten? Haben wir überhaupt schon die Begriffe, um eine massenkompatible Kunstform, die den Blick zweiter Ordnung mit der unmittelbaren Faszination versöhnt, fassen zu können?

Das genuin Neue an diesen Serien, schreiben die Autoren, ist ihre Fähigkeit, den Philosophie-Professor genauso in den Bann zu ziehen wie den Vorarbeiter. Zugleich mag genau das der Grund sein, warum ein Buch, das nach wie vor meist von einem einzigen Autor geschrieben wird, diesen Serien nicht gerecht wird, weil es eben wieder nur einen von vielen möglichen Zugängen anbietet.

An einigen Stellen kapitulieren die Texte vor diesem uneinholbaren Nachteil, arrangieren sich um und verlassen die analytische Komfort-Zone. Das sind vielleicht die Schlüsselmomente dieser Reihe. Denn die Texte sind immer dann am besten, wenn sich der Autor ergibt und sich im Lichte der Serie selbst beim Fasziniertsein zuschaut.

Wenn also – und eigentlich gelingt das nur Diederichsen – die besprochene Serie ein Denken anstößt, das selbst erzählt. Wenn also Diederichsen, der Grandseigneur der deutschen Popkritik, Verfasser etlicher Theoriebände, Ästhetik-Professor in Wien, Inkarnation des distanziert Aufgeklärten, wenn sich also dieser Diederichsen plötzlich nächtelang vor der Glotze wiederfindet und das selbst nicht glauben kann. „Dieser Bruch ist die Sensation“, schreibt er selbst. Diese Sensation hält an. Wir wissen noch nicht besonders viel darüber.

Diedrich Diederichsen: The Sopranos. Diaphanes Verlag, Berlin 2012. 112 Seiten, 10 €. Zum gleichen Preis in der gleichen Reihe: Daniel Eschkötter: The Wire. 96 S. Simon Rothöhler: The West Wing. 96 S.

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