Kultur : Krieg den Bauhütten – Friede dem Palast!

Vor 30 Jahren wurde das Volkshaus am Marx-Engels-Platz eingeweiht. Ein verheißungsvoller Anfang. Das Ende ist bekannt.

Lothar Heinke

Eigentlich könnte am Anfang ein Polier von damals auftreten. Er sollte auf dem Schloßplatz am Bauzaun stehen, zornig oder betrübt auf jenes Stahlgerippe blicken, das er vor genau 30 Jahren mit aufgebaut hatte und das sie nun niederreißen, und er sollte dabei von seinen Empfindungen sprechen wie ein Torwart nach dem verlorenen Elfmeterschießen.

Doch Poliere vom Palast der Republik sind rar. Wir haben keinen gefunden. „Sie sind entweder über siebzig oder tot oder total traurig“, sagt ein ehemaliger Bauleiter, aber mehr ist auch aus ihm nicht herauszukriegen. „Ich bin verbittert und enttäuscht. Jetzt, wo sie unsere Arbeit auf den Schrott werfen, ist für mich das Thema Palast erledigt. Und so geht es vielen, für die der Job das Größte in ihrem Arbeitsleben war. Wir jammern nicht, wir schweigen. Denn wir haben verloren. Das Spiel ist aus.“

Dabei waren die Würfel schon an jenem 19. September 1990 gefallen, als das Gebäude wegen Asbestbelastung geschlossen wurde. Fortan stand das Haus leer, sein Inventar wurde in alle Winde verstreut, es verkam zur Ruine. Der Bundestag beschloss mehrmals den Abriss, zuletzt am 19. Januar 2006. Leider hatten die wenigsten Abgeordneten intensiv jene großen Möglichkeiten geprüft, die selbst noch der entkernten Ruine innewohnten: Hier hätte etwas Neues entstehen können, stattdessen gab es „den Sieg der Provinz über die Metropole, den Sieg von Phantasielosigkeit über Neugier und Kreativität“, wie der Architekturkritiker Wolfgang Kil die Sache am Ende sieht.

Dabei war der Anfang recht verheißungsvoll. Ein Bataillon von Bauarbeitern und Nationalen Volksarmisten hatte zwischen 1973 und 1976 in tausend Tagen jenes Gebäude auf den früheren Schloßplatz geklotzt, von dem der Obermeister Oskar Zimmermann schon beim Richtfest schwärmte: „Hier werden Mut und Freude sich vereinen! In ihm wird Frohsinn wohnen und auch Glück! Denn hinter diesen festen Marmorsteinen, da schlägt das Herz der ganzen Republik!“

Die ganze Republik hatte ihr Herz gewiss nicht am Marx-Engels-Platz verloren. Landauf landab schütteten sie Hohn und Spott über die Hauptstädter, die alles hinten und vorn reingesteckt kriegen, „und nu ooch noch so een Ballast“, maulten die Sachsen. Flugs war der „Ballast der Republik“ geboren: Raritäten, wie sie Bauarbeiter samt Baumaterial damals waren, wurden für dieses Prestigeobjekt an die Spree dirigiert, während anderswo ganze Stadtviertel verfielen. Die Berliner, gespannt, was sich in dem monströsen Bau im Format 180x87x32 alles verbirgt, mutmaßten ortsüblich skeptisch: „Da kommen sowieso nur die Funktionäre rein.“ Später jedoch, als sie merkten, dass das mit den Bonzen nur für wenige Volkskammersitzungen und Parteitage zutraf, wurde das Haus im Sturm erobert. In den ersten 50 Tagen zählte man eine Million Besucher – in den Restaurants, Bars, Cafés, in den Sälen, beim Bowling oder einfach nur beim Spaziergang durch ein Gebäude, in dem immer Blumen blühten, wo man schnell mal „nach drüben“ telefonieren konnte und wo sogar noch die Toiletten solch Weltniveau verströmten, dass Brandenburgs Mutter Courage Regine Hildebrandt in einem Interview schwärmte: „Im Palast aufs Klo zu gehen war wie ein kulturelles Ereignis.“ Der Zeithistoriker Stefan Wolle sagt: „Zwischen dem Weinrestaurant am Spreeufer und dem Bistro im Obergeschoss war der Staat der kleinen Leute Realität geworden.“ In seinem Buch „Die heile Welt der Diktatur“ nennt er den Palast „die erträumte DDR“.

Aber wir wollten ja vom Anfang erzählen, von jenem Freitag vor 30 Jahren, als das Volkshaus eröffnet wurde, am 23. April 1976. Die Feier hatte vier Programmpunkte: die offizielle Eröffnung mit einer Rede vom Bauminister, ein Galaprogramm, an das sich ein Bankett für fast 3200 Leute anschloss und ein Ball in allen Sälen. Endlich ging das los. Konnte jeder sehen, wie es da drinnen aussah. Hatte die Geheimniskrämerei ein Ende.

Die ging sehr weit. Sogar eine gewisse Angst vor dem Neid beim großen Bruder in Moskau spielte mit – wie man aus einer Stasi-Akte erfahren kann. Da steht, was ein eifriger IM nach einer Geburtstagsfete am 3. Mai 1976 notiert hatte: „Im angeregten Gespräch erwähnte H. unter anderem, wie es ihm bis zum Halse stünde, dass alle Bemühungen um eine interessante Reportagengestaltung durch viele kleinliche Hindernisse und Einengungen im journalistischen Bereich zunichte gemacht würden. Er führte unter anderem eine groß angelegte Reportage an, die er für die Neue Berliner Illustrierte über den Bau des Palastes der Republik gemacht hatte. Als diese Reportage druckfertig war, musste der Chefredakteur von der NBI im Hause des ZK der SED vorstellig werden und das Material vorlegen und es wurden dann alle Superlative, alle die Dinge gestrichen, die das Einmalige und sehr interessante Technische beleuchteten, um nicht, wie er meinte, den Zorn der sowjetischen Freunde sich zuzuziehen, die nun mit ihrem Kremlpalast im Hintertreffen gekommen sind, weil diese ja nun nicht die letzten technischen Feinheiten haben wie in Berlin, z.B. dass schon aus den Reportagen hervorgehen könnte, was strengstens vermieden werden soll, nämlich die Kostenfrage, damit der kleine Mann in der DDR nicht merke, wie teuer und kostenaufwendig hier verfahren worden ist“. Danke für die Erinnerung, ohne den IM-Eifer hätten wir das längst vergessen.

Unvergesslich war, wie sich der Palast, dieses ICC des Ostens, an diesem Freitag zum ersten Male präsentierte. 3800 Gäste, neugierig und festlich gewandet wie zu einer Staatsopern-Premiere, versuchten, dieses Haus und seine Möglichkeiten zu begreifen. Ähnliche Kulturhäuser standen auch in anderen sozialistischen Hauptstädten, in Prag, Sofia, in Moskau sowieso, aber die Deutschen hatten es allen gezeigt: So, liebe Genossen, macht man das. Berlins Palast war die Nummer eins. Der Bau soll eine Milliarde Mark gekostet haben, inklusive der zahlreichen Importe von den belgischen Thermo-Scheiben bis zum verhängnisvollen englischen Asbest, von bundesdeutschen Rolltreppen und Bowlingbahnen bis zu italienischem Naturstein und dänischen Armaturen, von denen das Gerücht ging, dass sie mehrmals nachbestellt werden mussten. „Zwar war die Baustelle strengstens bewacht, aber die Intelligenz der Arbeiterklasse übertraf damals schon bei weitem die Intelligenz ihrer Sicherheitsorgane“, schreibt der Satiriker Peter Ensikat in dem Buch „Von Erichs Lampenladen zur Asbestruine“. „Jede noch so kleine Aktentasche jedes ein- oder ausgehenden Bauarbeiters, Bauingenieurs oder Architekten wurde zwar eingehend kontrolliert, aber einen Blick auf die Ladeflächen der ein- und ausfahrenden Baufahrzeuge zu werfen, hat man lange Zeit vergessen.“

Nun war alles vergeben, im Großen Saal lief ein Galaprogramm. Zwischen der Fidelio-Ouvertüre und dem Sterbenden Schwan mit der Primaballerina Maja Plissezkaja versuchte draußen auf dem Parkplatz Nina Hagen, ihr Fahrrad zwischen den schwarzen Promi-Limousinen zu platzieren, immerhin konnte sie dafür eine Sondergenehmigung vorweisen. Bei dem kleinen europäischen Liedfestival taten Tony Christie, Karel Gott, Peter Schreier und Juliette Greco ihr Bestes. Aus der Bundesrepublik hatte die Künstleragentur Katja Ebstein verpflichtet, sie sang „Und wenn ein neuer Tag erwacht“ und „Wir leben, wir lieben“. Heute erinnert sich die Sängerin, dass die Bühne wunderbar zu bespielen war, groß und mit vielen Möglichkeiten. Willy Brandt hätte ihr geraten, rüberzugehen, „das sind unsere Schwestern und Brüder, wir sind ein und dieselben“ hat er gesagt, so ein Auftritt sei wie ein kleines Loch in der Mauer. Dass der Palast nun abgerissen wird sei geradezu idiotisch, „aus dem Haus hätte man noch viel mehr machen können“, sagt die Sängerin.

Das findet auch ZDF-Chefreporter Dirk Sager, der 1987 das Politmagazin „Kennzeichen D“ aus dem Palast moderierte. Als Kanzler Kohl in Bonn Honecker empfing, war so eine kleine Sensation möglich. „Es war ein tolles Gefühl, aus diesem Haus, das später zum Medienzentrum der ersten freien Volkskammerwahl werden sollte, zu senden“, erinnert sich Dirk Sager. In der Live-Sendung hatte Egon Bahr gesagt, alles, was er bewirken wolle, sei die Einheit Deutschlands. Da stockte manchem der Atem.

Beim Pro-und-Contra-Palast schieden sich schon immer alle Geister. Solch Kulturpalast war von Anfang an ein Politikum: Während die DDR-Presse die Weihe des Hauses wie ein Weltwunder feierte, genügten den Zeitungen in West-Berlin kurze Meldungen oder hämische Kommentare. So konnte Katja Ebstein vor 30 Jahren über ihren Auftritt in Springers „Morgenpost“ lesen: „Ob die liebe Berliner Göre, als die sie immer wieder ebenso unsachlich wie überflüssig betitelt wird, auf dieses Angebot stolz ist, konnte nicht geklärt werden. Fest dürfte jedoch stehen, dass sich Katja Ebstein ihren Wunderglauben erhalten hat, wenn sie aus freien Stücken mit Erich Honecker das Lied „Wenn der neue Tag erwacht“ anstimmen wird. Und wann wacht Katja Ebstein auf?“

Also, der Chef vom Lampenladen hat nicht mitgesungen, aber gelächelt und geklatscht hat er. Wie zuvor, ganz am Anfang des Programms, als damals der Schauspieler Hans-Peter Minetti, Mitglied des ZK der SED und Sohn des berühmten Bernhard Minetti, den „Prolog“ von Helmut Baierl sprach. Feurig machte er das, mit der Flamme der Begeisterung in Stimme und Blick. Über hundert Zeilen lang, bis zum Schluss: „Drum grüß’ ich dieses Haus. / Sei günstig uns! / Du stehst nun fest. / Jedoch der Bau an dir / wird nie zu Ende sein! / Denn er heißt Friede! / Heißt Kommunismus! / Heißt die ganze Welt / dies sei der Mörtel, / der dich Haus / im Herzen unserer Stadt Berlin / für stets zusammenhält!“ Heute fragt der Mime, „war vielleicht ein bisschen viel Pathos?“ In wenigen Tagen wird er 80, auf dem Balkon steht eine Porträtbüste seines Vaters, die beiden Herren sehen sich zum Verwechseln ähnlich. Zu Mauerzeiten hat der große Bernhard seinen Sohn regelmäßig im Osten besucht, „die kannten ihn an der Grenze schon“. Die Minettis waren eine eng verbundene Familie, das lag an den italienischen Wurzeln, sagt Ehefrau Irma Münch. Das Schauspieler-Ehepaar gibt Lyrikabende, hat zarte Liebesgedichte von Walter von der Vogelweide bis Peter Hacks auf CDs gesprochen. „Der Palast ist, wie die DDR, Geschichte geworden“, zieht Minetti seinen knappen Schlussstrich unter eine Zeit, in der er unzählige Male den Friedrich Engels in dem Stück „Salut an alle“ gegeben hat. Da ist die Episode von der Weihe des Hauses schon lustiger. Die Kollegen vom DT hatten immerzu gelästert: Mensch, Peter, sag bloß nicht mal Ballast!!!(Denn da gibt es diese schöne Anekdote, wo ein Schauspieler in „Maria Stuart“ nur den Satz „Zieht die Brücke auf!“ zu sprechen hat, und je eindringlicher man ihn warnt, desto eher passiert das Malheur – und er ruft: „Brüht die Zicke auf!“).

Solche Geschichten könnten auch die Programmgestalterin Edith Krtschil und der Produktionsleiter Heinz Günter Behnert erzählen. „Zunächst sind wir regelrecht totgestürmt worden“, sagt die Kulturmanagerin. Nach der Eröffnung vor 30 Jahren hatte sie vier Kilo abgenommen. Die Arbeit war so aufregend wie anregend; an 2407 Tagen standen die schweren Türen für Veranstaltungen offen, bis auf das Theater im Palast gab es kein eigenes Ensemble, von Beethovens „Neunter“ bis zum Herrn Loriot, Frau Milva und Helga Hahnemann war man Spielort, Regietheater und Künstlerbetreuung in einem. Heinz Günter Behnert hat das alles in „Palast, Palazzo - das Denkmalbuch“ aufgeschrieben, leider gibt es das Buch nicht mehr. „Ach, ist das schön!“ hatte Udo Lindenberg in den Saal gerufen, als er endlich da war, wo er schon immer hin wollte, in Honnis Republikpalast. Der war für die beiden „ein wichtiges Stück unseres Lebens, eine interessante Arbeit. Unser Ziel war, dem Publikum etwas zu bieten. Und das ist gelungen.“

Für die größten Veranstaltungen – drei Parteitage und tausende Unterhaltungskonzerte, Tanzabende, Solo-Gastspiele und Bälle – gab es den Großen Saal, und den hat ein Architekt gemacht, der sich mit der ursprünglichen Planung einer braven Kartoffelkiste mit Parkett und Bühne nicht abgefunden, sondern etwas Eigenes, „in der Welt Einmaliges“, wie er sagt, entwickelt hat: Manfred Prasser, der dann noch den Friedrichstadtpalast und das Schauspielhaus bauen sollte. Bei der Eröffnungsfete saßen wir alle brav auf den gelben Sitzen in dem sechseckigen Amphitheater, wurden am Schluss in die Foyers gebeten und blickten nach 50 Minuten auf eine Art Wunder: Die Sitze, auf schwenkbaren Parkett-Teilen befestigt, sind hochgeklappt, im neuen Saal stehen Tische und Stühle, es darf geschwoft werden. Die Szene mit dem Eröffnungstanz von Margot und Erich Honecker geistert seither durch die Zeitungen, wenn von Erichs Ballhaus die Rede ist. „Dabei ist der eigentlich schuld daran, dass das Ding jetzt abgerissen wird“, sagt Manfred Prasser. „Wenn wir ein halbes Jahr mehr Zeit gehabt hätten, dann wäre zur Ummantelung der Träger Gips verwendet worden. Aber es musste ja schnell gehen, der IX. SED-Parteitag stand vor der Tür, und so kamen wir auf die Variante mit dem Spritzasbest als Feuerschutz.“

Vielleicht hätten sich die Sieger dann etwas anderes einfallen lassen. Prasser, der zwischen seine Deckenplafonds in dem wandelbaren Saal sogar Aufhängungen für eine Flugtrapeznummer eingebaut hatte und von dem nie jemand wissen wollte, ob man sein Weltwunder verwenden könnte, sagt bitter: Gratulation jenen, die denken, wenn wir die Steine bestrafen, ist alles wieder sauber und clean. Machen sie heute nicht den gleichen Fehler wie Ulbricht, als er das Schloss sprengen ließ?“

Zurück im Jetzt. Sie haben eine Tribüne auf den Schloßplatz gestellt, damit man den Abriss besser beobachten kann. Touristen finden das interessant. Einheimische aus dem Osten eher zynisch. Die Stadtentwicklungssenatorin Junge-Reyer bekundet den Gefühlen und dem Saal ihren Respekt, sie kann sich vorstellen, dass viele an dem Haus hängen, aber der Bundestag hätte nun einmal entschieden, dass da ein Humboldt-Forum entsteht. Dann schwärmt sie von der Weite und dem neuen Stadtraum, der da grünt, wenn der Palast Geschichte ist. Das Wort „Schloss“ kommt dabei nicht vor.

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