Kultur : Krieg in Afghanistan: Im Feld

Elke Windisch

Bevor Gulbuddin Hekmatyar am letzten Freitag ein weiteres Mal die Fronten wechselte und zu den Taliban überlief, schrieb er seinen ehemaligen Gönnern eine drastische Warnung: Die Amerikaner, so der afghanische Ex-Premier und zeitweilige Verbündete der Nordallianz, könnten sich schon bald nach "den seligen Zeiten des Vietnamkriegs" zurücksehnen. Vor allem dann, wenn Washington Zentralasien zum Basislager für die geplante Bodenoperation machen sollte. Nach Meinung von Experten ein hochriskantes Unternehmen mit höchst ungewissem Ausgang - für die USA wie auch für deren neue Verbündete.

Zum einen fehlen in der Region bisher alle logistischen Voraussetzungen für größere und längere Kampfhandlungen. Zu den nördlichen Frontstaaten gehören, nachdem Turkmenien strikt an seiner Neutralität festhält, Usbekistan, Tadschikistan und Kirgisien, obwohl dies keine direkte Grenze zu Afghanistan hat. Diese Staaten waren schon zu Sowjetzeiten für den Ernstfall miserabel gerüstet und sind es nach zehn Jahren Wirtschaftsmisere und allgemeinem Verfall heute weniger denn je. Die wenigen Militärflugplätze - Usbekistan hat fünf, Tadschikistan drei - sind nur für kleinere Verbände ausgelegt und gegenwärtig nur bedingt funktionstüchtig.

Start- und Landebahnen sind in katastrophalem Zustand und bedürfen ebenso wie die Flugleitzentren einer zeitraubenden Generalüberholung: Die meisten Radarsysteme sind, weil die Techniker sie auf der Suche nach Edelmetall ausgeschlachtet haben, seit Jahren funktionsuntüchtig. Für längere Militäroperationen müssten vor Ort zudem Vorräte an Treibstoff und Munition angelegt werden. Auf dem Luftweg ist dies selbst mit großen Transportern nur bedingt möglich. Auf dem Landweg wiederum vergehen Monate. Straßen- und Schienennetz der Region sind dünnmaschig und marode, zudem müssen Transitgenehmigungen von einer Reihe von anderen Staaten eingeholt werden. Schon Washingtons Vorauskommando - nach offiziell bisher nicht bestätigten Informationen sollen in Usbekistan bisher 1000 GIs anwesend sein - schleppte seine gesamte Ausrüstung mit, vom Trinkwasser bis zum Hamburger. Bei einem Kontingent beispielsweise von 250 000 US-Soldaten ließe sich diese Autarkie nicht lange durchhalten. Zumal die mit Gulag-Komfort ausgestatteten Kasernen der Gegend nicht einmal ein Zehntel dieser Truppen aufnehmen könnten. Zelte sind bei mehrmonatigen Frösten um die dreißig Grad minus selbst für Anspruchslose eine Zumutung.

Fraglich ist zudem der längerfristige Bestand des Bündnisses gegen den Terror, für das beide Seiten höchst unterschiedliche Beweggründe haben: Washington versteht sich als Gegengewicht zum Einfluss Moskaus in der Region und möchte sowohl in einer afghanischen Nachkriegsregierung als auch beim Verteilungskampf um die Öl- und Gasreserven der Region ein gewichtiges Wort mitreden. Die lokalen Autokraten - allen voran Usbeken-Präsident Islam Karimow - hoffen auf massive Wirtschaftshilfe und Generalpardon für Menschenrechtsverletzungen und andere Demokratiedefizite, die sie bisher in die Nähe von Schurkenstaaten rückten.

Karimow kassierte bereits für die Kooperation: Für 35 Millionen Dollar soll die usbekische Armee modernisiert werden, internationale Finanzorganisationen winken mit Darlehen. Abgesehen von zunehmender Nervosität Moskaus bewegen sich die Zentralasiaten auch innenpolitisch auf sehr dünnem Eis. Der Pakt mit dem Teufel, wie ein unabhängiger Geistlicher Karimows Vereinbarung mit den Amerikanern nannte, könnte ihn und seine Regierungsclique hinwegfegen.

Wie sich die islamische Opposition im notdürftig befriedeten Tadschikistan verhalten wird, ist offen. Hinter Kirgisen-Präsident Askar Akajew steht nach Flächenbombardements in Afghanistan und der Ankündigung, den Krieg auch im heiligen Monat Ramadan fortzusetzen, Umfragen zufolge nur noch knapp ein Viertel der Bevölkerung.

In Usbekistan droht im Vorfeld des vierten Hungerwinters und einer Flüchtlingsinvasion aus dem Nachbarland offener Widerstand. Weisungen des Muftis an alle Moscheen, den Krieg für gerecht zu erklären, ignorierten die meisten Imame. Für US-Botschafter John Herbst Anlass für ein bisher beispiellosen Kotau: Die USA, so der Diplomat gegenüber dem einflussreichen Imam von Taschkent, Anvarboji Tursunow, habe die Muslime nicht immer fair behandelt und schwere außenpolitische Fehler begangen, räumte er ein.

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