Krieg in Gaza : Der Hass und seine Masken

Tragödie in Gaza, Terror in Israel. Im Nahost-Konflikt machen sich beide Seiten schuldig. Um einen Ausweg aus dem gegenwärtigen Unglück zu finden, muss die Welt helfen. Innenansichten eines Israelis.

Jakob Hessing
Ein von der israelischen Luftwaffe angegriffenes Haus in Rafah im Süden des Gazastreifens.
Ein von der israelischen Luftwaffe angegriffenes Haus in Rafah im Süden des Gazastreifens.Foto: Reuters

Es ist nicht leicht, über die Tragödie zu schreiben, die sich vor unseren Augen in Gaza abspielt. Die Bilder der Toten, der unschuldigen Toten, ersticken die Worte. Israels Feinde sagen: unschuldig Ermordete. Aber das ist nicht wahr. Unschuldige Menschen sterben in Gaza, aber sie werden nicht ermordet. Sie sind Opfer einer Tragödie, die beendet werden muss, und das kann nur geschehen, wenn alle begreifen: Diese Tragödie betrifft nicht nur Israel und die Palästinenser. Nicht nur Juden und Araber. Diese Tragödie betrifft uns alle, sie betrifft die ganze Welt.

Deshalb schreibe ich diese Zeilen, und deshalb schreibe ich sie auf Deutsch. Ich bin unter Hitler zur Welt gekommen, als jüdisches Kind wuchs ich in West-Berlin auf und wanderte vor nun fast 50 Jahren nach Israel aus. 1967, im Sechstagekrieg, empfand ich zum ersten Mal das Gefühl einer tödlichen Bedrohung, und es hat sich seither nicht verändert, nur in einen beklemmenden Dauerzustand verwandelt und schrittweise verschoben. Die früheren Auseinandersetzungen einer „konventionellen“ Kriegsführung sind zu den gegenwärtigen Gefahren eines unberechenbaren, überall spürbaren Terrorismus geworden; und weniger um meine eigene Person bin ich heute besorgt als um meine Kinder und um meine Enkel.

Man neigt dazu, solche Dinge zu verdrängen und aus dem Gedächtnis zu verbannen. Wie es unter Hitler gewesen ist, weiß ich nur aus den Zeugnissen der Geschichte, ich war damals zu klein. Aber an West–Berlin im Jahr 1961 erinnere ich mich noch sehr genau, ich weiß noch, dass die S-Bahn plötzlich nicht mehr in den Osten fahren konnte wie früher. Und dass damals, als die zweite deutsche Diktatur mitten in der Stadt ihre Krallen ausstreckte, eigentlich alles so weitergegangen ist wie zuvor. Dass man wegschaute und gar nicht wissen wollte, was sich in nächster Nähe abspielte.

Ein israelischer Soldat betet an der GRenze zu Gaza am 29. Juli.
Ein israelischer Soldat betet an der GRenze zu Gaza am 29. Juli.Foto: AFP

Das ist auch bei uns in Israel so. Seit vielen Jahren wird der Süden des Landes vom Gazastreifen aus mit Raketen beschossen, und anderswo – in Jerusalem, wo ich wohne, oder am Küstenstreifen, wo meine Kinder und Enkel zu Hause sind, – merkt man davon wenig. Weitab vom Schuss, heißt es im Deutschen: drei Wörter, die das menschliche Bewusstsein und seine Neigung beschreiben, sich vor der Wirklichkeit abzuschirmen.

Im Süden Israels leben die Menschen seit langem mit den Raketen. Wenn die Sirenen ertönen, haben sie 15 Sekunden, um sich in Sicherheit zu bringen, und hier soll nicht behauptet werden, sie seien die einzigen, die das Unglück dieser Tragödie zu tragen hätten. Nicht um Schwarzweißmalerei geht es mir, auch nicht um eine Apologetik, die Israels Fehler schönzufärben sucht. Für alle, die ihn sehen wollen, liegt auch unser Anteil an der Tragödie im Nahen Osten offen zu Tage. Im Einvernehmen mit allen israelischen Regierungen haben sogenannte Siedler seit 1967 jenseits der Ostgrenze Israels eine Kolonialherrschaft errichtet, die weder politisch noch menschlich zu rechtfertigen ist. Sie muss ein Ende finden, wenn es einmal zum Frieden zwischen den Völkern kommen soll.

57 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben