Kultur : Krieg in Zelten

Willkommen im Lazarett: Kerstin Kartscher bei Giti Nourbakhsch

Daniel Völzke

Nur wenige Schritte sind es bis zur Stille. Der Lärm des Rosenthaler Platzes dröhnt zwar noch in die Galerie Giti Nourbakhsch hinein – und tönt doch wie ein Nachklang. Die Künstlerin Kerstin Kartscher hat mit ihrer Installation „Private War“ einen seltsam entrückten Ort der Ruhe geschaffen, der die Gegenwart aufzusaugen scheint. Mit wenigen Zitaten schafft die 1966 geborene Künstlerin eine Atmosphäre wie in einem Feldlazarett des Ersten Weltkriegs. Alles ist bereit, die Helden und Irren aufzunehmen, die sich da draußen noch zerfetzen.

Eine Wand ist mit einem faltenreichen Vorhang bespannt, davor steht ein einfaches Holzbett, auf dem ein zusammengelegtes Laken liegt. Ein offenes Zelt umrahmt ein spartanisches Ambiente der Pflege und Sauberkeit: ein eiserner Waschtisch, Schüssel, Medizinfläschchen aus Porzellan, ein Spiegel, Kacheln, eine riesige, dickbauchige Glasflasche. Jedes Ding raunt dem Besucher ein altmodisches „Verweile!“ zu.

Materialien und Gestaltung stammen aus einer von Frauen geprägten Welt: Das Muster auf den Fliesen, die Quasten oder der Schwan aus schwarzer Spitze, der das Waschbecken verziert, trösten filigran über die Grobheiten einer kriegerischen Zeit hinweg. In dieser Zerbrechlichkeit erinnert die Installation an die zeichnerische Bildsprache Kartschers: International bekannt wurde die in Nürnberg geborene Künstlerin, die in Hamburg studiert hat und nun in London lebt, mit Zeichnungen, auf denen in feinen Linien Landschaften, Meere und Architektur zusammenfließen. In diesen welligen Welten sitzen, liegen, knien nicht selten viktorianisch anmutende Damen und Mädchen, oft Heldinnen der frühen Frauenbewegung. Denn diese wunderlichen Provinzen sind keine reinen Wunschwelten: Stacheldraht, Ketten und Gitter zerstören die Idylle.

Auch in der Installation „Private War“, die zuvor im britischen St. Ives gezeigt wurde, wo Kartscher als Tate-Stipendiatin arbeitete, prallen Freiheit und Zwang, Fantasie und erdrückende Realität aufeinander: Auf den Leinenbahnen des Zeltes erzählen Zeichnungen vom Krieg. Das unwirtliche Szenario aus Disteln, Zäunen, Hochhäusern und Qualm gemahnt daran, wie mühsam diese Oase der Ruhe, dieses Zelt, den Widrigkeiten des Lebens abgetrotzt ist. Die Stille erhält etwas Gespenstisches, der einladende Ort taucht plötzlich in eine unwirtliche Melancholie (Preis auf Anfrage).

Galerie Giti Nourbakhsch, Rosenthaler Straße 72, bis 1. Juli; Dienstag bis Sonnabend 11 – 18 Uhr.

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