Kultur : Krieg und Frieden

CARL FRIEDRICH WEIZSÄCKER

Wenn die Welt sich ändert, ändert sich auch die Weltpolitik.Was haben wir zu erwarten? Einige persönliche Anmerkungen des Physikers und Philosophen, der heute 85 Jahre alt wirdVON CARL FRIEDRICH VON WEIZSÄCKERDie Frage, ob, oder unter welchen Bedingungen Menschen andere Menschen töten dürfen, hat sich uns alsbald aufgedrängt, als wir begannen, den Menschen als geselliges Lebewesen zu deuten.Die Weltpolitik des soeben zu Ende gehenden 20.Jahrhunderts stand unter der Spannung der zwei Weltkriege, des Hegemoniekonflikts der zwei Ideologien, und des Blutvergießens in der "dritten Welt".Hier erlaube ich mir, die Betrachtung mit persönlichen Erinnerungen zu beginnen. Ich bin 1912 geboren.Meine früheste Kindheitserinnerung, aus dem Winter 1914-15, steht unter dem Satz "Es ist Krieg".Die Männer waren an einem fernen Ort, den die Erwachsenen "die Front" nannten.Auf den Straßen humpelten Kriegsversehrte.Nichts Anderes hörte man aus den Gesprächen der Erwachsenen, als wie der Krieg weitergehen würde. Zehn Jahre später, in einem friedlichen Land, in der Schweiz, in der mein Vater ein deutsches Konsulat verwaltete.Ich hatte ein Neues Testament geschenkt bekommen und begann als Zwölfjähriger darin zu lesen.Alsbald stieß ich auf die Bergpredigt.Kein Text hat mich je in meinem Leben so tief erschüttert."Du sollst nicht töten.Aber schon wer dem Bruder zürnt und flucht, ist des Gerichts schuldig." "Liebet eure Feinde und bittet für eure Verfolger!" "Selig die Friedensmacher, denn sie werden Gottes Kinder heißen." Dies ist offenkundig wahr, aber niemand von uns befolgt es.Ich spürte: Mein Leben wird davon bestimmt sein, den Weg zu diesen Wahrheiten zu suchen. Wieder etwa zehn Jahre später, 1934.Ich bin ein junger Physiker, mit philosophischen Hintergrundsfragen.Ich wende mich der soeben modern werdenden Kernphysik zu.Ich bin Schüler von Heisenberg und arbeite, 1936, ein halbes Jahr bei Otto Hahn.Im Dezember 1938 entdeckt Hahn, in rein neugieriger Forschung, die Uranspaltung. Zwei Monate später verstanden rund zweihundert Kernphysiker rings auf der Erde, daß nun wohl Atombomben möglich sein werden.An diesem Abend, an dem ich das verstanden hatte, ging ich zu meinem Freund, dem Philosophen Georg Picht.Wir zogen drei Folgerungen: 1.Wenn Atombomben möglich sind, wird es, so wie die Menschheit heute aussieht, jemanden geben, der sie baut. 2.Wenn Atombomben gebaut sind, wird es, so wie die Menschheit heute aussieht, jemanden geben, der sie im Krig einsetzt.Beide Folgerungen bestätigten sich am 6.August 1945 in Hiroshima. 3.Die Atombombe ist das Weckersignal des technischen Zeitalters.Solange der Krieg als Institution existiert, werden immer neue technische Waffen gebaut und verwendet werden.Wir folgerten damals: Die Institution des Krieges wird überwunden werden, oder die Menschheit wird sich selbst zugrunde richten.Die Antwort hierauf steht noch vor uns. Was haben wir zu erwarten? Auf welchen Zeitraum bezieht sich, konkret verstanden, diese Frage? Nicht auf die nächsten zwei oder fünf Jahre.Was in ihnen im einzelnen geschehen wird, hängt stark von lokalen Handlungsweisen und Zufällen ab.Aber die Frage bezieht sich auch nicht auf die nächsten zwei oder fünf Jahrhunderte.Vielleicht werden wir am Ende unserer Überlegungen wagen, ahnungsweise zu sagen, was wir in diesen Jahrhunderten fordern, hoffen oder fürchten.Aber für ein paar kommende Jahrzehnte lassen sich wohl einige Entwicklungen abschätzen und dann auch einige strenge Forderungen stellen. Zu Krieg und Frieden in den kommenden Jahrzehnten: Hier gibt es heute Hoffnungen, es gibt aber auch spezifische Gefahren.Seit etwa 1989 hat die Angst vor dem dritten Weltkrieg abgenommen.Aber durch die Krise einer weltinnenpolitischen Ideologie haben lokale nationale Gegensätze wieder an Wirksamkeit gewonnen; lokale, ethnische Kriege finden wir heute rings in der Welt.Wenn einst die Angst vor dem erdumspannenden Einsatz der größten Atomwaffen den Weltkrieg verhindert hat, so ist heute der lokale Einsatz taktischer Atomwaffen durch Nationalstaaten wohl eine wahrscheinlichere Gefahr als zuvor: Die faktisch heute ausgefochtenen ethnischen Kriege sind jedoch nicht primär technisch ermöglicht; sie sind vielfach schlichter Massenmord wie seit Jahrtausenden.Und der Waffenexport der Industriestaaten verstärkt, über den Weltmarkt, die Kriegesgefahr. Aber auch das Bewußtsein, daß Krieg nicht sein darf, wächst.Hier mag der demokratische Einfluß der Intellektuellen eine fördernde Rolle spielen.Dürfen wir hoffen, daß Israel und die Palästinenser es lernen, im selben Land friedlich zusammenzuleben? Ist die Verständigung zwischen den Rassen in Südafrika nicht vorangeschritten? Was ist denn die Ursache der Kriege? Ethnische Gegensätze, wie heute in Bosnien oder in Somalia, hat es von jeher gegeben.Aber im heutigen öffentlichen Bewußtsein spielt eine größere Rolle die Förderung sozialer Gerechtigkeit, der Gegensatz von Armut und Reichtum.Ihn müssen wir betrachten, wenn wir jemals hoffen wollen, die Kriegsursachen zu überwinden. Ich erlaube mir mit einer Anekdote, die ich schon öfter erzählt habe, auf das Ende der Erwägung zuzugehen.1952 hatte ich mein einziges langes Gespräch mit dem großen protestantischen Theologen Karl Barth.Seine Theologie war nicht die meine, aber stets konnte ich aus dem, was er sagte, etwas Wichtiges lernen.Ich fragte ihn im Lauf des Gesprächs: "Physik ist mein Beruf und meine wohl liebste Beschäftigung.Aber nun hat sich gezeigt: Nur 300 Jahre hat der direkte Weg von Galilei zur Atombombe gedauert.Darf ich weiter Physik treiben?" Er antwortete: "Wenn Sie das glauben, was alle Christen bekennen, aber fast keiner glaubt, daß nämlich Christus wiederkommt, dann dürfen Sie, ja dann sollen Sie weiter Physik treiben.Wenn Sie es nicht glauben, dann müssen Sie sofort mit der Physik aufhören." Ich brauchte nur wenige Sekunden der Rückfrage an mich selbst, nur eine kurze weitere Besinnung und sagte: "Ich werde weiter Physik treiben." Wie habe ich das auszulegen? Die Wiederkunft Christi ist ja wohl nicht die physische Rückkehr von Jesus von Nazareth auf die Erde.Sie ist vielmehr der Vollzug dessen, was er gelebt und gelehrt hat, in der Menschheit.Dies ist eine Weise, das zu beschreiben, wozu der Weg unseres gemeinsamen Bewußtseins führen soll. Ich wagte nicht zu sagen, wie dieser gemeinsame Weg wirklich aussehen wird.Wir alle müssen lernen, einander wahrzunehmen.Es ist nicht ausgeschlossen, daß diese Wahrnehmumg erst nach nochmaligen, vielleicht unvergleichlich großen Katastrophen eintreten wird.Aber ich bin überzeugt, sie ist möglich.Laßt uns lernen, einander wahrzunehmen, einander ernst zu nehmen.Laßt uns verantwortliche Nächstenliebe lernen.

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