Kultur : Krieger, grüß mir die Sonne

Uraufführung am Berliner Gorki Theater: „Gotteskrieger“ von Lutz Hübner

Christina Tilmann

Wie sagt Papst Benedikt XVI.: „Einen klaren Glauben nach dem Credo der Kirche zu haben, wird oft als Fundamentalismus abgetan. So entsteht eine Diktatur, die als das letzte Maß aller Dinge nur das eigene Ich und dessen Gelüste versteht.“ Über die Wiederkehr der Religion wird im Zusammenhang mit Papsttod und Papstwahl derzeit heftig diskutiert. Das Berliner Gorki-Theater ist also ganz aktuell, wenn es den Rest seiner Spielzeit, die unter dem Motto „Glauben“ steht, dem Thema Fundamentalismus widmet.

Am Anfang stand, natürlich, 9/11. Schnell hat die Literatur, schnell haben auch erste Theaterstücke auf die Frontenbildung zwischen westlicher und islamischer Welt reagiert. Am schnellsten war das Kino. Filme wie Elmar Fischers „Fremder Freund“ oder Max Färberböcks „September“ erzählen vom Einbruch des Fremden in die eigene Welt. Dass in Europa ausgebildete Studenten zu Attentätern werden konnten, warf plötzlich einen Generalverdacht auf alle arabischsprachigen Menschen im Land. Der fremde Freund ist plötzlich nur noch fremd, Freundschaften, Beziehungen zerbrechen, Misstrauen, auch Unverständnis wächst, und unsere aufgeklärte Multikulti-Gesellschaft steht ratlos vor der religiösen Radikalisierung.

Auch Lutz Hübners „Gotteskrieger“, unter Regie von Volker Hesse nun im Gorki Studio uraufgeführt, lebt von dieser Ratlosigkeit. Zacarias (Matthias Walter) ist in Deutschland aufgewachsen, spricht kein Arabisch. Er ist ein wuschelköpfiger, impulsiver, etwas orientierungsloser Jugendlicher wie viele andere. Zu Hause Stress mit der dominanten Mutter (Monika Werner), die hübsche Freundin (Julia Philippi) hat ihren eigenen Kopf, und mit dem Praktikumsplatz hat es auch nicht geklappt. Da kommt viel zusammen: mangelndes Selbstbewusstsein, pubertärer Eigensinn, die dominanten Frauen daheim, ein Minderwertigkeitskomplex, gewiss auch die Erfahrung von alltäglichem Rassismus. Zacs Weg ist vorgegeben und ziemlich vorhersehbar: Hass, religiöse Radikalisierung, schließlich Rekrutierung als „Gotteskrieger“ und Ausbildung zum Attentäter.

Die Bedrohung lässt Regisseur und Hausherr Volker Hesse den Zuschauer im Gorki Studio fast gripstheaterhaft deutlich am eigenen Leib erfahren. Plötzlich springen die Fenster zur Straße auf, dringen schwarzvermummte Gestalten herein, während draußen passenderweise dramatisch ein Sturzregen niedergeht. Später quillt Rauch in den Raum. Und die Zuschauer, bis dahin im Viereck um die Bühne platziert, werden wie Vieh in der Mitte zusammengetrieben: Hinsetzen! Stillhalten! Widerstand zwecklos. Und dann skandieren die Attentäter „Allahu Akbar“, finden religiöse Waschungen, Gebete, Weihungen statt, und nach dem Attentat herrscht plötzlich Stille.

Das ist die europäische Sicht. Zac, einer von uns, wird unter dem Einfluss des Islam plötzlich böse, wird fremd. Die andere Seite dagegen ist pures Klischee. „Du kommst aus Deutschland? Erzähl uns doch, wie es dort ist, bei den Schweinen und Affen“, fragt einer der Attentäter aus Pakistan im Rekrutierungslager. Auf der diesjährigen Berlinale lief im Wettbewerb ein Film von Hany Abu Assad, „Paradise Now“. Ein stiller, ein großer Film. Zwei palästinensische Jugendliche auf ihrem Weg zum Attentat. Das war, endlich einmal, die Innensicht. Keine Verurteilung, keine Parteinahme. Sympathie für die Protagonisten allerdings, auch Verständnis, ohne damit ihr Tun, ohne auch die antiamerikanischen, antiisraelischen Hetztiraden gutzuheißen. Dennoch: Palästinenser, Araber, Iraker sind weder Schweine noch Affen. Besser, man schaut noch einmal genau hin.

Wieder am 9., 12., 14., 20., 21., 27. und 29 Mai, jeweils 20 Uhr, Gorki Studio

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