Kultur : Krise? Chance!

Zum Start des Klagenfurter Bachmann-Wettbewerbs.

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Als vor ein paar Wochen das Teilnehmerfeld des Ingeborg-Bachmann-Wettbewerbs 2012 bekannt gegeben wurde, wohlgemerkt in Berlin, da schaute die selbsternannte Literaturhauptstadt des deutschsprachigen Raumes stark betröpfelt von ihren Funk- und Fernsehtürmen. Nur zwei der 14 Autoren und Autorinnen, die vom heutigen Donnerstag an in Klagenfurt ins Vorleserennen um fünf teils hoch dotierte Auszeichnungen gehen, leben in Berlin: die 1958 in Bad Kreuznach geborene Sabine Hassinger und die 1977 in Hamburg geborene Inger-Maria Mahlke.

Berlin in der Krise, könnte man sagen. Nicht nur arm, nicht nur hässlich, sondern auch literarisch nicht einmal mehr kreativ. Insbesondere wenn man bedenkt, dass im letzten Jahr der Wettbewerb eine Art Berliner Literaturausscheidung mit Schweizer und Österreichischer Beteiligung war (acht Berliner Teilnehmer). Und wenn man bedenkt, dass viele Bachmann-Preisträger der letzten 15 Jahre in der Bundeshauptstadt leben, von Sibylle Lewitscharoff (1998) über Peter Glaser (2002), Inka Parei (2003) und Tilman Rammstedt (2008) bis zu Peter Wawerzinek (2010).

Oder ist Berlin schlichtweg zu klein geworden? Doch wieder zu kiezig, ein Tummelplatz für Lokalpatrioten? Treffen hier Krise und Chance und Diaspora doch nicht so heftig aufeinander, wie das Ulla Unseld-Berkéwicz unter anderem als Begründung für den Umzug ihres Verlags von Frankfurt am Main nach Berlin angab? „Eine Hauptstadt, wo Künstler und Intellektuelle die Schwachstellen und Kraftlinien des Bestehenden aufzeigen, lange bevor eine Wirtschaftskrise die Leute zum Umdenken zwingt, ist ebenfalls eine richtige Idee“, schwurbelte die Suhrkamp-Chefin 2009 im „Spiegel“. Der Literaturbetrieb, das weiß man, lechzt nach kreativem Krisenmanagement, nach Größe in der Krise. Vor allem aber nach der beliebten „Welthaltigkeit“ - und die Jury des Bachmannwettbewerbs scheint dieses Mal überall in der Welt fündig geworden zu sein.

Richtig international ist das Feld, da müsste selbst ein Jogi Löw mit seinen Khediras, Özils und Podolskis noch einmal verstärkte Sehnsüchte entwickeln, gerade jetzt, nach der verpatzten EM. Ein Autor aus dem deutschsprachigen Raum lebt, nach langen Jahren in Buenos Aires, im japanischen Hiroshima (Leopold Federmair), ein anderer in Finnland (Stefan Moster); die gebürtige Russin Olga Martynova ist dabei sowie der gebürtige Pole Mathias Nawrat; zudem sind die Schweizer und Österreicher stärker vertreten als in den vergangenen Jahren.

Die Wahrheit aber, das wissen nicht nur Fußballfachleute, liegt immer auf dem Platz. In Klagenfurt also auf dem Papier, am Lesepult, von 3sat live übertragen. So nützte Berlin seine Mannschaftsstärke im vergangenen Jahr rein gar nichts, es gewann die Klagenfurterin Maja Haderlap. Und so könnten vielleicht gerade dieses Jahr Sabine Hassinger und Inger-Maria Mahlke in die „Schwachstellen des Bestehenden“ vorstoßen und die Berliner Krise als Chance nutzen. Gerrit Bartels

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