Krise in deutsch-französischer Beziehung : Merkiavellis Rätsel

60 Jahre Elysée-Vertrag: Frankreich und Deutschland haben zum Jubiläum ihre kulturellen Differenzen gepflegt.

Manfred Flügge
Nachbarn, Nationen. Die Kanzlerin und der Präsident im Elysée-Palast. Foto: dpa
Nachbarn, Nationen. Die Kanzlerin und der Präsident im Elysée-Palast. Foto: dpaFoto: picture alliance / dpa

Dass ausgerechnet das deutsch-französische Jahr zum 60. Jahrestag des Élysée-Vertrages einen Tiefpunkt in den Beziehungen gebracht hat, war eine böse Überraschung. Was hat man nicht alles hören und lesen müssen über Deutschland in den französischen Medien. Bismarck wurde uns aufgetischt, der in Frankreich als böser Kinderschreck gilt, Frau Merkel wurde zu „Merkiavelli“, und in einer Talkshow durfte eine frühere Beraterin der Präsidenten Pompidou und Chirac unwidersprochen und ganz ernsthaft erklären, warum und wie die Deutschen ein „Viertes Reich“ aufbauen.

In einer großen Schau der deutschen Kunst im Louvre ging es mehr um Ideologie als um Malerei, und von Caspar David Friedrich zu Leni Riefenstahl führte eine gerade Linie. Dass Frankreich auch Inspirationsland für deutsche Künstler war, zeigte eine kleine feine Ausstellung in Max Liebermanns Villa am Wannsee.

Die europäische Krise färbte auf den Diskurs über gesellschaftliche und historische Themen ab. Der Sympathiebonus, den Deutschland seit dem Mauerfall eingefahren hatte, scheint aufgebraucht. Ausgerechnet der Euro entpuppte sich als Zwiststifter. Man darf sich keine Illusionen machen, wie böse, wie verächtlich Pariser Journalisten und Intellektuelle inzwischen über Deutschland und „la mère Merkel“ reden. Die Masse der französischen Bevölkerung hätte allerdings auch gern eine so unaufgeregte, unprätentiöse Politikerin. Den französischen Medien ist sie allerdings ein Rätsel. Vielleicht sollte sie einmal ein längeres Gespräch im französischen Fernsehen führen, wie es einst Helmut Kohl mit großem Erfolg getan hat.

In französischen Medien wird Jogi Löws Fußballelf nur „la Mannschaft“ genannt

Versagen die Vermittler? Oder haben sie überhaupt keine Chance, weil es in den französischen Medien ein imaginäres Deutschland für innenpolitische Zwecke gibt, das kein differenzierender Diskurs überwinden kann? Vom „modèle allemand“ bis zur „austérité“ werden an der Seine Begriffe gebraucht, die in Deutschland kaum eine Rolle spielen. Natürlich ist es ärgerlich, wenn in Deutschland von der „grande nation“ geredet wird, was meistens ironisch bis abschätzig gemeint ist. Der Begriff bezeichnete die Expansionspolitik der Ersten Französischen Republik 1796 bis 1798, ist sonst aber ungebräuchlich. In französischen Medien wird Jogi Löws Fußballelf nur „la Mannschaft“ genannt, die doch keinen Spitznamen trägt, anders als in der Schweiz, wo man von der „Nati“ redet. Französische Romane und Essays schmücken sich gern mit deutschen Wörtern, die dann meistens falsch geschrieben oder gebraucht werden.

Mit der Kritik an Deutschland wird auch Frust über die eigenen politischen Versäumnisse abgeladen. Wobei Kritik ja nicht das Problem ist, wenn nur die richtigen Themen aufgegriffen würden und nicht die alten französischen Phantasmen, um den Begriff von Alfred Grosser zu gebrauchen. Die französischen Probleme liegen nicht nur an der Unerfahrenheit des Präsidenten oder am Reformstau oder am drohenden Wahlerfolg des Front National, der allerdings das Ende der bisherigen Beziehungen bedeuten würde. Das politische Leben und vielleicht auch die Verfassung funktionieren nicht mehr, die Rollenverteilung von Präsident und Premierminister passt nicht zu einer fünfjährigen Amtszeit. Es fehlt an elementarer demokratischer Kultur. Innerparteiliche Mitgliederentscheide ohne Betrug zu organisieren, ist in beiden politischen Lagern kaum möglich. Aber Wahlbetrug regt dort kaum jemanden auf.

In den letzten Monaten sind viele Bücher über das Rätsel Deutschland erschienen, die meisten polemisch oder kurios. Da war es schon erstaunlich, dass Ende Oktober ein schmaler Essay mit dem Titel „Vive l'Allemagne!“ erschien (156 Seiten, 10 €, Grasset).

Der Politikberater Alain Minc lobt darin die deutsche Demokratie in höchsten Tönen, gibt einen kurzen Abriss der deutschen Geschichte von 1800 bis heute, wobei er, dessen Familie mehrere Angehörige im Holocaust verloren hat, die Nazizeit keineswegs als zwangsläufiges Resultat der deutschen Entwicklung oder des deutschen Nationalcharakters darstellt. Er lobt das einwandfreie Funktionieren der demokratischen Institutionen, und er nimmt Deutschland in Schutz gegen die unaufrichtigen Attacken aus Südeuropa im Zusammenhang mit der jüngsten Euro-Krise. Aber dieses Lob ist durchaus vergiftet. Irgendwie sind diese deutschen Musterknaben doch auch eine Karikatur. Und warum muss es immer darum gehen, wie die Deutschen sind? Mincs Hymnen sind nur das Vorspiel zu einer Kritik und zur Neubestimmung des französischen Interesses Deutschland gegenüber. Die gegenwärtige Lage sei nicht gesund.

Schade nur, dass der Name von Madame de Staël hartnäckig falsch ausgesprochen wurde

Das Ungleichgewicht zwischen Deutschland und Frankreich dürfe nicht zu groß werden. Angela Merkels Haltung und Zielsetzung seien zweideutig. Vor allem tadelt er, dass Deutschland sich als vergrößerte Schweiz betrachte, außenpolitisch und militärisch vor Interventionen zurückschrecke. Das sei eine neue Form des Sonderwegs. Die deutsche „politische Elite“ begehe aus Zaghaftigkeit einen historischen Fehler. Dass dies einer verbreiteten Stimmung in der Bevölkerung entspricht, sieht er nicht. Frankreich solle Deutschland helfen, aus seiner Zweideutigkeit herauszufinden. Es müsse seine Stellung in und zu Europa, aber auch in der Welt verändern. Im übrigen sei Deutschlands Niedergang absehbar, in erster Linie demografisch begründet. Hier schleicht sich der Rivalitätsgedanke doch wieder ein, es ist sogar von einem verdecktem Judokampf die Rede, nicht aber von Annäherung durch Wandel – in Frankreich. Man kann natürlich hoffen, dass die vielen französischen Künstler und Autoren der jüngeren Generation, die nun in Berlin leben, allmählich für ein anderes, differenziertes Bild von Deutschland sorgen.

Der neueste Versuch in der nie endenden Vermittlungsgeschichte war die zehnteilige Arte-Serie, die in diesem Dezember lief. „Geliebte Feinde“ war gut gemeint, bevorzugte allerdings zu sehr die deutsche Perspektive, enthielt lauter Dinge, die man den Franzosen immer schon mal sagen wollte, damit sie die deutschen Verhältnisse richtig verstehen. Immerhin bemühte man sich um Anschluss an die Gegenwart, um Lockerheit und Ironie, war aber zu sehr auf die Haupt- und Staatsaktionen orientiert. Schade nur, dass der Name von Madame de Staël hartnäckig falsch ausgesprochen wurde. (Es muss heißen: s'ta:l)

Wo bleibt das Positive? In der Rückbesinnung darauf, wo man denn her- kommt. Auf welchem Tiefpunkt die Beziehungen begonnen haben. Und dass es, daran gemessen, nur besser werden kann. Das war die Botschaft von Stéphane Hessel, der am 27. Februar gestorben ist. Immerhin kann man es als gutes Zeichen nehmen, dass das Grab von Ludwig Börne, das etwas versteckt auf einem Hügel des Pariser Friedhofs Père-Lachaise in zweiter Reihe liegt, restauriert worden ist. Ein Bronzefries auf der Stele zeigt das Urbild der deutsch-französischen Aussöhnung: Germania und Marianne reichen einander die Hände, vermittelt von der Friedensgöttin. Denn in diesem Verhältnis hat es immer der unverdrossenen Vermittler bedurft.

Von Manfred Flügge erschien zuletzt "Traumland und Zuflucht. Heinrich Mann und Frankreich." (Insel Verlag, Tb). Die entsprechende zweisprachige Ausstellung wird ab 27. Februar im Pariser Goethe-Institut gezeigt.

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