Krisenkult : Banken, Blut und Klima

Krise im System oder Systemkrise? Eine Diskussion in der Berliner Akademie der Künst widmet sich der Frage nach dem "Ende der Globalisierung".

Philipp Lichterbeck

Bedrängt von den Europäern, gerieten die Völker der Südsee zu Beginn des 19. Jahrhunderts in eine tiefe Identitätskrise. Verunsichert wandten sie sich Kulten zu, die alte Heilsmotive und Traditionen wiederaufleben ließen und oftmals militante und prophetische Züge trugen. Ethnologen sprechen heute von den sogenannten Krisenkulten. Auch bei uns scheint die Krise mitunter kulthafte Züge anzunehmen, wobei die Militanz zu-, die Gabe der Prophezeiung aber eher abzunehmen scheint. So bekannte Klaus Staeck, Präsident der Berliner Akademie der Künste, dass er kürzlich hinabgestiegen sei ins Archiv, um sich einmal die Waffensammlung seines Hauses anzuschauen. Enttäuscht musste er feststellen, dass die Anzahl der Tötungsinstrumente überschaubar ist. Sie reiche nicht einmal, um eine aufständische Armee auszustatten. Von der Akademie wird so bald also kein Revolutionsheer losmarschieren.

Doch Staeck traf einen Nerv des zahlreich herbeigeströmten Publikums am Pariser Platz, wo sich das Podium keiner geringeren Frage widmen wollte als der nach dem „Ende der Globalisierung?“ Gleichzeitig sollten „Wege aus der Krise“ aufgezeigt werden. Die Stimmung schwankte da zwischen Schaudern über die von Tagesspiegel-Autor Harald Schumann umrissenen Ausmaße der Krise, Wut über die willfährige Lobbyergebenheit der Regierung und dem Impuls, sofort über den Platz zu marschieren, um eine Diskussionsrunde zum selben Thema in der Dresdner Bank zu sprengen. Denn die, die uns den Mist eingebrockt haben, sollten gefälligst auch dafür bluten. Doch die Aufforderung, einfach mal rüberzugehen, zündete trotz aller Empörung über die bedingungslos gewährten Milliardenpakete nicht.

Eher scheint die Krise, ähnlich wie in der Südsee, bisher vor allem Verwirrung hervorzurufen. Diese äußert sich in der Schwierigkeit, eine gemeinsame Sprache zu finden: Handelt es sich um eine „Finanzkrise oder schon die Gesellschaftskrise“, wie Staeck fragte. Geht es um eine „Krise im System“ oder schon „die Systemkrise“, wie der linke Publizist Mathias Greffrath vorschlug.

Ein Mann auf dem Podium erschrak, als da wie beiläufig die Systemfrage gestellt wurde. Naturgemäß, möchte man sagen: Markus Ederer ist Ministerialdirektor und Leiter des Planungsstabes im Auswärtigen Amt und war als Vertreter eben jenen Staats geladen, der nun den Karren aus dem Dreck ziehen soll. Ederer erkannte, dass der „Legitimationsspielraum für staatliches Handeln“ gewachsen, aber dass „der Tipping-Point zum Systemwechsel“ noch nicht erreicht sei. Da war er selbst erleichtert und Staeck enttäuscht, der in Ederer zuvor noch „unseren Hoffnungsträger“ erkannt hatte.

Greffrath hingegen bedauerte das Fehlen intellektueller Anführer: „Wo ist der große Text, über den noch in hundert Jahren gesprochen wird?“ Da war sie wieder, die Sehnsucht nach Orientierung im Angesicht einer Entwicklung, die Schumann als „Ausdruck der ungeregelten Globalisierung“ beschrieb. Gleichzeitig warnte er vor einem Parlament, in dem die Lobbys das Sagen haben. Er forderte alle Zuhörer auf, Einfluss auf ihre Bundestagsabgeordneten zu nehmen: „Das Drama unseres Bundestages ist, dass er zu wenig Druck von unten bekommt.“

Da schauderte das Publikum wohlig, denn so hatte man sich das ja immer schon ausgemalt. Der ehemalige DDR-Bürgerrechtler Friedrich Schorlemmer empörte sich in der ersten Reihe über die vormals neoliberalen Meinungsführer, die zu feige seien, sich zu ihren Irrtümern zu bekennen. Und „Zeit“-Herausgeber Michael Naumann forderte die Rückkehr der Moral ins Gesetzgebungsverfahren, denn „in anderen Ländern hätte Klaus Zumwinkel fünf Jahre Gefängnis gekriegt“. Ministerialdirektor Ederer schüttelte da nur den Kopf: „Herr Naumann, Sie saßen doch an Schröders Kabinettstisch!“

Einig war man sich in der von der Journalistin Franziska Augstein leise geleiteten Runde, dass die Finanzkrise zur Unzeit kommt. Denn eigentlich hatte man sich schon auf eine andere Krise geeinigt: die Klimakrise. 

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