Kultur : "Kritik 2000": Die Kritik der Kritik hat ihren Preis

Bodo Mrozek

Glaubt man den Unkenrufen, so steht es schlecht um die deutsche Literatur. Zwar erscheinen immer mehr Bücher und die Zahl der Debütanten steigt sprunghaft an, doch gerade der Zuwachs bereitet Sorge. Die Verlage sind von wechselnden Käuferlaunen verunsichert, die Kritiker klagen über Qualitätsverfall, der Handel über steigenden Konkurrenzdruck. Mit diesen drei Gruppen hat man schon fast zusammen, was sich gerne "Betrieb" nennt - fehlen nur noch die Autoren. Und weil die nur selten die Gelegenheit haben, ihren Kritikern entgegenzutreten, wollte der Kulturkreis der Deutschen Wirtschaft die Kritik einmal selbst auf den Prüfstand stellen. "Kritik 2000" war der merkwürdig verspätet und irgendwie Schlingensiefsch klingende Titel der Konferenz, die am Wochenende im Berliner Literarischen Colloquium tagte.

Eigentlich eine ganz lustige Idee: Diejenigen, die sich sonst wohl oder übel dem Urteil der Kritik beugen müssen, durften nun selbst Gericht halten, wie denn "der ideale Kritiker" auszusehen habe. Nichts weniger wollte man im Literarischen Colloquium ergründen und hatte hierzu Autoren, Verleger, Feuilletonchefs und Kritiker zu einer zwanglosen Runde an den Wannsee geladen.

Das erwartungsgemäße Hick-Hack musste geradezu zwangsläufig konfrontativ verlaufen, warf aber auch ein bezeichnendes Licht auf die widerstrebenden Interessen: Ist die Kritik hauptsächlich Ersatzlektüre? Dient sie in der Informationsgesellschaft zunehmend als Inhaltsvermittlung für diejenigen, die keine Zeit mehr finden Bücher ganz zu lesen? Sollte die Kritik, wie der Schweizer Verleger Egon Ammann sich wünschte, nicht vor allem eine Vermittlerin der Literatur sein? Iris Radisch von der "Zeit" wies dies streng zurück: Die Kritik sei keinesfalls der verlängerte Arm der Verlagswerbung. Gerade die steigende Flut an Neuerscheinungen stärke die Bedeutung des Rezensionsfeuilletons als Filter für den überforderten Leser.

Die Literatur-Chefin der NZZ, Andrea Köhler, hob jedoch die wachsende Bedeutung der elektronischen Medien hervor, und auch Verleger Christoph Buchwald musste bekennen: "Das Primat der Literatur ist weg." Für viele junge Leser stehe "der Sound der Literatur" auf einer Stufe mit dem der Popmusik. Nur die Autoren beantworteten all dies weitgehend mit Schweigen. Barbara Frischmuth beklagte zwar, dass die Autoren sich bei den Zeitungen nicht beschweren könnten, weil sonst angeblich Ächtung droht, und so gesehen war die Wortkargheit ihrer Kollegen vielleicht ein beredtes, doch unbefriedigendes Schweigen.

Immerhin präsentierte das Gremium der vom Kulturkreis ausgezeichneten Autoren am Ende doch noch den "idealen Kritiker". Der ist demnach 65 Jahre alt, in lebt in München und heißt Albert von Schirnding. Schirnding, ehemals als Adlatus in der Wilflinger Oberförsterei bekennender Ernst Jünger-Jünger kommt von der konservativen Avantgarde her, und gilt als zwar aufgeschlossener, doch eher traditioneller Kritiker mit ebenso unbestreitbaren wie langjährigen Verdiensten. So machte es doch ein wenig Staunen, dass sowohl "arrivierte als auch junge Autoren" in ihm einhellig das "Idealbild" der Kritik ausmachten, wie der Veranstalter Jörg Henle vom Kulturkreis der deutschen Wirtschaft bekannt gab. Vielleicht lag das aber auch daran, dass im Autorenkomitee mit Katja Lange-Müller, Lothar Trolle oder Thomas Hürlimann nicht eben die jüngsten Schriftsteller zusammengerufen worden waren. Schirnding prämierte seinerseits einen Nachwuchskritiker, den 1958 geborenen Bernhard Viel.

Die Kritik der Kritik gibt es damit nun immerhin in Gestalt zweier Preise. Und wenn schon die erhoffte kritische Auseinandersetzung der Autoren mit ihren Rezensenten leider ausblieb, so mag das Symposium seinen Beteiligten doch immerhin als munterer und gutgelaunter Betriebsausflug in angenehmer Erinnerung bleiben - bis zum nächsten Mal in Frankfurt oder Leipzig.

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