• Kritik des Ex-Bürgermeisters am neuen Volksbühnen-Chef: Auch Wowereit gibt Dercon keine faire Chance

Kritik des Ex-Bürgermeisters am neuen Volksbühnen-Chef : Auch Wowereit gibt Dercon keine faire Chance

Der Berliner Bürgermeister Müller steht hinter dem neuen Volksbühnen-Chef Dercon. Vorgänger Wowereit kritisiert die Wahl nun öffentlich - dabei hätte er die Haue selbst verdient. Ein Kommentar.

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Klaus Wowereit, ehemaliger Regierender Bürgermeister, übt Kritik an Chris Dercon.
Klaus Wowereit, ehemaliger Regierender Bürgermeister, übt Kritik an Chris Dercon.Foto: dpa

Wer hat sich in den zurückliegenden zwei Jahren nicht alles über Frank Castorf, Chris Dercon und die Volksbühne geäußert. Wir leben, wie wunderbar, in einer Stadt von Theaterexperten. Nur Dercon, der Neue, ist halt keiner, der kommt aus anderen Gebieten und auch nicht aus Berlin. Der riecht anders. Dercon möchte man nicht sein in diesem mauligen Haifischbecken.

Und jetzt auch noch Klaus Wowerereit. Sagt in der „Frankfurter Allgemeinen“, dass er die Entscheidung für Dercon als Castorf-Nachfolger falsch findet. Er hätte das nicht so geregelt. Und bei der Gelegenheit gibt der Ex-Regierende seinem Nachfolger Michael Müller auch noch eins mit: „Nicht jeder Bürgermeister ist auch ein guter Kulturpolitiker.“

Wowereits Nachdenken über Theater und Kulturpolitik erinnert an Kleists „Zerbrochenen Krug“, eine recht traurige Komödie. Der Dorfrichter Adam untersucht einen Fall, eben das zerdepperte Geschirr, und ist der Schuldige doch selbst. Auch in der hoch emotionalen Volksbühnen-Monsterfarce geht es nicht um Wahrheit oder Realität, Geschichte wird nach Bedarf verdreht.

Jeder bekommt seine Haue, die Wowereit selbst gebührt

Wenn man sich erinnert, dann war es Wowereit, der Tim Renner zum Staatssekretär gemacht hat. Und Michael Müller galt immer als Wowereits Wunschkandidat für das erste Amt in der Stadt. Müller und Renner haben Dercon engagiert. Und wenn man noch ein wenig weiter zurückgeht, in die Zeit des Regierenden Bürgermeisters und Kultursenators Wowereit und seines Kulturstaatssekretärs André Schmitz, dann sieht man – dass nichts geschah. Dass die Causa Castorf jahrelang vor sich hin dümpelte, die Volksbühne in Agonie lag und der Freund den Freund nicht vor die Tür setzt. Zumal Wowereit „sehr wohl weiß, wie schwer solche Nachfolgeverhandlungen sind.“ So schwer, dass er sie für die Volksbühne lieber gar nicht erst ernsthaft begonnen hat.

Wowereit sagt staatsmännisch, die Verantwortung für die Dercon-Entscheidung „muss jetzt ja auch der amtierende Senator übernehmen.“ Da wird sich Klaus Lederer freuen. So bekommt ein jeder seine Haue, die Wowereit selbst gebührt. Schließlich hat der sonst so erfolgreiche Kulturpolitiker erheblich mit dazu beigetragen, dass eine Situation entstand, in der man sich an der Volksbühne nur noch die Finger verbrennen konnte.

Warum bekommt Chris Dercon keine faire Chance? Mitte Mai gibt er seine Pläne bekannt, im September will die neue Volksbühne starten. Ein harter Kern dieses wunderbar weltoffenen, kunstfreundlichen, hyperkreativen Berlin mag sich aber immer noch nicht mit ihm abfinden. Ob er der Richtige oder der Falsche ist, kann sich nur in der Praxis erweisen. Sie zielen auf Dercon und treffen die Volksbühne, schaden dem Haus. Manchmal hat man den Eindruck, ein Scheitern des neuen Teams werde herbeigesehnt – um jeden Preis. Um Recht zu behalten.

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