Kultur : Kritiker monieren sinnentleerte Schrillität und Blödelei

Norbert Tefelski

Das Chamäleon, erfolgreichstes Varieté im Osten der Stadt, ist in die Jahre gekommen. Selbst wohlwollendste Kritiker kommen nicht mehr umhin, dem einstigen Hoffnungsträger Stagnation und dilettantische Null-Inszenierungen anzukreiden. Nicht, dass der 1991 wiederbelebte Ballsaal über Besuchermangel klagen müsste. Vor allem Touristen genießen im Rahmen der obligaten Hackeschen-Hof-Begehung gern auch Varieté. Etwa 85 Prozent Auslastung habe man, sagt Geschäftsführer Hans Joachim Keller, der dennoch, vorsichtig formuliert, um die Notwendigkeit weiß, auch Einheimische mit neuen Ideen zu locken.

Nun also "Dudule" - aber was aber heißt das? Obwohl die nebulöse Ankündigung des neuen Programms mit Ich-du-er-sie-es-Versen wirrwarrt, soll es sich nicht um die naheliegende Assoziation - ein verschwäbeltes Personalpronomle - handeln. Vom reinen Wortspiel spricht der Regisseur Heinrich Rolfing. Reine Toren dominieren denn auch den Abend. Als Slapstickclowns im Habitus des Rockzeitalters, allen voran Grimasseur Boris Arquier und der Bodenakrobat Martin van Bracht, toben sie über die Bühne, bis zum Abwinken. Besonders die kindisch lang und breit geblödelte zweite Hälfte des Programms kann bei sensiblen Zuschauern geistige Karies verursachen: hopsende Gummibären; lose umherpurzelnde Schüttelreimbröckchen; von Sylvia Moss gekonnt, aber austauschbar gefüllte Pop-Pralinen, garniert mit Robert Munzingers porösen Kabarettsplittern.

Die bewusst sinnentleerte Schrillität feiert Urständ. Dennoch gibt es da auch feine Momente. Vor allem in der Luft: die beiden musikalisch-humorigen Seil- beziehungsweise Trapeznummern (Kris Kats und Sabine Rieck) sind zu Recht umjubelte Höhepunkte eines Spektakels, bei dem ansonsten eher Comedy vor Können kommt. Überhaupt: Comedy! Der euphorisch suggerierte Neubeginn des Chamäleons erinnert an das Konzept paralleler oder sich überschneidender Acts, das uns in neo-varietistischen Anfangsjahren so begeisterte. Was einerseits überholt erscheint, andererseits immer noch besser ist als Opas trikotglattes Nummernprogramm. Und weil dieser Klamauk junger Quereinsteiger zu großen Teilen von Protagonisten des beinah legendären Rockzirkus Gosh getragen wird, wissen wir nun: Dudule meint Gosh - so nennt der Amerikaner einen eher kindlichen Ausdruck des Staunens. Altersinfantilität eines Reptils? Dafür ist es dann eigentlich doch noch zu früh.Di - Sa 20.30 Uhr, So 19 Uhr

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