"Künstler des Jahres" Victor Man : Im Labyrinth der Angst

Eine Berliner Ausstellung feiert Victor Man als „Künstler des Jahres“. Vielleicht auch deshalb, weil sich er rumänische Maler nicht um übliche Strategien schert.

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Den Tod im Blick. Ein unbetiteltes Gemälde von Victor Man aus dem Jahr 2012.
Den Tod im Blick. Ein unbetiteltes Gemälde von Victor Man aus dem Jahr 2012.Abb: © Courtesy of the artist/Foto: Mathias Schormann

Der Kunstbetrieb lebt davon, immer neue Überraschungen zu liefern – oder eben Verfeinerungen des Bekannten vorzuführen. Originell um jeden Preis auf der einen Seite, Perfektionierung alter Schulen auf der anderen, zwischen diesen beiden Polen reiben sich zahllose Künstler auf, barmen um Aufmerksamkeit und gehen doch auf dem Radar von Kuratoren, Kritikern, Sammlern verloren. Verzweiflung macht sich vielerorts breit. Dabei gibt es einen dritten Weg.

Victor Man haben professionelle Kunstscouts schon eine ganze Weile auf dem Radar, gerade weil er sich um die üblichen Strategien nicht schert. In seinem Werk verknüpfen sich die beiden äußersten Enden der klassischen Kunstproduktion auf erstaunliche Weise. Der rumänische Künstler verbindet die Tradition mit etwas ganz Eigenem, geriert sich geradezu konservativ und schafft doch etwas Neues. Bis vor gar nicht so langer Zeit galt er noch als Geheimtipp, auch wenn er vor sechs Jahren mit den Künstlern der von ihm mitbegründeten Projektgalerie Plan B den rumänischen Pavillon auf der Biennale in Venedig bespielte. Der Durchbruch war es noch nicht.

Die Ernennung zum „Künstler des Jahres“ der Deutschen Bank, und die dazugehörige Ausstellung in der Berliner DB-Kunsthalle mit insgesamt 28 Werken aus den vergangenen sieben Jahren katapultiert Victor Man nun endgültig in die Öffentlichkeit, auch wenn er sich dort keineswegs behaglich fühlt. Interviews gibt er keine, seinen eigenen Ausstellungseröffnungen hält er sich lieber fern, auch darin eine Figur des Widerspruchs in der um Aufmerksamkeit gierenden Welt der Kunst. Dabei hätte es der 39-jährige Maler und Bildhauer diesmal gar nicht so weit gehabt. Wie viele internationale Künstler lebt er in Berlin und pendelt zwischen Deutschland und seiner Geburtsstadt im siebenbürgischen Cluj (Klausenburg) hin und her, wo er im Haus seiner Großmutter in aller Abgeschiedenheit ein zweites Atelier unterhält. Seine nun eröffnete Ausstellung Unter den Linden ist deshalb ein Exerzitium in Einkehr und Konzentration.

Victor Mans Stil ist von einer rätselhaften Ikonografie geprägt

Glamour, das gleißend helle Licht des White Cube als Bühne der Selbstdarstellung – nichts liegt dem Künstler ferner. Bis auf eines sind die hohen Fenster im lang gestreckten Saal dichtgemacht, das Licht bleibt herabgedimmt, die Wände wurden mit mattbraunem Leinen bespannt. Willkommen in der sinistren Welt des Victor Man. Die Augen müssen sich erst einmal an das Halbdunkel gewöhnen, darin einüben, auf größtenteils kleinformatige, altmeisterlich gemalte Bilder zu fokussieren, die ausgeleuchtet wie kostbare Reliquiare inszeniert sind.

Dann aber beginnt das Staunen über einen so eigentümlichen Stil, eine so rätselhafte Ikonografie, dass es den Betrachter packt: Zwei Hände greifen in die Luft, wo eine Wolke gerade ist, in einem anderen Bild hält ebenfalls ausschnitthaft eine Hand eine steinerne Gottheit hoch. Mittelalterliche Geißelungsszenen wechseln sich mit einer Serie sitzender kurzberockter Frauen ab, auf deren Schoß sich ein Kopf (womöglich der eigene?) befindet. Auf dem nächsten Gemälde tritt jemand im Pferdekostüm auf, dann das Porträt einer Figur im Latexoutfit mit gespenstisch schwarz geschminkten Lippen und Augen, die an den britischen Performer Leigh Bowery erinnert. Victor Man inszeniert seine eigenen Mysterienspiele: Okkultes, Erotisches, Historisches wechseln sich ab, greifen somnambul ineinander. Eine Erklärung gibt es für diese stets in fahles Licht getauchten Szenarien nicht, nur da und dort eine Andeutung durch den Ausstellungstitel, der eher weitere Fragen aufwirft.

„The Chandler“ nennt Victor Man die Serie seiner Sitzenden, was sich als „Die Kerzenzieherin“ übersetzen ließe. Das passt zu dem Künstler, der eine Vorliebe für altes Handwerk pflegt, für haptische Qualitäten etwa von Stoff und Stein, die dem Betrachter jedoch nicht zur Berührung freigegeben sind. Immer wieder arrangiert er seine Gemälde zu Ensembles mit Tüchern, Perlenschnüren und Tierfellen. Stuckateure schufen für den Berliner Ausstellungsraum zwischen den stoffbespannten Wänden perfekt geglättete, seidig glänzende deckenhohe Flächen, die geheimnisvoll mit den darauf gehängten Gemälden korrespondieren.

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