Kultur : „Künstler sagen leichter die Wahrheit“

Artur Zmijewski, Leiter der Berlin-Biennale, über die Politisierung der Kunst und die Angst der Deutschen vor ihrer Geschichte (Jg. 66) aus Warschau leitet die 7. Berlin-Biennale.

Heimkehr nach Polen. Szene aus Yael Bartanas Filmtrilogie über das „Jewish Renaissance Movement“. Foto: Marcin Kalinski
Heimkehr nach Polen. Szene aus Yael Bartanas Filmtrilogie über das „Jewish Renaissance Movement“. Foto: Marcin Kalinski

Herr Zmijewski, schon vor Beginn der Berlin-Biennale am 27. April hat Martins Zets Kampagne „Deutschland schafft es ab“ für Aufregung gesorgt. Sein Appell, Exemplare des Sarrazin-Buches an sogenannten Sammelstellen abzugeben, um daraus eine Installation zu schaffen, erinnerte viele fatal an die Aufforderung der Nazis zur Bücherverbrennung. War mit dieser Reaktion nicht zu rechnen?

Zet möchte Sarrazins Bücher einsammeln um dazu beizutragen, die Atmosphäre in Deutschland zu ändern, die nach der Publikation dieses Buches spürbar wurde. Und nachdem Angela Merkel Multi-Kulti für gescheitert erklärt hat. Die Kunst ist dafür das absolut richtige Werkzeug. Sie spielt mit der Fantasie. Wissen Sie, was die Menschen in Deutschland sehen, wenn sie sich vorstellen, dass die Berlin-Biennale Bücher einsammelt? Sie sehen Flammen, die die Bücher zerstören. Wissen Sie, was ich sehe? Bücherregale, wie in einer Bibliothek – oder eine Recyclinganlage, die die Bücher in Notizhefte für Schüler transformiert. Warum sind die Flammen der einzige Horizont der deutschen Fantasie?

Sie sind selbst Künstler. Was hat Sie bewogen, die 7. Berlin-Biennale zu kuratieren?

Ich vertrete eine spezielle Position: Kunst ist nur die Sprache, die wir nutzen, um über unser alltägliches Leben zu reden, über Politik, über Konflikte, Armut, Religion. Deshalb möchte ich Kunst und Kultur politisieren. Die Aufmerksamkeit einer so großen Veranstaltung wie der Berlin-Biennale beschleunigt diesen Prozess.

Was kann Kunst leisten im politischen Raum?

Kunst sollte eine bewusstere Rolle im öffentlichen Leben spielen. Künstler sind direkter, aufmerksamer und brutaler im Ausdruck unserer allgemeinen Bedürfnisse. Es fällt ihnen leichter, bestimmte Wahrheiten zu sagen.

Haben Sie deshalb die russische Künstlergruppe Voina, deren Mitglied Leonid Nikolaev bei den jüngsten Demonstrationen gegen die Wahlfälschungen verhaftet wurde, als assoziierte Kuratoren eingeladen?

Er wurde verhaftet und er entkam wieder. Die Mitglieder von Voina haben ernsthafte Probleme mit der russischen Justiz. Gleichzeitig kämpfen Sie für die Menschenrechte etwa von Taisiya Osipova, einer politischen Gefangenen in Russland. Sie wurde vor kurzem zu zwölf Jahren Haft verurteilt. Ich möchte, dass Voina die Berlin-Biennale für ihre Kampagnen nutzen.

Ist politisches Engagement also eine Bedingung zur Teilnahme an der Biennale?

Nein, die Bedingung ist unserem Aufruf nachzukommen: reale, wesentliche oder zumindest symbolische Veränderungen durch Kunst hervorzurufen.

Welche politische Idee steckt dann hinter der Biennale?

Es gibt diese eine Idee: Wir müssen unsere Wirklichkeit jeden Tag neu anpassen, weil wir ständig mit alten und neuen Problemen konfrontiert sind. Dazu können auch Armut und Neonazi-Terror gehören. Wir brauchen unterschiedliche öffentliche Akteure um diese Probleme zu lösen. Kunst ist einer dieser Akteure.

Wie soll das funktionieren?

Benutzen Sie Ihren Verstand, Ihre Vorstellungskraft, Intuition, auch Ihre ganz praktischen Fähigkeiten – und handeln Sie.

Welche Rolle spielt dabei die polnische Zeitschrift „Krytyka Polityczna“ (Politische Kritik), die ebenfalls zur Berlin-Biennale geladen ist? Die Zeitschrift hat in Berlin bereits einen Klub eröffnet und eine Diskussionsveranstaltung organisiert.

„Krytyka Polityczna“ möchte eine neue politische Sprache etablieren. Ihr Ziel ist eine „Politik ohne Grenzen“, eine internationale linke Gemeinschaft. Sie möchte die Intelligenzija aktivieren und Menschen in anderen Ländern beteiligen. Krytyka Polityczna kooperiert eng mit Künstlern und dem kulturellen Sektor.

Mit Ihrem Beitrag für die deutsch-polnische Ausstellung „Tür an Tür“ im Martin-Gropius-Bau haben Sie selbst für eine Debatte gesorgt. Ihr Video „Berek“, das Nackte beim Fangenspielen in einer Gaskammer zeigt, wurde einige Wochen nach Eröffnung abgeschaltet. Verstehen Sie das?

Die Ausstellung behandelte die lange Beziehung zweier Nachbarn. Wir – die Polen – waren ihre Gäste in Berlin. Was bedeutet es dann, wenn der Gastgeber einen polnischen Gast zensiert? Die Ausstellung versuchte, mit all den Brutalitäten der Geschichte umzugehen. Dann aber wollte der Direktor des Gropius-Baus deutsche Besucher davor schützen, einen solch brutalen Film zu sehen. Es war mir dadurch nicht mehr erlaubt, über die Nazi-Grausamkeiten der Vergangenheit zu sprechen. Dieser Vorgang ist Teil eines größeren Prozesses. Wenn man aus dem Ausland kommt und über den Krieg, den Holocaust redet, werden einem schnell Stereotype und Voreingenommenheit vorgeworfen. Man gilt einfach als Idiot oder Extremist. Ich habe zu hören bekommen, Deutschland habe diese Debatten bereits vor 40 Jahren geführt. Aber warum sollen wir über die Vergangenheit nicht mehr sprechen? Mein Film wurde zensiert, weil er ein Beweis dafür ist, dass die Polen nach wie vor unter den Abscheulichkeiten leiden, die die Nazis in Polen angerichtet haben, dass Reste dieser Grausamkeiten in Polen immer noch aktiv sind. Wenn Sie alle Länder um sich herum zerstört haben, genügt es nicht, nur das eigene aufzuräumen.

Das Thema beschäftigt auch die Berlin- Biennale. Zu ihren Teilnehmern gehört Yael Bartana mit ihrem Projekt des Jewish Renaissance Movement in Poland.

Sie wird hier einen Kongress dieser Bewegung organisieren, zwischen dem 11. und dem 13. Mai 2012 im HAU.

Was ist das für eine Bewegung? Gibt es sie oder ist sie Fiktion? Ist das Projekt, die Juden zur Rückkehr nach Polen zu bewegen, ernst gemeint oder eine Metapher?

Es steht auf der Kippe zwischen real und fiktiv. Bartanas Großeltern wurden von Nazis in Bialystok in der Synagoge ermordet. Bartana spürte ein Gefühl der Leere, als sie in Polen war. Sie versucht jetzt, gemeinsam mit anderen die Rückkehr der Juden Wirklichkeit werden lassen. Ihr Beitrag für die Biennale könnte der erste antizionistische Kongress werden, der von Juden organisiert wird, die die Meinung vertreten, dass Israel die vielleicht größte jüdische Diaspora der Welt ist. Es ist zugleich eine Kritik an der israelischen Politik und einer Militärstrategie, die die Bevölkerungszahl als Waffe ansieht. Wo sonst, wenn nicht in Berlin, könnte dieser Kongress stattfinden? Wer, wenn nicht die Deutschen, sollte den Polen helfen, die Jüdinnen und Juden von der Rückkehr zu überzeugen? Natürlich ist dies alles eher symbolisch, aber der Kontext ist sehr grundsätzlich und schonungslos: Die derzeitige israelische Regierung führt die Besetzungen fort. Polen ist immer noch ein riesiger jüdischer Friedhof. Deutschland verarbeitet den Holocaust seit 40 Jahren, aber führt diese Verarbeitung nicht effektiv weiter. Und jetzt gibt es rechtsradikale V-Männer im deutschen Verfassungsschutz und eine Neonazi-Terrorgruppe hat seit Jahren Menschen in Deutschland ermordet.

Es scheinen vornehmlich Künstler aus Osteuropa an der 7. Berlin-Biennale teilzunehmen. Warum ist das so?

Wir haben uns gefragt, wer das Thema der 7. Berlin-Biennale umsetzen kann, wer die Realität manipulieren kann, welche Künstler die Verantwortung für ihr Handeln übernehmen können. Mag sein, dass sich mehr Künstler im Osten dafür interessieren, etwa in Polen oder Russland, wo sie besonders empfindlich auf Instrumentalisierung reagieren, etwa durch den rechten Populismus.

Was kann die Biennale daran ändern?

Ich möchte kein Spektakel und auch keine Ausstellung mit Objekten an der Wand, die irgendwann beginnt und wieder aufhört, ohne Wirkung. Es wird natürlich Objekte geben, aber sie werden als Beweise dafür gelten, dass die Kunst wirklich wirksam werden kann, dass Künstler sich wie Journalisten einmischen können, dass die Kunst Konsequenzen erzeugen kann und dass sie Teil eines bestimmenden politischen Prozesses ist.

Die Biennale ist trotzdem Teil des Ausstellungsbetriebs: Sie überschneidet sich mit der Documenta und der Manifesta.

Was soll ich machen? Ich kann diese Maschine nicht anhalten. Also sollten wir diese Maschine für einen guten Zweck nutzen. Kultur und Kunst haben eine globalen Einfluss, Kultur ist ein transnationales Netz von Menschen und Institutionen. Wir funktionieren als „Künstler ohne Grenzen“. Also können wir wirklich signifikante Ergebnisse erzielen, wenn wir wollen. Es gibt einen ägyptischen Künstler, Ganzeer, der Künstlerinnen und Künstler weltweit aufgerufen hat, ihre Fähigkeiten dazu zu nutzen, den politischen Wandel auf unserem Planeten zu unterstützen. Und etwas Reales für Ägypten zu unternehmen, wo die Revolution der Menschen von den Generälen des ehemaligen Mubarak-Regimes gestoppt wurde. Lassen Sie uns zum Beispiel seinem Aufruf folgen.

Das Gespräch führte Nicola Kuhn.

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