Kultur : Künstlersozialkasse: Jeder Mensch ist ein Künstler

Claudia Keller

Unter Künstlern und Publizisten kennt sie jeder. Alle preisen sie. Und viele können ohne sie gar nicht leben: ohne die Künstlersozialkasse (KSK) in Wilhelmshaven. Denn Künstler haben nicht nur großartige Fantasien im Kopf, sondern bisweilen auch Schnupfen in der Nase. Aber Arbeitgeber, die in die Kranken- oder Rentenkasse einzahlen, haben nur die wenigsten. Für den freischaffenden Pianisten, die Gitarrenlehrerin oder den Literaturkritiker, deren sporadische Einkünfte gerade zum Leben reichen, übernimmt die KSK den Anteil an der Kranken-, Renten- und Pflegeversicherung, den bei Angestellten der Arbeitgeber zahlt. Vorausgesetzt, sie können nachweisen, dass sie erwerbsmäßig und nicht nur vorübergehend ihren Lebensunterhalt selbstständig bestreiten.

Nirgendwo sonst in Europa greift ein Staat derart seinen Künstlern und Publizisten unter die Arme: Bis vor kurzem wurde ein Viertel des jährlichen KSK-Budgets aus dem Bundeshaushalt bezahlt. Die so genannten "Verwerter" - nicht ganz so kunstfremd ausgedrückt: die Verlage, Theater, Galerien oder Funkanstalten - die von den kreativen Höhenflügen profitieren, zusammen ebenfalls ein Viertel. Die Künstler selbst steuern als Obulus die restliche Hälfte bei.

Politikergewissen, aufgerüttelt

In letzter Zeit allerdings gab es Verstimmung. 1999 bohrten Eichels Sparpläne ein Loch in den KSK-Topf. Jetzt wurde hier und da ein bisschen am Künstlersozialversicherungsgesetz geflickt. Das aber reicht längst nicht aus, um dauerhaft an dem Grundproblem etwas zu ändern: Die Wilhelmshavener Kasse ist leer. Das einzigartige Erfolgsmodell KSK stößt an seine Grenzen.

113 000 Schriftsteller und Journalisten, Maler, Musiker und andere Kreative mit einem durchschnittlichen Jahreseinkommen von 21 000 Mark docken derzeit bei der KSK an. Jährlich kommen rund 13 000 Neue dazu. Denn nicht nur Rundfunkanstalten, Varietés oder Orchester lagern immer mehr Arbeit an "Freie" aus. Sondern auch klassische Industrieunternehmen lassen mittlerweile die Werkzeitung von freien Journalisten schreiben und das Firmenlogo vom externen Designer kreieren.

So hatte man sich das 1983, als die KSK als eine der letzten Errungenschaften der sozial-liberalen Regierungskoalition gegründet wurde, nicht gedacht. Damals waren es gerade einmal 12 500 Versicherte. 1975 hatte ein Bericht zur sozialen Lage der Künstler Politikergewissen aufgerüttelt und schwarz auf weiß belegt, dass der arme Poet kein Klischee, sondern eine weit verbreitete Realität ist. Seitdem bejaht der Gesetzgeber eine "besondere Schutzbedürftigkeit der selbstständigen Künstler und Publizisten". Dass deren Zahl allerdings derart explodieren würde, hatte man nicht vorausgesehen. Und sich entsprechend wenig Gedanken über deren Finanzierung gemacht.

Ein neuer Beruf entsteht

Als die öffentliche Hand vor zwei Jahren erstmals zurückzuckte und den Zuschuss von 25 auf 20 Prozent kürzte, ging ein Aufschrei durchs Dichter- und Denkerland. Zugegeben: Es mutet zynisch an, dass ausgerechnet die rot-grüne Bundesregierung den freiberuflich Kreativen mit der Haushaltsschere kommt. Denn war die nicht mit einem Kulturstaatsminister angetreten und mit dem Versprechen, den Hungerkünstler ins Reich der Fantasie zu verbannen?

Das vom Deutschen Kulturrat warnend vorausgesagte Ende aller künstlerischen Arbeit konnte aber abgewendet werden: Die fehlenden fünf Prozent im 800-Millionen-Budget werden seit letztem Jahr eben auch noch vom Konto der Verlage, Galerien, Theater abgebucht. Während die bis dahin je nach Kunstsparte (Wort, Bildende Kunst, Musik und Darstellende Kunst) in unterschiedlichem Maß zur Kasse gebeten wurden, gilt nun für alle ein einheitlicher Abgabesatz. Für Galerien bedeutete das eine Erhöhung um das Vierfache, für Konzertveranstalter um das Doppelte.

Je größer die Fangemeinde, umso schwieriger wird es, in Wilhelmshaven eingelassen zu werden. 25 Prozent der Neuanträge werden jetzt jährlich abgelehnt. "Es wird sorgfältiger geprüft als früher", sagt KSK-Leiter Harro Bruns lapidar. Das wiederum hat Blüten getrieben und neue Selbstständige hervorgebracht: Mittlerweile sprießen Agenturen aus dem Boden, die speziell KSK-Bewerbern mit Tricks und Behördenschläue bei den Anträgen zur Seite stehen.

Ab 1. Juli, wenn die Novelle des Künstlersozialversicherungsgesetzes in Kraft tritt, sollte alles besser werden. Das zumindest hatten Künstler, Publizisten und ihre "Verwerter" gehofft. Und jetzt reiben sie sich enttäuscht die Augen: Von einer Reform ist weit und breit nichts in Sicht. Lediglich kleine Korrekturen. Was Berufsanfängern und Rentnern zusätzlich gewährt wird, wird bei den Studenten genommen. Die nämlich fliegen, wenn sie hauptberuflich studieren, künftig aus der KSK raus. Rentner, die schon selbstständig waren, bevor die KSK überhaupt gegründet wurde, dürfen auch ohne genügend Pflichtversicherungsjahre rein. Und Neulinge dürfen künftig auch dann drin bleiben, wenn sie zweimal innerhalb von drei Jahren das Mindesteinkommen von 7680 Mark im Westen und 6480 Mark in den neuen Bundesländern unterschreiten. Erst beim dritten Mal werden sie zum Fall für die Sozialhilfe.

Der Deutsche Kulturrat ist schon froh, dass wenigstens kleine Veränderungen vorgenommen wurden. Und dass der Bund zusicherte, seinen Zuschuss nicht mehr weiter zu senken. "Sehr zufrieden" ist Kulturstaatsminister Julian Nida-Rümelin. "Notreparaturen" nennt es der Vorsitzende des Schriftstellerverbandes, Fred Breinersdörfer.

Ganz und gar nicht zufrieden sind nach wie vor diejenigen, die dafür, dass sie von der Arbeit der Freien leben, immer höhere Abgaben zahlen müssen: die Galerien, Theater, Verlage. Ihre Kassen sind eh nicht sonderlich prall gefüllt. Und nun müssen sie, die bei der Gründung der KSK als die klassischen Verwerter von künstlerischer und publizistischer Arbeit definiert wurden, mehr und mehr auch noch für solche Unternehmen mitzahlen, die damals noch nicht zum Verwerterkreis gehörten, heute aber in hohem Maße von selbstständiger Arbeit profitieren. Denn die sind in Wilhelmshaven nicht registriert und zahlen nicht ein ins Budget. Start-up-Unternehmen aus der Multimediabranche zum Beispiel oder klassische Industriebetriebe, bei denen "outsourcing" hoch im Kurs steht.

Geschäftsberichte vom "Schriftsteller"

Genau hier liegt der Hase im Pfeffer. Denn was macht einen Künstler zum Künstler? Wer definiert, was ein Publizist ist? Und kann man die Existenzbedingungen eines selbständigen Journalisten mit denen eines Lyrikers vergleichen? Müsste man nicht schon für diese beiden jeweils eigene Sozialkassen mit eigenen Regeln schaffen? Verschärft wurde das von Anfang an bestehende Problem dadurch, dass seit den achtziger Jahren neue Berufssparten entstanden sind, die man alle irgendwie, wenn man den Begriff nur weit genug spannt, zur Gruppe der Künstler und Publizisten dazuzählen kann: der selbständige Industriefotograf, die Web-Designerin, der PR-Berater, womöglich noch den plastischen Chirurgen. Gleichzeitig schreiben Schriftsteller nicht mehr nur Romane, sondern auch Geschäftsberichte. Die Unternehmen zu erfassen, die heute tatsächlich vom Hirnschmalz dieser breiten Palette von Kreativen profitieren, müsste dringendes Anliegen der KSK sein. Denn je mehr Verwerter gefunden werden, um so mehr senkt sich der Abgabesatz für alle. Nur, in Wilhelmshaven fehlt es für derlei Recherchen an Personal. Zumal das gerade gekürzt wurde.

"Über das System muss grundsätzlich nachgedacht werden", fordert Breinersdörfer, "der Gesetzgeber ist dafür verantwortlich, solche Rahmenbedingungen zu schaffen, dass die Kreativen sozial abgesichert sind." Zumal in einer Wissensgesellschaft, die, von Politikern und Unternehmern gerne vollmundig gepriesen, von der kreativen Arbeit der Freien lebt. Das Modell der KSK, so wie es in den achtziger Jahren geschaffen wurde, ist dafür jedenfalls zu eng. Der Schriftstellerverband, der Bühnen- und Galerienverein, der Deutsche Kulturrat - alle drängen deshalb darauf, zusammen mit der Wirtschaft den Finanzierungsrahmen zu erweitern. Vielleicht könnte man aber auch darüber nachdenken, für die neuen Freiberufler je nach Berufssparte und nach dem KSK-Modell neue Sozialkassen-Töpfe einzurichten. Das Modell taxifahrender Web-Designer jedenfalls sollte zu den Auslaufmodellen gehören.

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