Kultur in Katar : Zensur gehört dazu

Neuerfindung einer Nation: Wie der kleine und sehr reiche Wüstenstaat Katar in Kunst und Kultur investiert.

Stefan Schomann
Das Museum für Islamische Kunst in Doha, Katar.
So sich Tradition und Postmoderne treffen: Das Museum für Islamische Kunst in Doha, Katar.Foto: dpa

Als Anfang Mai das teuerste Gemälde aller Zeiten ersteigert wurde, da konnten es selbst die hartgesottensten Snobs kaum fassen: 180 Millionen Dollar für einen ganz gewöhnlichen Picasso! Auch der Käufer wusste, dass dieser Preis maßlos überhöht war. Zugegriffen hat er dennoch, schon um seine Mitbieterin zu übertrumpfen. Beide kamen aus Katar. Die herrische Nachfrage aus den Golfstaaten hat dem Kunstmarkt eine schwindelerregende Dynamik beschert. Sehr zur Freude der Auktionshäuser, sehr zum Leidwesen der europäischen Sammler und Museen, die bei solchen Preisen kapitulieren müssen. Gehässige Seitenblicke streifen die neureiche Konkurrenz: Waren nicht deren Großväter noch Kameltreiber? Die Diskussion erinnert etwas an den Aderlass der dreißiger Jahre, als europäische Malerei zuhauf nach Amerika ging, dessen Kunstbanausen "unsere" Meisterwerke doch gar nicht verdienten.

Eine Medici des 21. Jahrhunderts: Scheicha Al Mayassa

Wer sind diese Kataris, die sich die Fußballweltmeisterschaft 2022 ins Land geholt haben, die Wanderarbeiter wie Sklaven halten? Was verstehen sie von Kultur? Eine ganze Menge, wenn es um Leitfiguren wie Scheicha Al Mayassa geht, die Chefin der staatlichen Museen. 2013 wurde sie von der Art Review gar zur weltweit einflussreichsten Persönlichkeit des Kunstbetriebs gekürt. Eine Medici des 21. Jahrhunderts. Eine Milliarde Dollar sollen ihr jährlich für Ankäufe zur Verfügung stehen. Der Schwerpunkt liegt auf zeitgenössischer Kunst, die demnächst im neuen Nationalmuseum gezeigt wird. Jean Nouvel hat ihm die Gestalt einer Sandrose gegeben. Vor der Hafeneinfahrt nebenan erhebt sich das Museum für Islamische Kunst als zivilisatorisches Leuchtfeuer, aufgetürmt von Ieoh Ming Pei. Rem Koolhaas entwarf die Nationalbibliothek nach einem origamiartig gefalteten Papiermodell. Metaphorische Architektur, berühmte Baumeister, erstklassige Ausstattung - nach diesem Schema legt sich Katar derzeit eine breit gefächerte kulturelle Infrastruktur zu, mitsamt Opernhaus, Amphitheater, Buchmesse, Filminstitut und Künstlerateliers. Zudem eröffnen etliche westliche Universitäten Dependancen.
Aber kann man einem Land geistiges Leben verordnen? Da die Einheimischen nur fünfzehn Prozent der gut zwei Millionen Bewohner stellen, wird Kultur ganz überwiegend von Gastarbeitern für Gastarbeiter dargeboten. Dennoch ist unübersehbar, dass hier eine pädagogische Großoffensive läuft. Nicht von ungefähr sind dabei viele Schaltstellen mit Frauen besetzt. Scheicha Musa etwa, Mutter des jetzigen Emirs, steht der halbstaatlichen Qatar Foundation vor, die im großen Stil Bildungs- und Entwicklungsarbeit leistet. Die wiederum Frauen besonders zugute kommt, da diese nur selten Gelegenheit erhalten, ins Ausland zu gehen.

Allein ihr Konterfei in Zeitungen und Fernsehen sorgte für Unruhe

Auch Ameera Al Aji hätte gerne an einer europäischen Kunstakademie studiert. Aber das war für Mädchen damals noch undenkbar. Sie hat trotzdem ihren Weg gemacht und jetzt mit Anfang dreißig ihre zweite große Einzelausstellung absolviert. Al Aji arbeitet ausschließlich abstrakt. Jedoch nicht, um Konflikten aus dem Weg zu gehen - ihre Gemälde, Installationen und Animationen bringen eben diese Konflikte zum Ausdruck. Das Dreieck als bevorzugte Figur verweist auf den weiblichen Archetypus ebenso wie auf die Webmuster der Beduinen. Immer wieder tanzen einzelne Elemente aus der Reihe und gruppieren sich neu. Titel wie „Differenzen“, „Wandel“, „Übergänge“ postulieren Selbstfindung und Raumgewinn. „Würde ich rein dekorativ arbeiten, könnte ich gut an Hotels und Privatleute verkaufen. Aber konzeptuelle Kunst ist hier fremd.“ Allein dass ihr Konterfei in der Zeitung erschien und der Fernsehsender Al Jazeera sie porträtierte, hat für Unruhe gesorgt. Doch konservativen Vorbehalten begegnet sie souverän: „Meine Kunst leistet einen Beitrag zur Entwicklung unserer Gesellschaft.“
Auch berühmte Künstler sind nicht vor Anfechtungen gefeit. Damien Hirst schuf vierzehn Großplastiken für eine Frauenklinik in Doha, welche die Stationen werdenden Lebens von der Befruchtung bis zur Geburt feiern. Die monumentalen Föten wurden mit großem Brimborium enthüllt und wenig später wieder verhüllt. Doch auch in jedem westlichen Land hätten sie wohl öffentliches Ärgernis erregt.

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