Kultur : Kultur ist machbar, Herr Nachbar! Essen oder Görlitz sollen 2010 Europa-Kapitale sein

Frederik Hanssen

Christoph Schlingensief hat es – natürlich – von Anfang an gewusst: Als er Mitte Februar im Auftrag der Stadt Regensburg einen Heimatabend an der Berliner Volksbühne ausrichtete, skandierte er am Ende der Veranstaltung: „Essen für alle!“ Und in der Tat: Nicht Regensburg hat das Rennen um die deutsche Kulturhauptstadt-Bewerbung für das Jahr 2010 gemacht, sondern das Ruhrgebiet mit Essen an der Spitze. Neben dem Kandidaten aus dem Kohlenpott kam auch Görlitz im Kampf um den Titel eine Runde weiter. Gestern Abend erklärte das von der Kulturstiftung der Länder berufene nationale Auswahlkomitee, nur zwei der zehn Anwärter dem Bundesrat vorschlagen zu wollen. Potsdam, Karlsruhe, Lübeck, Bremen, Kassel, Halle, Braunschweig und, wie gesagt, Regensburg sind damit aus dem Rennen.

Die Länderkammer hat zwar das Recht, das Juryvotum zu ändern, mit ziemlicher Sicherheit aber werden Essen und Görlitz im Juni vom Auswärtigen Amt offiziell dem Europäischen Parlament für die Endrunde mitgeteilt. Wer sich, gemeinsam mit einer Kommune des EU-Neumitglieds Ungarn, „Kulturhauptstadt Europas 2010“ nennen darf, wird dann Anfang 2006 entschieden.

Unter dem Vorsitz von Isabel Pfeiffer-Poensgen, der Generalsekretärin der Kulturstiftung der Länder, haben sich der Schriftsteller György Konrad, der Präsident der Berliner Akademie der Künste, Adolf Muschg, der Darmstädter Architekturprofessor Werner Durth, die stellvertretende Chefredakteurin des TV-Senders „arte“, Waltraut Luschny, der Oldenburger Soziologe Walter Siebel sowie der ehemalige Präsident der Bayerischen Akademie der Schönen Künste, Wieland Schmied, in den vergangenen Wochen auf Deutschlandreise gemacht – und sich dabei für Projekte begeistert, die Stadtgrenzen überschreiten. Sowohl die Nordrheinwestfalen als auch die Sachsen treten nämlich nicht als Einzelkämpfer auf: Essen steht für das gesamte Ruhrgebiet von Hamm bis Kamp-Lindfort, von Dorsten bis Ennepetal, Görlitz hat sich zusammen mit dem polnischen Zgorzelec beworben. Das erschien den Juroren zeitgemäß im Europa der Regionen.

Kirchturmdenken ist out, lautet längst auch die Parole der Programmmacher: Was Melina Mercouri vor 20 Jahren als zwölfmonatiges Fest erdachte, ist zum langfristig angelegten Stadtentwicklungsprojekt geworden. Ob nun das Ruhrgebiet 2010 leuchten wird, oder die deutsch-polnische Grenzregion, die Bewohner sollen viele Jahre etwas davon haben. Eben Essen – oder Görlitz – für alle.

Die unterlegenen Bewerber mögen sich derweil mit einem anderen beliebten Schlingensief-Motto trösten: Scheitern als Chance. Schließlich ist es ja nicht ganz ausgeschlossen, dass der eine oder andere Lokalpolitiker während der Jagd um den Titel begriffen hat, was Kultur für das Selbstbewusstsein einer Stadt alles leisten kann.

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