Kultur und Klamotte : Da ist was im Anzug!

Revolution per Nähmaschine: Die Historikerin Anja Meyerrose erzählt, wie die textile Uniform des Westens entstand.

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Ewiger Gentleman. James Bond, hier von Daniel Craig verkörpert, zeigt sich stets in bestem Zwirn.
Ewiger Gentleman. James Bond, hier von Daniel Craig verkörpert, zeigt sich stets in bestem Zwirn.Foto: Mauritius Images / United Archives

Ein Anzug verleiht seinem Träger die Aura von Seriosität und Ernsthaftigkeit. Wer einem Kunden in dunklem Tuch, mit Krawatte und vielleicht noch Einstecktuch entgegentritt, der wirkt vertrauenswürdig. Deshalb müssen Bankangestellte auch bei Temperaturen von über 30 Grad Celsius noch ein Sakko tragen. Anzüge gelten aber auch als Ausweis von Angepasstheit, von Männerherrschaft und Konservatismus.

Auf Fotos von Wirtschaftstreffen sind mitunter noch immer ausschließlich Herren in Anzügen zu sehen. Frauen kommen in dieser Welt nicht vor. Im 1955 erschienenen Roman „Der Mann im grauen Anzug“ des amerikanischen Schriftstellers Sloan Wilson, der mit Gregory Peck verfilmt wurde, ist die Kleidung das Symbol für die Trostlosigkeit der Nachkriegszeit, in der Konsum zur Ersatzreligion wird. Michael Ende lässt in seinem dystopischen Kinderbuch „Momo“ graue Herren auftreten, fahle Anzugträger, die Zeit als Zigarren rauchen und die Weltherrschaft anstreben.

Der Anzug ist so allgegenwärtig, dass er nur noch im Ausnahmefall bemerkt wird. So erregte Joschka Fischer Aufsehen, als er sich in einem groben Jackett, Blue Jeans und Turnschuhen zum Umweltminister vereidigen ließ. Und Gerhard Schröder löste einen Skandal aus, als er sich als Bundeskanzler in Maßanzügen des italienischen Modeunternehmens Brioni zeigte. Sozialdemokratie und Luxus, befanden seine Kritiker, das passt nicht zusammen.

Der Anzug, das edle und bescheidene Gewand des Dritten Standes

Der Männeranzug, schreibt Anja Meyerrose, unterscheide sich von anderen Bekleidungen dadurch, „dass er sich scheinbar über Hunderte von Jahren nur in Details verändert hat. Während Kleidung sonst als modisch gilt, das heißt, dem ständigen Wandel unterworfen sein soll, scheint gerade der Männeranzug aus der Geschichte gefallen, faktisch gleich geblieben.“ Das stimmt natürlich nicht, sonst hätte die Historikerin kaum ein 400-seitiges, überaus lesenswertes Buch über den Aufstieg des Anzugs zur globalen Uniform veröffentlichen müssen. Der Anzug gehört zu den Errungenschaften der bürgerlichen Gesellschaft. Er steht für den Siegeszug des Kapitalismus. Wenn heute immer mehr Angestellte in China einen Anzug tragen, zeigt sich, wie weit das westliche Wirtschaftssystem vorgedrungen ist.

Allerdings geht im Westen selber die Zahl der Männer, die Anzüge tragen, schon seit den siebziger Jahren zurück. Der Herrenanzug ist ein Produkt der Demokratisierung, in ihm drückt sich die Forderung nach „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ aus, die Parole der französischen Revolution. Als im Mai 1789 die Generalstände in Versailles zusammentraten, folgte der Einmarsch der Delegierten einem strengen Hofzeremoniell. Zuerst durften die Aristokraten, gekleidet in Samt und Seide, Brokat und Spitzen, zu ihren Plätzen gehen. Es folgten Bischöfe und Priester, die prachtvolle Prunkgewänder trugen.

Währenddessen mussten die Abgeordneten des Dritten Standes stundenlang warten. Spitzen, Stickereien und Gold waren ihnen verboten. Ihre Kleidung musste aus schwarzer Wolle sein. Die vom Hof befohlenen Standesunterschiede in der Kleidung wurden bald abgeschafft, aber die Revolutionäre trugen auch weiterhin schlichte, unprunkvolle Kleidungsstücke. Die Sansculotten grenzten sich von der „lächerlichen, unbequemen und verrückten Kleidung“ der sozial Höhergestellten ab, indem sie ein „edles und bescheidenes Gewand“ anzogen. Die ihnen verhassten „Culottes“ waren Kniehosen, die von Adligen getragen wurden.

Beim Anzug sind religiöse, kulturelle und ethnische Unterschiede nicht mehr sichtbar

Der Siegeszug des Männeranzugs begann in England, obwohl noch Shakespeare im „Kaufmann von Venedig“ über den tölpelhaften Kleidungsstil seiner Landsleute gespottet hatte. Als stilbildend erwies sich vor allem der Landadel, die Gentry. Landadlige bewegten sich viel draußen, reitend, jagend oder bei Landpartien, und benötigten eine Kleidung, die bequem war. Dazu passten keine Rüschen, Fransen, Borten und Litzen. Der riding coat wurde zum Vorbild des Fracks. Als dress coat ging der ländliche Anzug im Lauf des 19. Jahrhunderts in den Alltagsgebrauch über. Die Männerbekleidung verlor ihre Ausbuchtungen und Weiten, sie wurde, so Meyerrose, „im Schnitt so körperbetont und bequem, dabei so schlicht und uniform, wie sie vorher nie gewesen war“.

Anzüge waren das Gegengift zu den protzigen und unbequemen Kleidern des Adels. Gleichzeitig handelte es sich um eine Herrschaftskleidung, das Kennzeichen der neuen aufstrebenden Klasse, der Bourgeoisie. Anders als bei der bisherigen, am Beruf und der Herkunft des Trägers orientierten Kleidung, sind beim Anzug religiöse, kulturelle oder ethnische Unterschiede nicht mehr sichtbar. Seine Neutralität ist der Schlüssel zum Erfolg. Manchester, wo schon 1764 die erste Spinnmaschine in Betrieb genommen worden war, entwickelte sich mit seiner Textilindustrie zum Warenhaus der Welt. Nordenglische Baumwollstoffe wurden auf dem ganzen Globus vertrieben, sodass indische Kaufleute bereits 1831 klagten, dass „die heimischen Erzeugnisse durch englische verdrängt würden“.

In Deutschland wurde noch lange Zeit die Offiziersuniform bewundert

Als der französische Innenminister Michel Chevalier 1834 Amerika besuchte, erschien ihm jeder Tag dort wie ein Feiertag, weil alle Menschen so gut gekleidet seien wie die Franzosen nur am Sonntag. „Die USA“, so sein Fazit, „sind für die Arbeiterklasse das gelobte Land.“ In England war der Anzug erfunden worden, aber erst in Amerika wurde er zum standardisierten Massenprodukt. Getragen wurde der ready-to-wear-suit, der in den Kaufhäusern des ganzen Landes zu haben war, vom Arbeiter genauso wie vom Fabrikbesitzer. Genäht wurden die Anzüge oft von Einwanderern in den Sweatshops von New York. Mitte des 19. Jahrhunderts wurden in der Bowery, einer vor allem von Arbeitern frequentierten Straße, 27 Bekleidungsgeschäfte gezählt. Die Anzüge betonten die Figur ihres Trägers. Bis dahin waren die Jacken großzügig geschnitten worden, weil sie so wertvoll waren, dass sie vererbt wurden und auch der nächsten Generation passen sollten.

Selbst der Adel passte sich schließlich der Mode an. Der Prinz von Wales, Albert Edward, der sich stets in eleganten Anzügen zeigte, wurde als „Best-dressed-Gentleman“ gefeiert. Zeitungen verbreiteten Bilder von seiner Bekleidung, wenn er Urlaub machte, kamen Schneider aus allen Teilen der westlichen Welt, um seinen Stil zu kopieren. Ließ Bertie den untersten Knopf seiner Weste offen, weil er ihn nicht mehr schließen konnte, machte man es ihm von New York über Buenos Aires bis Tokio nach.

Deutschland war in Modefragen eine verspätete Nation. Bewundert wurde im Kaiserreich die Uniform der Offiziere. Sie war mit Tressen, Troddeln und Quasten in bunten Farben geschmückt. Im Ernstfall war dieser Zierrat eher hinderlich. Hausmeister und Gepäckträger trugen Dienstuniformen, Handwerker Dienstbekleidung, Honoratioren Fräcke. Konfektionsanzüge waren Arbeitern vorbehalten. Vor Uniformträgern mussten sie ihre Mütze ziehen. Diederich Heßling, Held von Heinrich Manns Roman „Der Untertan“, liebt seine Reserveoffiziersuniform wie einen Fetisch: „Er selbst war nur Mensch, also nichts; jedes Recht, sein ganzes Ansehen und Gewicht, kamen ihm von ihr.“ Kleider machten Deutsche.

Herren im Anzug. Eine transatlantische Geschichte von Klassengesellschaften im langen 19. Jahrhundert. Böhlau, Köln, Weimar u. Wien 2016. 400 S. 40 €.

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