Kultur : "Kulturbeutel" / "Think of England": Die Schönheit des Anonymen

Kai Müller

In Reiner Holzemers Fernsehdokumentation über den Mythos der Magnum-Agentur sind Berühmtheiten des Reportage-Journalismus wie der ergraute Thomas Höpker oder unverwüstliche Chronisten des Krieges wie Luc Delahaye und James Nachtwey zu sehen. Sie kommen zur jährlichen Mitgliederversammlung nach New York, um über die Absichten der Agentur zu diskutieren und Arbeiten der zahlreichen Bewerber durchzusehen.

Auch ein merkwürdiger Kauz huscht in Holzemers Film immer wieder durchs Bild. Es ist Martin Parr. Ein großgewachsener, hagerer Typ, mit schmalen Lippen und einer ausgeprägten Vorliebe für überzuckerte Backwaren. Statt sich den Dingen mit der gemessenen Distanz eines professionellen Beobachters zu nähern, rückt ihnen der 48-jährige Engländer wie ein Insektenkundler zu Leibe. Er stürmt in eine Konditorei und fotografiert Teegebäck, Honigschnecken und Muffins aus aller nächster Nähe. Oder er bedrängt mit seiner Kamera Speisezettel, rosa Plüschpantoffel oder gepunktete Regenhauben. Und wenn er sich für solche Aufnahmen tief hinunterbeugen muss, dann nicht nur wegen seiner Körpergröße.

Der englische Fotograf markiert einen Bruch in der Magnum-Tradition. Seit die Agentur 1947 von Robert Capa gegründet wurde, will sie die Welt zeigen, wie sie wirklich ist. Doch Parr - ein Vertreter der "New British Photography" und Vorreiter des farbigen Fotojournalismus - vermeidet symbolträchtige Szenerien, in denen sich historische Umwälzungen widerspiegeln. Ihn interessieren Möwen, die über eine Pommes Frits-Schale herfallen, Goldkettchen an fleischigen Handgelenken oder leuchtende Bananenstauden. Parr verwendet seine Kamera wie eine Lupe. Sie vergrößert Gegenstände, pointiert nebensächliche Details. Doch man muss Humor besitzen, um die von ihm entdeckten Alltagsgegenstände reizvoll zu finden. Er dokumentiere, meinte sein Fürsprecher bei Magnum, "die Zeit der Vulgarität". So fühlt er sich magisch angezogen von grellen Farbkombinationen, von lackierten Fußnägeln und mit Blumenmustern bestickten Damenblusen, an die selbstgemalte Preiszettel geheftet sind.

Seine Arbeiten, sagt Parr, seien "ein Kompendium der modernen Welt". Sie halten die Agonie der bürgerlichen Kultur fest, des gesitteten und von sozialen Barrieren reglementierten Lebens. Für seine sozialen Feldstudien sucht Parr bevorzugt Orte auf, an denen solche Schranken fallen: Dem Seebad Brighton widmete er eine seiner frühen Geschichten ("The Last Resort", 1986), erschloss sich den Touristenströmen nach Indien und Ägypten an ("Small World", 1995-1998) und verfolgte die Auswüchse der englischen Imbissgastronomie ("Common Sense", 1999). Obwohl er Robert Frank und Mike Leigh als seine Vorbilder nennt, erinnern seine Aufnahmen an den japanischen Fotovoyeur Nobuyoshi Araki. Wie dieser verwandelt er die Welt mit seinen ironisch überspitzten Nahaufnahmen in eine monströse Pop Art-Kulisse.

Mit "Think of England" beschreibt Parr den schleichenden Zivilisationsverfall im ehemaligen Empire, das zu einem "Dritte Welt"-Land geworden sei: "Das soziale Versorgungssystem kollabiert, der öffentliche Personenverkehr bricht ständig zusammen, weil die Züge und Gleisanlagen veraltet sind. Aber wir glauben, wir könnten unsere Selbstständigkeit verlieren, wenn wir der Europäischen Union beitreten würden." Ein lächerlicher Anachronismus, findet Parr. "Wir unterliegen bereits einem viel stärkeren Einfluss aus Amerika." Die hilflose Kultiviertheit seiner Landsleute, die sich in Ascot Pferderennen ansehen oder ihre Blöße am Strand hinter Goldschmuck verbergen, amüsiert ihn. So ist der kühle Sarkasmus seiner Bilder auch vom Dünkel eines in mittelständischen Verhältnissen aufgewachsenen Beamtensohns geprägt. Dennoch: Wenn er schwitzende Touristen vor historischen Sehenswürdigkeiten ablichtet, dann denunziert er sie nicht. Er ist einer von ihnen.

Gleichzeitig will er, "dass sich die Sprache der Fotografie mit den Strategien der Werbung überschneidet". Seine bunten, hell ausgeleuchteten Momentaufnahmen beanspruchen keinen "künstlerischen" Wert, betont er: "Es sind populistische Bilder." Und tatsächlich verkauft Parr seine Fotostrecken nicht nur an renommierte Galerien und Magazine. Er scheut auch die lukrative Verbindung zu Werbeagenturen nicht.

Darüberhinaus sammelt er leidenschaftlich Postkarten aus aller Welt. Je unscheinbarer sie aussehen, desto besser. Eine besondere Vorliebe hegt er für Abbildungen der DDR. Selbst die simpelste Landschaftsaufnahme sei von einer Transparenz und Klarheit, dass sie ein Avantgarde-Fotograf wie Thomas Struth gemacht haben könnte. "Sie sehen wie ein Kunstwerk aus, dabei sind es billige Wegwerfprodukte." Und er staunt über die Schönheit des Anonymen, die sich im Propaganda-Material aus kommunistischen Staaten findet.

Das Postfuhramt stellt zum ersten Mal verschiedene Schaffensperioden von Martin Parr nebeneinander. Darunter auch eine Reihe von Porträts, die den Engländer selbst zeigen: vor bemalten Panoramatapeten und Papprequisiten. Seit Jahren sucht Parr auf seinen Reisen Fotostudios auf, um Bilder von sich machen zu lassen. Die "Highstreet-Photography" ist für ihn das Größte: "Solche Bilder bedeuten den Menschen wirklich etwas: Sie machen einen Termin aus, erwägen, wie sie sich kleiden und aussehen wollen, und verbinden mit dem fertigen Bild eine persönliche Botschaft. Schließlich tragen sie es in ihrem Portemonnaie immer bei sich." Solche Bilder sind es, die die Welt zeigen, wie sie wirklich ist.

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