Kultur : Kulturbeutel

Nie war die Kultur so wertvoll wie heute. Ob im Singular oder im Plural: Das Auswärtige Amt beschwört das konflikthemmende Potenzial seiner Kulturarbeit; Berlins Noch-Kultursenatorin Adrienne Goehler hält die Verlegung der außereuropäischen einschließlich der islamischen Sammlungen ins Zentrum der Hauptstadt seit dem 11. September erst recht für geboten, und der Rest der zivilisierten Welt pflegt spätestens seit dem Krieg in Afghanistan den Dialog der Kulturen. Nun spricht auch Gregor Gysi von der toleranzfördernden Wirkung der Kultur: "Gebildete Menschen neigen in der Regel weniger zu Extremismus", sagt er im Gespräch mit der Deutschen Presse Agentur, und fügt hinzu, die Schließung einer Oper sei antizivilisatorisch. Der Kulturbeutel - ein Anti-Terror-Paket?

Sicher haben solche Argumente strategische Gründe: Die Goethe-Institute brauchen Geld und verschaffen sich mit dem Verweis auf ihre friedensstiftende Funktion leichter Gehör bei den sparsamen Haushältern. Die seit Jahren festgefahrene Schlossplatzdebatte braucht neue Ideen, und Gregor Gysi stellt sich in die Tradition des Bildungsbürgertums, um seine PDS salon- und regierungsfähig zu trimmen. Ob er nun Kultursenator wird oder nicht: Ab in die Mitte, lautet seine Devise - warum nicht mit Hilfe des konservativen Kulturbegriffs?

Gleichzeitig birgt die Funktionalisierung der Kultur aber Gefahren. Die der Erfolgsquote zum Beispiel. Wenn der Extremismus im laufenden Haushaltsjahr nicht zurückgeht, wird der Kulturetat dann mit eben dieser Begründung im Folgejahr gekürzt? Am Ende kehrt das strategische Argument als Bumerang zurück: Wenn die Kultur sich vor den politischen Karren spannen lässt, gerät sie in einen prekären Zugzwang.

Und was ist mit den Kulturschaffenden selbst? Künstler sind von Natur aus Extremisten. Kunst hat etwas mit Unversöhnlichkeit zu tun, sie bricht mit dem Konsens und provoziert die Gesellschaft von ihren Rändern her. Auch mit der zivilisierenden Kraft der Bildung ist es so eine Sache. Wer viel liest, prügelt vielleicht weniger. Auch der Liebhaber klassischer Musik wird Auseinandersetzungen selten mit seinen Fäusten bestreiten. Andererseits weiß manch einer, der in einem bildungsbürgerlichen Haushalt aufwuchs, nur zu genau, dass es hinter gediegenen Fassaden so kriegerisch zugehen kann wie in Afghanistan. Und was ist mit den Schreibtischtätern? Selbst wir harmlosen Feuilletonisten zeichnen uns nicht gerade durch unsere Beißhemmung aus.

Ein alter, unlösbarer Streit hat die Kultur mit dem 11. September wieder eingeholt: der Streit über den Ersatzkriegsschauplatz der Fantasie, in der das Böse ungestraft sein Unwesen treibt. Sei es Shakespeare oder Heavy-Metal: Die Frage, ob die Kunst unser Aggressionspotenzial freisetzt oder zähmt, wird sich nie abschließend beantworten lassen. Und wie schrieb weiland Adorno: "Die vollends aufgeklärte Welt strahlt im Zeichen triumphalen Unheils." Ohne die Dialektik der Aufklärung ist auch der Dialog der Kulturen nur eine Sonntagsrede.

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