Kultur : Kulturgüter in Deutschland und Polen: Pückler oder Das Eis schmilzt

Irmela Spelsberg

Kriegerische Konflikte verschieben immer noch Grenzen; Kulturgüter finden sich plötzlich auf fremdem Hoheitsgebiet, das Kulturerbe ändert sozusagen seine Staatsangehörigkeit. Es ist seiner rechtmäßigen Erben verlustig gegangen, ist "heimatlos" geworden und wird nun leicht zur Zielscheibe zwischenstaatlicher Animositäten und ethnisch-religiöser Rivalitäten. Bereits auf der ersten KSZE-Kulturkonferenz nach dem Fall des Eisernen Vorhangs in Krakau 1991, wurden seitens der aus ihrem ideologischen Zwangsverband entlassenen Staaten Klagen über die Vernachlässigung des eigenen Bau- und Kulturerbes laut, soweit es sich auf nachbarlichem Boden befand - eingebettet in die Klage über die Missachtung von Minderheitenrechten. Derlei Vorwürfe kehren Jahr für Jahr in den Sitzungen des Kulturerbe-Komitees beim Europarat wieder. Geradezu beschwörend hatte dieser seine Millenniumskampagne überschrieben mit "Europa - ein gemeinsames Erbe". Und nicht umsonst lautet einer seiner Arbeitsschwerpunkte für 2001 "Das Kulturgut als Bindeglied und Dialogstifter, nicht als Streitobjekt zwischen den Ländern".

Freier Zugang für alle

Bei der Europäischen Kulturministerkonferenz in Helsinki 1997 beantragte der Delegierte Polens, der damalige polnische Generalkonservator Andrzej Tomaszewski, die Gründung einer Experten-Gruppe beim Europarat, die die Grundsätze europäischer Politik zum Schutz von Kulturgütern in bi- und multikulturellen Gebieten erarbeiten sollte. Basierend auf der Schlusserklärung der Krakauer KSZE-Konferenz wurden von polnischer Seite folgende Kriterien genannt: "Kulturgüter, unabhängig davon, wo sie aufbewahrt werden, müssen allen Forschern frei zugänglich sein. Kunst- und Baudenkmäler sind von dem Staat, auf dessen Territorium sie sich befinden, als Kulturerbe aller Europäer zu erhalten und zu pflegen. Die internationale Gemeinschaft (...) kann / muss reagieren, falls dieses Gut der Vernachlässigung oder Zerstörung ausgesetzt wird. Die Denkmalpfleger der Nachbarstaaten, in deren historischen Grenzen die Kulturgüter entstanden sind, dürfen ihre fachliche und finanzielle Hilfe anbieten."

Letzteres tut Polen gegenüber der Ukraine und Weißrußland, wo heute die einstigen polnischen Ostgebiete liegen. Es engagiert sich für die Aus- und Weiterbildung dortiger für die Kulturgüterpflege zuständiger Fachkräfte. Das schärft zugleich das Bewusstsein für die Aufgaben in den eigenen Gebieten, was den Fortbestand des dort übernommenen Erbes angeht. Alte politische Frontstellungen trüben immer weniger den Blick, ideologische Barrieren sind gefallen, und Slogans wie der von der "Wiedergewinnung urpolnischer Gebiete" verstummen.

Vandalismus und Wiederaufbau

Wie anders war die Situation nach 1945: Die aus Ostpolen Vertriebenen und die in deutsche Gebiete Umgesiedelten empfanden die neue Umgebung als fremd. Baudenkmäler verwahrlosten, Vandalismus war an der Tagesordnung. Vielfach wurde historische Bausubstanz abgerissen, um Baumaterial für den Wiederaufbau von Warschau oder Danzig zu gewinnen. Allmählich nur fanden Polens Kunsthistoriker und Denkmalpfleger zu einer neuen Einstellung gegenüber den deutschen Hinterlassenschaften, wobei die jeweilige polnische Großwetterlage eine Rolle spielte. Zunächst sann man auf Entschädigung für die von den Deutschen erlittenen Verluste. Dann setzte der Wiederaufbau der teils noch von den abziehenden deutschen Truppen gesprengten oder von der Roten Armee zerstörten Städte ein, der zunächst die "polnischen Gestaltmerkmale" der Städte wiederzugewinnen trachtete, um wie im Falle Breslaus dessen "polnische Geburtsurkunde" hervorzukehren. Dem Ruf nach "Entprussifizierung der Westgebiete" entsprachen die Abrisse ganzer historischer Altstadtquartiere, oft zugunsten minderwertiger Neubau-Blöcke.

Dann aber meldeten zu Beginn der achtziger Jahre vor allem Breslauer Kunsthistoriker immer vehementer Kritik an derlei Vernichtung deutscher Kulturrelikte an, gipfelnd in der "Denkschrift über die Lage von Kunstdenkmälern in Niederschlesien". Das Gefühl, für ein "in polnische Obhut gestelltes Kulturgut von universalem Wert" vor der ganzen menschlichen Gesellschaft verantwortlich zu sein, setzte sich immer mehr durch. Grabungen und baugeschichtliche Untersuchungen erweiterten das Wissen über hochrangige Denkmäler der deutsch-polnischen Geschichte wie der Marienburg und bestimmten die Konservierung und Teilrekonstruktion des Ordensschlosses.

Die Wiedergewinnung wertvoller historischer Städtebilder wie Danzig und Breslau ist das Verdienst polnischer Bauleute und Denkmalpfleger. Ein Erbe verantwortungsvoll anzunehmen - diese Haltung wird neuerdings durch eine junge Generation befördert, die an ihrem Geburtsort Wurzeln schlagen will und sich zunehmend für die Geschichte der oft so unverkennbar deutsch geprägten Kulturlandschaft interessiert. Inzwischen besteht seit mehr als 10 Jahren der "Arbeitskreis deutscher und polnischer Kunsthistoriker", dem sich viele Nachwuchsforscher aus beiden Ländern anschließen. Auch junge deutsche Fachkollegen scheinen entdeckt zu haben, welch eine vielversprechende terra incognita da vor ihnen liegt, welch reiches Geflecht kultureller und künstlerischer Beziehungen zwischen den Nachbarländern der Erforschung harrt.

Seit geraumer Zeit nimmt sich die junge Generation der Polen und Deutschen mit vereinten Kräften des gemeinsamen Kulturerbes an - ob nun das barocke Gutsvorwerk der Dohna in Schlobitten aufgemessen und auf Umnutzungsmöglichkeiten untersucht wird, ob der von der Staatsgrenze zerteilte Landschaftspark des Fürsten Pückler in Muskau wieder als Ganzes erlebbar gemacht wird oder ob die beiden größten Fachwerkkirchen Europas, die im habsburgisch-katholischen Schlesien den Protestanten gestatteten Friedenskirchen in Schweidnitz und Jauer restauriert und in ihrer lutherisch-sinnenfrohen barocken Pracht im Inneren wiederhergestellt werden.

Gegen Betonköpfe

"Nicht in Beton, sondern in Köpfe investieren" - mit dieser Formel empfiehlt das Auswärtige Amt, die zur Neige gehenden Gelder der Stiftung für deutsch-polnische Zusammenarbeit von Bau- und Denkmalpflege auf Sprach-, Wissenschafts- und Informations-Projekte umzuleiten. Wäre es nicht die beste Investition in junge Köpfe, ihnen wieder eine Anschauung zu Unrecht versunkener und vergessener Kulturlandschaften zu vermitteln, Stätten gemeinsamer Geschichte wieder zum Sprechen zu bringen? Die Chancen stehen nicht schlecht, dass die beiden Friedenskirchen noch in diesem Jahr auf die Welterbeliste der UNESCO gesetzt werden.

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