Kulturpolitik : 16.50 Uhr ab Niederkirchnerstraße

Eigentlich wollte sie Fußballreporterin werden. Doch dann kämpfte Alice Ströver 23 Jahre hat sie für eine gerechte Kulturpolitik. Jetzt verlässt die Grünen-Politikerin resigniert das Berliner Abgeordnetenhaus

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Kultur ist dufte. Alice Ströver 2007 im Blumengroßmarkt in der Kreuzberger Lindenstraße. Sie hätte sich hier die Berliner Kunsthalle gewünscht, aber die Halle wird nun zum Erweiterungsbau des Jüdischen Museums. Foto: Davids/Darmer
Kultur ist dufte. Alice Ströver 2007 im Blumengroßmarkt in der Kreuzberger Lindenstraße. Sie hätte sich hier die Berliner...Foto: DAVIDS

Sie wird fehlen. Wenn Alice Ströver am kommenden Montag als Vorsitzende des Kulturausschusses im Berliner Abgeordnetenhaus die letzte Sitzung in dieser Wahlperiode beendet, geht damit auch eine Ära zu Ende. Denn eine wie sie wird es in der hauptstädtischen Politiklandschaft so schnell nicht wieder geben. Alice Ströver, seit 1982 bei den Grünen, trägt ihren Ehrentitel Miss Marple zurecht. Wobei damit nur in zweiter Linie auf ihre Statur angespielt wird. Vielmehr sind es die Charaktereigenschaften, die sie mit der berühmten Hobbykriminologin teilt: Sie taucht garantiert immer dann auf, wenn es ihre Kontrahenten am wenigsten gebrauchen können, zeigt sich bestens informiert, fragt nach, hakt nach, notfalls so lange, bis ihr Gegenüber schäumt vor Wut. Ihr Antrieb ist dabei nicht etwa Ehrgeiz, noch nicht einmal blinde Leidenschaft – sondern einfach ein dickschädeliger Gerechtigkeitssinn.

Schon als Gymnasiastin, Anfang der siebziger Jahre in Hannoversch Münden, kann sie richtig radikal werden, wenn sie sich auf jemanden eingeschossen hat. Weil ihr Rektor das Vorwort zu einem Neonazi-Buch geschrieben hat, nehmen Ströver und ihre Mitschüler den Kampf gegen die Obrigkeit auf, bis der Pädagoge vom Dienst suspendiert wird.

Mit dem Abitur in der Tasche zieht sie dann nach Berlin. Ihr Traum ist, Fußballreporterin zu werden. Doch für eine wie sie erscheint es nur logisch, dass sie im linken Mauerbiotop weiter politisiert wird. Nach dem Studium der Kommunikationswissenschaften und der Germanistik ergattert sie 1988 die erste feste Stelle: den neu geschaffenen Posten einer „Wissenschaftlichen Assistentin“ bei der Abgeordnetenhausfraktion der Grünen. Medien, Hochschulen, Kultur und, ja!, Sport gehören zu ihren Aufgabenbereichen. Damals beginnt sie, ihr heute legendäres Archiv anzulegen, das geistige Leben Berlins in Aktenordnern abzuheften – sofern es parlamentarische Relevanz erlangt. Heute füllt diese Dokumentation einer unermüdlichen, detektivischen Oppositionsarbeit reichlich 50 Regalmeter in Strövers Büro ganz oben in der Hauptstadt-Volksvertretung, unter der Dachschräge in der Niederkirchnerstraße.

Um alles und jeden hat sie sich gekümmert, um die Leuchttürme wie um die Off-Kultur (die sie natürlich so nicht benannt wissen will). Und stets ist sie dabei auf der Seite der potentiellen Verlierer. Immer wieder kämpft sie für das Überleben der Bezirksbibliotheken, lange bevor es in Mode kommt, wirbt sie für kulturelle Bildung. Und auch die von allen unbeliebte Stiftung Stadtmuseum bringt sie regelmäßig zurück in die Diskussion. Zäh ist ihr Ringen darum, die Staatsoper, den einstigen Musentempel der Preußischen Könige, in Bundesobhut zu bringen. Und erfolglos. Warum der Kulturstaatsminister stattdessen beispielsweise die Finanzierung des Filmmuseums am Potsdamer Platz übernommen hat, ist ihr bis heute ein Ärgernis. Weil Alice Ströver nicht in Legislaturperioden denkt, weil sie faule Kompromisse nach Parteienproporz verabscheut. Und weil sie sich einfach nicht damit abfinden will, wie Politikalltag funktioniert.

Vier Monate lang war sie Kultur-Staatssekretärin

Warum, um alles in der Welt, ruft sie aus, und ihr Tonfall wird schon wieder bedrohlich scharf, übernimmt der Senat Horst Filohns Renaissance-Theater urplötzlich in die unbefristete Förderung, warum bekommt Dieter Hallervorden Lotto-Almosen für das Schlossparktheater, während die Kudamm-Bühnen, die doch um dasselbe Publikum kämpfen, ihre Kosten selber erwirtschaften sollen? Die einzige richtige Antwort: Weil Klaus Wowereit Regierender Bürgermeister ist, bringt sie noch mehr in Rage. „Ist es denn unmöglich, Entscheidungen nach transparenten Qualitätskriterien zu treffen? Kulturpolitik ist doch mehr als Finanzierungspolitik!“

Es könne doch nicht Aufgabe des Kultursenators sein, Bauplätze für private Investoren attraktiver zu machen, schimpft Ströver, so wie Wowereit das mit seinen Lieblingsprojekten vorhabe, der Kunsthalle am Humbolthhafen wie auch der Zentralbibliothek auf dem Gelände des Flughafens Tempelhof. Für die standhafte Grüne muss Kulturpolitik funktionieren wie Gartenbau. Wer einen Landschaftspark anlegt, arbeitet für eine Vision, von der er selber nichts haben wird. Denn die Bäumchen, die er heute pflanzt, werden ihre volle Ensembelwirkung erst in zwei, drei Jahrzehnten entfalten. Nachhaltiges, uneigennütziges Handeln aber ist bei der Berliner Lokalpolitik unbeliebt. Es macht arm – und unsexy.

Unmöglich, beim Blick auf Strövers Karriere nicht an den Song „Living Next Door to Alice“ zu denken. „24 Years Just Waiting For a Chance“, singen Smokie, 23 Jahre politische Sisyphusarbeit liegen hinter der 55-Jährigen. Wie lange kann man es auf der Oppositionsbank aushalten, ohne zu verbittern? Wie oft man sich motivieren, Akten wälzen und Verbesserungsvorschläge erarbeiten, die in der nächsten Sitzung dann wieder en passant mit der Regierungsmehrheit abgeschmettert werden? Einmal war ihre Chance zum Greifen nah, im Juni 2001, als Alice Ströver nach dem Sturz von Eberhard Diepgen zur Kultur-Staatssekretärin der rot-grünen Übergangsregierung wurde. Jetzt endlich sollte sie Verantwortung übernehmen dürfen, jetzt endlich konnte sie zeigen, wie sich alles besser machen lässt. Schier geblendet waren die Beamten von der Neuen, die da auf einer Wolke von Stolz und Glück durch die langen Gänge in der Brunnenstraße schwebte. Die sofort durchsetzte, dass die Protokolle der Abteilungsleiter-Sitzungen im Intranet veröffentlicht wurden. Die bei Strategiebesprechungen nicht nur den Vorgesetzten, sondern immer auch den sachkundigen Referenten dabei haben wollte, der die entsprechenden Konzeptpapiere erstellt hatte.

Nach vier Monaten aber war alles wieder vorbei. Im November 2001 hockte sie erneut auf ihrem Stuhl im Abgeordnetenhaus, mit Thomas Flierl vor der Nase, den die neue rot-rote Regierung zum Kultursenator gemacht hatte. Der Vorsitz im Kulturausschuss war da ein schwacher Trost – schließlich hatte Alice Ströver in den Sitzungen schon immer am meisten geredet. Vor der Wahl 2005 dann noch einmal ein Aufglimmen der Hoffnung: „Für eine Kulturpolitikerin stand ich unglaublich weit oben auf unserer Kandidatenliste – und war fest davon überzeugt, dass Wowereit diesmal mit uns koalieren würde.“ Als der erneut den Weg des geringeren Widerstands wählt, bleibt Ströver eigentlich nur noch der Weg in den Zynismus, den schon so viele altgediente Volksvertreter gegangen sind. Doch diese Flucht will sie nicht, kann sie nicht antreten. Auch weil sie ihr Mandat immer als Vollzeitjob verstanden hat, obwohl das Abgeordnetenhaus offiziell nur ein Halbtagsparlament ist. Einen bürgerlichen Brotberuf, einen Rechtsanwaltskanzleisessel, von dem aus man das politische Geschäft mitlaufen lassen kann, hat Alice Ströver nie gehabt.

Wenn sie mit dem offiziellen Ende der Legislaturperiode am 27. Oktober nun ihren Miss-Marple-Umhang an den Nagel hängt, nach mehr als zwei Jahrzehnten ihren Arbeitsplatz in der Niederkirchnerstraße verlässt, geht Alice Ströver in die Arbeitslosigkeit. Die Idee, dass sie als streitbare Oppositionelle bei einer großen Berliner Kulturinstitution anheuern könnte, hat sie sich schon vor langer Zeit abgeschminkt. Die freien Truppen, die ihre Expertise so gut gebrauchen könnten, haben wiederum kein Geld, um sie zu bezahlen. Und raus aus Berlin, als Kulturdezernentin irgendwo in eine Provinzstadt, wo sie, die immer auf Sachkenntnis gepocht hat, die Verhältnisse nicht kennt, will Alice Ströver nicht. Wäre sie Mitglied einer großen Volkspartei, für die verdiente Aktivistin würde sich schon ein gut dotiertes Pöstchen finden lassen. Als Grüne muss man sich selber helfen. Was bleibt, ist die Hoffnung auf ein Happy-End wie in Smokies Popklassiker. Da sieht der Ich-Erzähler, wie seine Nachbarin plötzlich und unerwartet von einer dicken Limousine mit Chauffeur abgeholt wird: Alice im Wunderland.

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