Kulturpolitik : Das ganz normale Berliner Leben

Was heißt hier deutsch? Wie globalisierte Kultur im hauptstädtischen Alltag funktioniert.

Matthias Lilienthal

Drinnen oder draußen? Der deutsche Kulturbetrieb hat die Globalisierung verschlafen und dreht sich vor allem um sich selbst, schrieb der Kulturmanager Michael Schindhelm vor einigen Wochen im Tagesspiegel (31. 12. 2009). Die Aufgaben auswärtiger Kulturpolitik für die nächsten Jahre hat Klaus-Dieter Lehmann, Präsident des Goethe-Instituts, dargestellt (13. 1. 2010). Heute beschreibt Matthias Lilienthal, Intendant des Berliner Bühnenkombinats Hebbel am Ufer (HAU), die Produktionsbedingungen und Vernetzungen zeitgenössischer Kultur.



Eine ziemlich lange Zeit hatte Stefan Kaegi, Mitglied des Regiekollektivs Rimini Protokoll, nur ein Postfach im Hebbel am Ufer. Er inszeniert mal in Salvador de Bahia, dann in München, Buenos Aires oder Kairo, und dieses Postfach war so etwas wie sein Zuhause. Es spricht Englisch, Französisch, Spanisch, Portugiesisch, und wenn er vier Wochen in Polen arbeitet, lernt er auch diese Sprache ansatzweise. Ob er gerade für den Kunstverein Heidelberg, die Kammerspiele in München oder das HAU arbeitet, spielt eigentlich keine Rolle.

Jetzt inszeniert er mit Helgard Haug in Vancouver. Dort sitzt die Software-Schmiede für die Games Industry, und in ihrem Stück „Best Before“ spielen 200 Zuschauer auf Konsolen und erfinden ihre eigenen Avatare. Immer wieder lassen sich Rimini Protokoll von lokalen Gegebenheiten anregen und versuchen, an technologische Innovationen anzuknüpfen.

Vor einem Jahr hat Kaegi in Kairo inszeniert. Anlass für sein Stück „Radio Muezzin“ war das akustische Panorama durch den Muezzinruf von den zahllosen Moscheen, das ihn interessierte. Bei einem Gastspiel in Jordanien hatte er mitbekommen, dass der Ruf des Muezzins per Rundfunk von der zentralen Moschee ausgestrahlt wird. Die Muezzins verlieren durch die Zentralisierung nicht nur ihren Job, sie verlieren so auch ihre eigentliche Berufung. Vier Muezzins erzählen in Kaegis „Radio Muezzin“ ihre Lebensgeschichten. Einer von ihnen gehört zu den 36 Ausgewählten, die in Kairo von der zentralen Moschee ausrufen dürfen. Mag die Zentralisierung auch ein Kanalisieren von islamistischen Strömungen bedeuten, ein Verlust von individueller Kultur und Tradition ist sie mit Sicherheit.

Muezzins sind aber auch für viele Europäer die Spitze eines als problematisch empfundenen Islam, wie es wieder an der Schweizer Minarett-Entscheidung zu sehen war. In der Aufführung lernt man sehr ländliche Menschen kennen, die keinem der Klischees entsprechen. Die in Berlin uraufgeführte Produktion wurde vom HAU und dem Goethe-Institut Ägypten mit Unterstützung der Kulturstiftung des Bundes realisiert und hat mittlerweile 25 Gastspiele hinter sich.

Das HAU produziert und versteht sich im Berliner Umfeld ebenso wie im europäischen und größeren internationalen Zusammenhang. Die vier wichtigen Haus choreografen heißen Mette Ingvartsen (geboren in Dänemark und ausgebildet in Belgien), Jeremy Wade (zuvor in New York), Simone Aughterlony (ausgebildet in Neuseeland) und Yasmeen Godder (aus Tele Aviv): also allesamt wirkliche Berliner.

Natürlich hat gerade das deutsche Theater das Problem, dass die Sprache ein Hindernis bei Gastspielen in England und den USA darstellt, merkwürdigerweise viel weniger in Brasilien. Aber es gibt eine internationale Theaterwelt, in der Inszenierungen von Christoph Marthaler, Frank Castorf und Christoph Schlingensief in den nuller Jahren eine entscheidende Rolle gespielt haben. Wenn man in New York Taxi fährt, hört man Berichte über die „Stadt mit den drei Opernhäusern“. Die europäischen Opernhäuser reichen die Inszenierungen von Christoph Marthaler, Stefan Herheim, Peter Konwitschny von einem Haus zum anderen.

Auch andere Städte in Europa versuchen, neue Modelle von künstlerischer Produktion zu praktizieren. Paris zum Beispiel will mit dem neu gegründeten Centre 104 der Tatsache Rechnung tragen, dass das Produzieren in fein getrennten Sparten zunehmend keinen Sinn mehr macht. Alles fließt: Bildende Künstler artikulieren sich im Moment stark über Performance, das Theater dreht Filme, macht Bildende Kunst, Bildende Kunst dreht die besseren Filme als das Kino und das Kino wird zum Ort für Performances.

Paris hatte bis zum Jahr 1985 ein städtisches Beerdigungsmonopol und dafür ein großes Areal. In den letzten Jahren wurden die riesigen Hallen als „Centre 104“ mit exzellenten technischen Bedingungen zu Ateliers ausgebaut. Sie sind perfekt für Theaterleute, Filmemacher, Maler, Videokünstler, jeder Raum bietet fast allen Kunstgattungen großartige Bedingungen. Paris leistet sich diese riesigen Ateliers und setzt damit auf so etwas wie ein neues Centre Pompidou. Paris hat aber nicht das, was Berlin bietet: internationale und deutsche Künstler, die hierherziehen, weil es billigen Wohn- und Arbeitsraum gibt. Hier existiert eine Szene, die sich gegenseitig befruchtet und die gerade aus der Nutzlosigkeit der Stadt lebt. Die Namen von Olafur Eliasson, Douglas Gordon, Janet Cardiff, Daniel Richter, Jonathan Meese kennt jeder.

Das wäre auch ein Ansatz, den Festspielgedanken einmal neu zu überdenken. Gegründet in Berlin und Wien mit dem Ziel, in den vom Zweiten Weltkrieg zerstörten Städten an die internationale Kulturentwicklung anzuschließen, haben sich die Bedingungen für Festspiele mittlerweile grundlegend geändert. Fehlen nicht eher Werkstätten großen Ausmaßes, in denen sich Kunst neu erfindet? Also ein großes Atelier, ähnlich dem 104 in Paris? Vielleicht wäre das auch ein Ansatz, durch den neue Bewegung in die eingefrorenen Fronten der Berliner Kunsthallen-Diskussion kommt.

Michael Schindhelms Behauptung der Selbstbezogenheit deutscher Kultur kommt mir doch etwas obsolet vor. Die kulturellen Bestrebungen der arabischen Länder und Chinas beglaubigen das Schwinden der nordamerikanischen Hegemonie. Dabei stellen sie vielleicht die ökonomischen und kulturellen Gewichte wieder her, wie sie um 1900 herum existierten. Will sagen, ich erkenne in erster Linie die (Wieder-)Herstellung der gleichberechtigten Rollen im internationalen Kulturkonzert, die mehr als legitim sind. Meine Perspektive von künstlerischer Produktion allerdings sucht auch nicht die Staatsnähe, die ich hochgefährlich finde: „Deutschland braucht eine Denkfabrik, in der Kunst, auswärtige Politik, Wissenschaft und Wirtschaft gemeinsam eine neue Vermittlung von Soft Power entwickeln“, fordert Schindhelm. Das ist eine staatliche Instrumentalisierung von Theater und Kunst, die ich ablehne. Das führte zu einer staatsgelenkten Kunst.

Gerne biete ich Michael Schindhelm einen Blick in Produktions- und Arbeitsweisen von Orten wie dem HAU an, vielleicht empfindet er dann selbst das Altbackene seiner deutschkitschigen Perspektiven. Die Globalisierung der Kultur ist bei uns sehr offensiv Teil des Alltagslebens, sie bedingt Themen und künstlerische Produktionsweisen. Die Frage nach der Bedeutung deutscher Kultur scheint da etwas aus der Zeit gefallen zu sein.

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