• Kulturpolitik: Deutschlands Ausstellungshäuser befinden sich in der Defensive: Verkauft den Monet, okay? Warum Museen ihre Depots schützen müssen

Kulturpolitik : Deutschlands Ausstellungshäuser befinden sich in der Defensive: Verkauft den Monet, okay? Warum Museen ihre Depots schützen müssen

Der Deutsche Museumsbund hat einen "Leitfaden zum Sammeln und Abgeben von Museumsgut" herausgegeben. Zufall oder nicht? Wenige Wochen später erschien das umstrittene Buch "Der Kulturinfarkt", in dem die Schließung der Hälfte aller Museen in der Bundesrepublik gefordert wird.

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Das Wort ist heraus. Die Hälfte aller Kultureinrichtungen soll geschlossen werden, fordern die vier Autoren des umstrittenen Buchs „Der Kulturinfarkt“. Bei 6000 bundesdeutschen Museen würde sich das lohnen. Schließlich hängen landauf, landab die immergleichen WarholPolke-Baselitze in den Häusern, lautet das Argument. Dass die vielen Spezialmuseen ihr ganz eigenes, regionales Profil entwickelt haben, wird dabei gerne unterschlagen. Aber wie wäre es zumindest mit dem Abbau von Überflüssigem?

Dieser Frage müssen sich die Museen längst stellen. So ist es kein Zufall, dass nur wenige Wochen vor Veröffentlichung des „Kulturinfarkts“ der Deutsche Museumsbund einen „Leitfaden zum Sammeln und Abgeben von Museumsgut“ herausgegeben hat. Nicht als schmissige Initiative, sondern als Instrumentarium der Defensive (www.museumsbund.de). Immer wieder ist in den letzten Jahren an die Direktoren die Forderung herangebrandet, ihre kostenintensiven Depots zu verschlanken. In Hamburg und Baden-Württemberg wollten sich die Kommunalpolitiker beziehungsweise der Landesrechnungshof die schlummernden Werte beziffern lassen; die Kommerzialisierung des Lebens sollte nicht vor dem Hort ewiger Werte haltmachen dürfen. Dieser Verführung können sogar Kuratoren erliegen. Beinahe hätte Krefeld vor fünf Jahren seinen Monet verkauft, um die defekte Klimaanlage zu sanieren. Bonn trennte sich tatsächlich von seinem Baselitz, um das Defizit im Etat nach einer Ausstellungspleite auszugleichen. Und die Bremer Weserburg trug ihren Richter zu Markte, um damit die Sanierung des Hauses zu bezahlen.

Jedes Mal ging ein Aufschrei durch die Feuilletons, nicht anders als jetzt bei dem Vorstoß des „Infarkt“-Quartetts. Ebenso schnell meldeten sich Ökonomen zu Wort – unter Verweis auf die längst gegebene Marktnähe der Museen als Kunden auf Messen und Auktionen, als Organisatoren profitabler Blockbuster-Ausstellungen oder Berater von Privatsammlern (Dirk Boll, Hrsg.: Marktplatz Museum. Sollen Museen Kunst verkaufen dürfen? Rüffer & Rub, 28,50 €). Als Argument werden die großen amerikanischen Museen angeführt, die ein weitaus entspannteres Verhältnis zur Veräußerung ihrer Schätze haben, da ihre Sammlungen auf der Grundlage privater Zustiftungen entstanden sind: „Why it’s okay to sell the Monet.“ Seit 2008 hat hier allerdings die Finanzkrise für Entzauberung gesorgt, in deren Folge plötzlich ganze Häuser zur Disposition standen wie das renommierte Rose Museum der Brandeis University in Boston. Den rauen Wind der Wirtschaftlichkeit bekommen auch hierzulande die Museen zunehmend zu spüren, wenn sie sich für ihre Kosten rechtfertigen müssen. Ganz zu schweigen von den drastischen Kürzungen in den Ankaufs- und Ausstellungsetats.

So mancher Verkauf wurde hinterher bereut

Die Ausstellungshäuser befinden sich zunehmend in der Defensive, wenn sie erklären müssen, warum zwei, drei Druckfassungen einer Dürer-Grafik wie etwa im Berliner Kupferstichkabinett eine Kostbarkeit und keine disponible Masse darstellen, auch wenn es sich um vermeintliche Doubletten handelt. Im Depot bildet sich das historische Gedächtnis einer Sammlung ab, die immer wieder neuen Einschätzungen unterworfen ist und gerade deshalb dem schnellen Austausch entzogen ist. Was heute als zweite Reihe angesehen wird, kann sich schon morgen als Meisterwerk darstellen. Das beste Beispiel ist El Greco und seine Wiederentdeckung in den dreißiger Jahren im Zuge des Expressionismus, das traurigste die Nazi-Aktion „Entartete Kunst“, bei der die Moderne aus den deutschen Museen gefegt wurde.

„Entsammeln“ lautet heute der Begriff, unter dem die Endreinigung der Depots gesellschaftsfähig gemacht werden soll. Es ist die Vorstufe zur Schließung, wie sie einigen Kultur-Hasardeuren gegenwärtig vorschwebt. Höchste Zeit in die Offensive zu gehen. Der wichtigste Punkt im aktuellen Leitfaden der Museen – neben der eisernen Vorgabe, die Einnahmen aus Verkauf nur Neuerwerbungen zugutekommen zu lassen – lautet deshalb: Klärung des Sammlungskonzepts. Dann sollen sie mal kommen.

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