Kulturradio Sommerlounge : Händel und der Hip-Hop

Ein warmer Sommerabend, klassische Musik, das Ganze auf dem Wasser - was will man mehr? Zum Beispiel kein Konkurrenzkonzert nur wenige Meter entfernt. Ein Bericht von der Kulturradio Sommerlounge im Watergate.

von
Viele Menschen wollten unter anderem Igor Levit spielen hören.
Viele Menschen wollten unter anderem Igor Levit spielen hören.Foto: Gudrun Reuschel

Wer sich in Gefahr begibt, kommt darin um. Ein Spruch, an den sich die Kulturradio Klassik Lounge im Watergate zum Glück nicht hält. Unerschrocken hat sie am Mittwoch zum dritten Mal ihre Sommervariante draußen auf der Spree veranstaltet. Was für eine Stimmung! Sanft schaukelt der Ponton auf dem Fluss, warmer Wind streichelt die Haut, der Weißwein ist kühl – und die Wolken fahren ihre Tatzen zwar aus, in Gestalt einer schwarzgrauen Drohkulisse, schlagen aber nicht zu. Es bleibt trocken. Kann es besser kommen?

Es kann. Die Gefahr, von der eben die Rede war, dräut von anderer Seite. Auf der Oberbaumbrücke hat sich eine Gruppe Punks wohnlich installiert. Mit allem, was dazu gehört: Hip-Hop-Musik aus dem Ghettoblaster, dazu anlassfreies Rumgegröle. Das neogotische Gewölbe der Brücke wirft den Schall dreimal verstärkt aufs klassische Konzert nebenan. Baiba und Lauma Skride haben keine Chance, da können die Schwestern Geige und Klavier noch so feinnervig aufeinander abstimmen, in Griegs 2. Violinsonate oder Ravels „Tzigane“.

Kaum besser ergeht es Igor Levit, der in Beethovens fragiler 14. Klaviersonate („Mondschein“) auf alles romantische Pathos verzichtet und dabei Momente von stiller, großer Schönheit freilegt. Man ahnt es, ohne es wirklich zu hören. Ob die Punks das absichtlich tun, aus Bösartigkeit, Dummheit oder Ignoranz, ob sie überhaupt mitkriegen, was 20 Meter von ihnen entfernt passiert – es lässt sich nicht entscheiden. Der Abend wird eine Übung in großstädtischer Toleranz. Haben wir halt zwei Konzerte gleichzeitig. Aber als der Hip-Hop richtig aggressiver Oi!-Musik Platz machen muss, wird es brutal. Was ist noch cooles Berlin, was einfach schlimm? Wer hat recht, wer muss auf wen Rücksicht nehmen? Wem gehört der öffentliche Raum? Klassische Musik muss und soll die schützende Hülle des Konzertsaals verlassen. Aber wenn sie es tut, muss ihr klar sein, welchen Gefährdungen sie sich aussetzt.

Hinreißend gespielte Wassermusik

Mehr Glück hat, nach der Pause, die Lautten Compagney, mit hinreißend gespielten Auszügen aus Händels Wassermusik-Suite und einer Ouvertüre von Telemann (die ausgerechnet Hamburg besingt, das sei jetzt mal verziehen). Die Punks drehen die Regler runter, manchmal. Aber Musik entsteht auch und gerade in den Pausen, in denen das eben Gehörte sich im Kopf sammelt. Und gerade in der Stille dröhnt es von der Brücke besonders laut.

Die fantastische Akkordeonistin Ksenija Siderova schafft es, die Situation mit herzöffnendem Charme wegzulächeln und ihrem Instrument in Stücken von Rachmaninow oder Piazolla so etwas wie neuen Sex-Appeal einzuhauchen. Mit dem letzten Takt wird es auch auf der Brücke still. Zu spät. Die Blase, in der klassische Musik für gewöhnlich stattfindet, ist längst zerplatzt. Sie überhaupt als solche kenntlich gemacht zu haben, das ist das Verdienst dieses Abends.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben